© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. Januar 2000


Er vertrieb den Harlekin
Vor 300 Jahren wurde Johann Christoph Gottsched geboren

Kaum einer weiß heute noch etwas mit ihm anzufangen. Sein Verdienst aber ist es zweifellos, daß er sich als einer der ersten mit dem Begriff und der Bedeutung der deutschen Gesamtliteratur auseinandergesetzt hat. Die Rede ist von Johann Christoph Gottsched, dem "Literaturpapst", der schon zu Lebzeiten vom Thron gestoßen wurde, ohne den aber Dichtung in deutscher Sprache kaum denkbar ist.

Überliefert sind vor allem die negativen und spöttelnden Kritiken seiner Zeitgenossen. So reimte der Mohrunger Johann Gottfried Herder nach Gottscheds Tod am 12. Dezember 1766: "Herr Gottsched starb! Der alte wackre Mann/ der lebenslang viel schrieb und sann,/ und, um nicht nachzusinnen, übersetzte,/ und, statt zu überwinden, plump zerfetzte;/ der unsere Sprache, wie Augias’ Stall/ rein wässerte, ein Herkul überall/ mit Hand und Mund, an Schultern und an Lenden;/ der, um die Schmach Germaniens zu enden,/ französ’schen Wind ins deutsche Bleirohr zwang/ und mit dem Luftknall zwanzig Jahre lang/ wie Sperlinge die deutschen Musen scheuchte ..."

Einer seiner ärgsten Gegner neben den Schweizer Professoren Bodmer und Breitinger war der im sächsischen Kamenz geborene Gotthold Ephraim Lessing; er ließ ihn in seinem 17. Literaturbrief (1759) nicht ungeschoren, wenn er schreibt: ",Niemand‘, sagen die Verfasser der Bibliothek, ,wird leugnen, daß die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe.‘ Ich bin dieser Niemand; ich leugne es geradezu. Es wäre zu wünschen, daß sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte. Seine vermeinten Verbesserungen betreffen entweder entbehrliche Kleinigkeiten oder sind wahre Verschlimmerungen [...] er ließ den Harlekin feierlich vom Theater vertreiben, welches selbst die größte Harlekinade war, die jemals gespielt worden; kurz, er wollte nicht sowohl unser altes Theater verbessern, als der Schöpfer eines ganz neuen sein. Und was für eines neuen? Eines französisierenden; ohne zu untersuchen, ob dieses französisierende Theater der deutschen Denkungsart angemessen sei oder nicht ..." – Mit diesen Zeilen hat Lessing schon erläutert, worauf sich die Bestrebungen Gottscheds konzentrierten. Erst aus heutiger Sicht aber ist sein Verdienst wohl objektiver zu betrachten. So umreißt Paul Fechter in seiner "Geschichte der deutschen Literatur" das Werk Gottscheds knapp und präzise mit den Worten: "Er nahm den Kampf auf gegen alles, was Theater war, und ersetzte es durch Literatur. Von seiner Zeit datiert eigentlich die Vorherrschaft des auswendig gelernten Theaters. Sein Kampf war berechtigt als Kampf gegen die Zeitrohheit, die auf nichts Rücksicht nahm ..."

Paul Fechter war es auch, der den beißenden Spott milderte, mit dem kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe einen Besuch bei Gottsched in Leipzig schilderte. In "Dichtung und Wahrheit" berichtet Goethe, wie er als Student 1765 im "Goldenen Bären", wo Gottsched bis zu seinem Tode wohnte, durch ein Versehen des Dieners in ein Zimmer gelangte, in dem er Gottsched noch unvorbereitet und ohne seine Perücke antraf ("sein ungeheures Haupt war kahl und ohne Bedeckung"). Als der Diener durch eine Seitentür in den Raum sprang und dem Herrn Professor eine große Allongeperücke reichte, hob Gottsched "mit der linken Hand die Perücke von dem Arme des Dieners, und indem er sie sehr geschickt auf den Kopf schwang, gab er mit seiner rechten Tatze dem armen Menschen eine Ohrfeige, so daß dieser, wie es im Lustspiel zu geschehen pflegt, sich zur Tür hinauswirbelte, worauf der ansehnliche Altvater uns ganz gravitätisch zu sitzen nötigte und einen ziemlich langen Diskurs mit gutem Anstand durchführte." – Paul Fechter nun dazu: "Die alte, derbe Aufklärung, die Selbstsicherheit der sich ihres Wertes als Besitz bewußt gewordenen Bildung kommt in dieser Szene sehr hübsch heraus. Dieser Ostpreuße ist der Fleisch und Selbstbewußtsein gewordene gesunde Menschenverstand ohne jede Beziehung zum Nichtrationalen. Er leistet, was dieser Menschenverstand nur irgend leisten kann."

