© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. Februar 2000


Der Revolutionär auf dem Zwischendeck
Die Finanzierung politischer Umstürze während des Ersten Weltkrieges (Teil IV) / Von Hans B. v. Sothen

Doch Deutschland war nicht das einzige Land, das während des Ersten Weltkrieges versucht hatte, diesen Krieg durch einen politischen Umsturz auf seiten des Feindes zu gewinnen. Althergebrachte diplomatische und ritterliche Verhaltensweisen, die vormals selbstverständlich auch während des Krieges gegolten hatten, waren außer Kraft gesetzt. Gesetze staatlicher oder dynastischer Legitimität galten nicht mehr. Konnte der Krieg durch Umsturz gewonnen werden, warum dann keine Revolution anzetteln? Daß sich eine solche Handlungsweise gegenüber den russischen Romanows über kurz oder lang auch gegen das Haus Hohenzollern in Berlin oder das Haus Windsor in London selbst richten könnte, dieser Gedanke kam den meisten Nachfolgern Machiavellis in den europäischen Außenministerien nicht.

Bereits am 3. Dezember 1917, also weniger als einen Monat nach Lenins Machtübernahme, überlegte man sich im britischen Kabinett, wie man die Pro-Entente-Kräfte in Rußland wirkungsvoll unterstützen könnte.

Daher kam man erst anläßlich der Pariser Gipfelkonferenz der Alliierten am 23. Dezember, an der erstmals der gerade gewählte französische Premier Clemenceau teilnahm, überein, "alles zu tun, die antibolschewistischen Bewegungen in Süd- und Südostrußland und anderswo zu unterstützen".

Die Alliierten versuchten daraufhin, wie ein jüngst erschienenes Werk von Gordon Brook-Sheperd (Iron Maze – The Western Secret Services and the Bolsheviks, London: Macmillan, 1998) beweist, die Sowjetmacht durch finanzielle Unterstützung der Opposition zu schwächen. Parallel dazu verfiel man auch auf den naheliegenden Gedanken, sich die Sowjets selbst durch Geldzahlungen politisch gefügig zu machen. Ein Memorandum vom April 1918, kurz nach dem deutsch-russischen Friedensschluß, des erfolgreichsten britischen Spions in Sowjetrußland, Sydney Reilly, das von Clemenceau befürwortet wurde, ging zur Sache:

"… Geld ist der einzige wichtige Faktor für die sowjetischen Führer und erklärt alle deutschen Erfolge. Dies bedeutet für uns eine Zurverfügungstellung von etwa einer Million Pfund Sterling – und ein Teil davon wird ausgegeben werden müssen ohne Garantie auf einen sicheren Erfolg. Die Arbeit in dieser Richtung muß sofort beginnen, vielleicht ist es dafür schon zu spät. Wenn diesem Vorschlag zugestimmt wird, müssen Sie darauf vorbereitet sein, daß jederzeit und kurzfristig Verpflichungen in jeder Höhe auf Sie zukommen können. Wenn nicht, dann ist die Frage nur, ob die Unterstützung dann von uns oder von den Deutschen kommt."

Doch die Briten lehnten diesen Vorschlag kommentarlos ab, der eine abenteuerlich hohe Summe ohne die geringste Verpflichtung zur Ablegung von Rechenschaft von ihnen gefordert hätte. Darüber hinaus war dem Geheimdienst die unersättliche Geldgier ihres genialen Spitzenagenten Reilly selbst bekannt. Jedenfalls wurden die Pläne einer mit britischem Geld finanzierten Gegenrevolution in Rußland oder einer Finanzierung der Sowjets selbst schon bald zugunsten eines aktiven militärischen Eingreifens verworfen.

Dafür scheint Reillys Gedanke, die Sowjets selbst zu finanzieren, in den Vereinigten Staaten auf umso fruchtbareren Boden gefallen zu sein. Das gerade neu aufgelegte Werk eines früheren Mitarbeiters der angesehenen Hoover-Institution (Antony Sutton: Wall Street and the Bolshevik Revolution; Cutchogue, New York: Buccaneer Books, 1999) stützt sich bei der Untersuchung dieses brisanten Themas auf in der Wissenschaft weitgehend unbekanntes Material aus dem U. S. State Department.