Geboren wurde Johann Christoph Gottsched als Sohn eines Pfarrers am 2. Februar 1700 in Juditten. Bereits im Alter von 14 Jahren besuchte er die Universität in Königsberg, um Theologie zu studieren. Bald aber wandte er sich mehr der Literatur zu und studierte Philosophie. Gefördert wurde er von seinem Lehrer Johann Valentin Pietsch, Professor für Poesie und Beredsamkeit, Arzt und Besitzer der Hofapotheke in der Königsberger Junkerstraße. 1723 legte Gottsched sein Magisterexamen ab. Ein Jahr später ging er nach Leipzig, da er wegen seiner beträchtlichen Körpergröße befürchten mußte, von den Werbern des Königs zu den "Langen Kerls" eingezogen zu werden. In Leipzig hatte er das Glück, gleich als Erzieher der Kinder des Universitätsrektors Mencke tätig zu sein. 1725 dann begann er mit seinen Vorlesungen an der Leipziger Universität, wo er 1730 außerordentlicher Professor für Poesie und 1734 ordentlicher Professor der Logik und Metaphysik wurde. 1739 war er schließlich Rektor der Universität Leipzig. – In der dortigen Universitätsbibliothek befindet sich heute noch eine beachtliche Sammlung seiner Briefe. 1727 schon war Gottsched Senior und Reorganisator der "deutsch-übenden Gesellschaft", später "Deutsche Gesellschaft" genannt, eine Position, in der er sehr bald angefeindet wurde. 1735 heiratete der Ostpreuße die Danzigerin Luise Adelgunde Victoria Kulmus, eine gelehrte und begabte Frau, die ihm in seinen literarischen Bestrebungen tatkräftig zur Seite stand und auch selbst Dramen verfaßte, so das bekannteste "Die Pietisterei im Fischbeinrock".

Als Johann Christoph Gottsched am 12. Dezember 1766 starb, hinterließ er eine Reihe von Werken, deren berühmtestes wohl der "Versuch einer critischen Dichtkunst" (1730) ist. Noch heute ist sein "Nöthiger Vorrath zur Geschichte der deutschen dramatischen Dichtkunst" (1757 bis 1765) eine Grundlage für die theatergeschichtliche Forschung. Weitere Werke (Redekunst, 1728; Der sterbende Cato, Tragödie, 1732; Gedichte, 1736; Grundlegung einer deutschen Sprachkunst, 1748; Neue Gedichte, 1750) erlebten zum Teil mehrere Auflagen, sind heute jedoch meist vergessen.

Neben seinem Einsatz für die Reform des Theaters (zusammen mit der Schauspieltruppe der Caroline Neuber) machte sich Gottsched auch für die Übersetzung französischer Stücke ins Deutsche stark. Seine Erkenntnisse über das Wesen der Übersetzung mögen auch heute noch ihre Gültigkeit besitzen: "Man untersuche die Schönheit und Anmut der Ausdrückungen", so Gottsched, "und prüfe jeden Satz der Übersetzung, ob er auch mehr oder weniger sagt, als der Schriftsteller hat sagen wollen [...] Durch solche Prüfungen lernt man gewiß nicht wenig. Man wird selbst viel aufmerksamer in seinen eigenen Arbeiten und lernt viele Fehler vermeiden, die man sonst nicht einmal wahrgenommen oder für Fehler angesehen hätte ..."

Als eine "steile Karriere" würde man heute den Lebensweg des Pfarrerssohns aus Juditten bezeichnen. Dr. Winfried Sdun erläuterte einmal in unserer Wochenzeitung, wie es möglich war, daß Johann Christoph Gottsched zu seiner Zeit derartig viel erreichen konnte: "Gottscheds Aufstieg zum – für kurze Zeit – absoluten Herrscher der deutschen Literatur wurde dadurch begünstigt: In Königsberg hatte Pietsch die Tradition von Opitz lebendig erhalten und seinem Schüler weitergereicht. Es war die große Tradition und Autorität der Renaissancepoetik. In Leipzig verband er damit den obersten Kritikerposten, den er von Mencke übernahm, und er verband damit die herrschende aufklärerische Philosophie des Leibnizschülers Christian Wolff, mit dem Gottsched auch gemeinsam hat, daß schon er die deutsche Sprache an der Universität durchsetzte und – mit dem Jahr 1740 – ebenfalls überlebt war ..."