Leo Trotzki galt in der Geschichtsschreibung stets als besonders kompromißloser Feind Deutschlands. Nachdem er als "gefährlicher Aufwiegler" Ende Oktober 1916 aus Frankreich ausgewiesen worden war, wurde er ins neutrale Spanien abgeschoben. Schon wenige Tage später wurde er als "bekannter Anarchist" in Madrid verhaftet und verbrachte zwei Monate in spanischen Gefängnissen. Am Vorabend des neuen Jahres 1917, das der Welt zwei Revolutionen in Rußland bescheren sollte, befand er sich mit Frau und zwei Söhnen auf einem Schiff, zweiter Klasse – Zwischendeck, von Gibraltar nach Amerika. Einem französischen Freund schrieb er: "Mein Blick blieb lange auf der im Dunst davonschwimmenden alten Kanaille Europa haften …"

Schon bald sollte er an der Revolutionierung dieses Erdteils entscheidenden Anteil bekommen. Doch in jenem Moment schien das alles so fern wie irgend denkbar. Nur ganze zweieinhalb Monate sollte er sich in den USA aufhalten. Eine Zeit, die die meisten seiner Biographen übergehen oder summarisch abhandeln. Am 13. Januar 1917 erreichte er New York.

Bereits nach den ersten Nachrichten über die bürgerliche Februarrevolution in Rußland stand für Trotzki fest: er mußte zurück nach Rußland. Am 27. März befand er sich an Bord des norwegischen Dampfers "Christiania Fjord", der nach Europa fuhr. Bei einer Inspektion im kanadischen Hafen Halifax wurden er und seine Familie von den britischen Behörden verhaftet. Diese hatten von London eine Nachricht erhalten, Trotzki sei unterwegs, um mit deutschem Geld die russische provisorische Regierung in Petrograd, die sich alliiertenfreundlich gab, zu stürzen. Das konnte für die Briten mitten im Weltkrieg natürlich keine wünschenswerte Entwicklung sein.

In einer neueren Trotzki-Biographie des Sowjet-Generals Dmitrij Wolkogonow liest man zu diesen Vorgängen seine offizielle Version der Geschehnisse: "Nach hartnäckigen Protesten der ,Prawda‘ gegen die Willkür der britischen Behörden sah sich die Provisorische Regierung genötigt nach Halifax zu telegraphieren und die Engländer zu bitten, die internierten russischen Bürger freizulassen. Drei Wochen später erreichte Trotzki Skandinavien und fuhr mit dem Zug nach Petrograd." War das wirklich so einfach?

In seinen Memoiren faßte sich Trotzki über diese Zeit kurz: "Mein einziger Beruf in New York war der eines revolutionären Sozialisten." Ab und an schrieb er einen Artikel in der russischsprachigen Zeitung "Nowy Mir", wofür es manchmal ein paar Dollar gab. Dennoch mußte die Familie Trotzki nicht darben. Sie besaß eine teure Wohnung mit Telefon und Kühlschrank, damals ein unerhörter Luxus. Selbstverständlich verfügte man bei Bedarf über einen Chauffeur. Von seinem "großzügig geschätzten" Einkommen von insgesamt etwa 250 Dollar während seiner zweieinhalb Monate in den USA war er in der Lage, seine Freunde großzügig zu unterstützen – in einem Fall mit über 310 Dollar –, seine luxuriöse Wohnung zu bezahlen, seine Familie zu ernähren und schließlich gegen Ende seines Aufenthaltes die benötigten 10 000 Dollar zu bezahlen, die die kanadischen Behörden von ihm im April 1917 bei seiner Ausreise nach Rußland verlangen sollten.