So umstritten das Wirken Gottscheds auch sein mochte, seine Abhandlungen über die "Deutsche Sprachkunst" fanden weithin Anerkennung. Selbst in Österreich setzte sich seine "Sprachkunst" durch, so daß im Theresianum in Wien gar ein Lehrstuhl für deutsche Sprache eingerichtet wurde. Kaiserin Maria Theresia lobte anläßlich eines Empfanges 1749 den Ostpreußen: "Ich sollte mich scheuen, mit dem Meister der deutschen Sprache deutsch zu reden, denn wir Österreicher haben eine sehr schlechte Sprache." Ganz anders Friedrich II.! Der Preußenkönig nannte den Gelehrten amüsiert einen "cygne saxon", einen "sächsischen Schwan", der "die Herbheit der Töne einer barbarischen Sprache mildern werde". Seinem Königsberger Freund, dem Pfarrersohn Christian Coelestin Flottwell, erzählt Gottsched in einem Brief von der Begegnung mit dem König im Jahr 1757. Friedrich der Große ließ sich einige Übersetzungen Gottscheds aus dem Französischen vorlesen und verglich sie dabei mit dem Original. "Ob er nun gleich", so Gottsched an Flottwell, "viele deutsche Worte nicht verstund, so kritisierte er doch andere sehr gründlich und lobte wieder viele Stellen, die ich besser ausgedrückt hätte, als er sich jemals möglich zu sein eingebildet hätte. – Als ich sagte, daß die deutschen Dichter nicht genug Aufmunterung hätten, weil der Adel und die Höfe zu viel Französisch und zu wenig Deutsch verstünden, um alles Deutsche recht zu schätzen, sagte er: ,Das ist wahr, denn ich habe von Jugend auf kein deutsches Buch gelesen und ich rede sehr schlecht (je parle comme un cocher), jetzo bin ich aber ein alter Kerl von 46 Jahren und habe keine Zeit mehr dazu.‘" Der oben erwähnte Christian Coelestin Flottwell war es übrigens, der in Königsberg nach Leipziger Vorbild eine "Deutsche Gesellschaft" ins Leben rief. Sie sollte ein Bindeglied zwischen Universität und Bürgerschaft sein und dem Gedanken der deutschen Bildung dienen. 1743 erhielt die Gesellschaft königliches Privileg und nannte sich daraufhin Königliche Deutsche Gesellschaft. Flottwell wurde ihr erster Direktor. Diese Gesellschaft war die erste freie bürgerliche Vereinigung in der Geschichte Ostpreußens; sie bestand bis 1945 fort.

Gottsched kam 1744 noch einmal nach Königsberg, um sein "geistiges Kind" zu besuchen, und wurde mit großen Ehren empfangen. Später wurden ein Platz, eine Straße und die Volksschule in Juditten nach ihm benannt. Eine Gedenktafel schmückte sein Geburtshaus in Juditten. Eine Gottschedgesellschaft, gegründet von dem Literaturhistoriker Eugen Reichel und von Ernst Wichert, dem Richter und Dichter aus Insterburg, bemühte sich das Andenken an den Gelehrten wachzuhalten.

Wenn auch das Wirken Johann Christoph Gottscheds heute weithin in Vergessenheit geraten ist, so mag man seine Bedeutung für die deutsche Literatur, für die deutsche Sprache doch nicht verkennen. Professor Dr. Helmut Motekat brachte die Verdienste des Gelehrten in seiner "Ostpreußischen Literaturgeschichte" (München, 1977) auf einen kurzen Nenner: "Gottsched gab der Dichtung seiner Zeit, was ihr fehlte: Ordnung, Gesetz und Maß. Es waren freilich pedantische Regeln und starre Gesetze. Das Schöpferische der Kunst hatte in ihnen keinen Platz, und der Irrtum Gottscheds, daß Kunst nach Regeln ginge, hat ihm schon bald Ablehnung und Spott eingebracht. Aber auch dort, wo er das Wesen der Dichtung verkannte und seine irrtümlichen Auffassungen zäh verteidigte, diente er der Sache, indem er die kritischen Geister seiner Epoche provozierte ..." Silke Osman