Das ließ bereits damals Gerüchte aufkommen, Trotzkis Finanzen speisten sich aus anderen Quellen, als er behauptete. Möglicherweise war ein Teil des Lebensstandards der Familie seiner Frau zu verdanken, die die Tochter des Bankiers Giwotowski war, der wiederum beste Beziehungen zu einflußreichen Bankierskreisen in New York besaß. Trotzkis Schwager Abraham Giwotowski (in einigen Quellen auch Givatovzo genannt) war vor der Revolution Privatbankier in Kiew gewesen und saß jetzt in in Stockholm. Interessant ist auch die enge verwandtschaftliche Beziehung Giwotowskis zu Lew Kamenew, der eine führende Position im Sowjetregime einnehmen sollte. Obwohl selber kein Sympathisant des neuen Leninschen Regimes, war Giwotowski etwa im Jahr 1918 an Währungstransaktionen im Namen der Sowjets beteiligt. Aus einem Bericht des amerikanischen State Department geht hervor, daß er große Summen Geldes von den Bolschewiken empfangen hatte, um revolutionäre Tätigkeiten zu finanzieren. Gleichzeitig verkaufte er mit anderen das große Vermögen der "Sibirischen Bank" an die britische Regierung. Die gängigen Trotzki-Biographien schweigen sich über diese Umstände in der Regel aus.

Doch auch für andere Quellen seines Reichtums gibt es Hinweise. So sprachen sowohl der russische Sozialist Miljukow als auch zeitgenössische amerikanische Quellen des US-Außenministeriums davon, Trotzki habe die 10 000 Dollar von den Deutschen erhalten. Für eine in den zwanziger Jahren in Zeitungen und Zeitschriften immer wieder auftauchende Theorie, Trotzki habe Geld vom New Yorker Bankhaus "Kuhn, Loeb" erhalten, haben sich dagegen keinerlei Beweise finden lassen.

Für eine deutsche Finanzierung Trotzkis spricht einiges: Auch nach der geglückten Revolution und noch vor dem Abschluß des deutsch-sowjetischen Friedensvertrags von Brest-Litowsk finanzierten die Deutschen in erheblicher Weise die Bolschewisten und unterstützten sie beispielsweise bei der Eroberung Sibiriens: Das belegt ein Telegramm des amerikanischen Konsuls in Wladiwostok vom 9. März 1918 an das US-Außenministerium: "Zu Ihrer vertraulichen Information und unverzüglichen Kenntnisnahme: Folgendes ist Kernpunkt einer Nachricht vom 12. Januar von v. Schanz von der Reichsbank an Trotzki, die das Einverständnis der Reichsbank für einen Kredit an den Generalstab über fünf Millionen Rubel dokumentiert, um den stellvertretenden Chef des Marineausschusses, Kudrisheff (d.i. Kudrjawtschew) in den Osten zu schicken." Eine solche Anweisung ist möglicherweise auf Betreiben seines alten Freundes Parvus zustandegekommen, der damals für den deutschen Geheimdienst arbeitete. Zu dieser Zeit hatte Trotzki jedoch bereits ein Bündnis mit den Alliierten vorgeschlagen.

Schon in den ersten Tagen der Oktoberrevolution gab es eine noch heute sehr merkwürdig anmutende Allianz zwischen bestimmten Washingtoner und New Yorker Kreisen und dem erst seit kurzem existierenden Regime von Lenin. Dafür sprechen insbesondere die überaus mysteriösen Umstände, unter denen Trotzki aus seinem britischen Gewahrsam in Amherst in Kanada freikam. Er wurde von den Briten verdächtigt, die mit den Alliierten verbündete sozialdemokratische Kerenski-Regierung in Rußland stürzen zu wollen (was zutraf) und "mutmaßlich ein deutscher Agent zu sein". Trotzki wurde mit fünf anderen Revolutionären am 1. April 1917 festgenommen, um am 3. April als deutscher Kriegsgefangener im Lager Amherst, Nova Scotia interniert zu werden.

In den folgenden Tagen bis zum Ende des Monats April gab es einen intensiven telegraphischen Kontakt zwischen kanadischen und US-amerikanischen Stellen, bis klar wurde, daß sich sogar der Präsident der Vereinigten Staaten, Thomas Woodrow Wilson, für die Freilassung Trotzkis und der anderen Internierten und ihre Weiterreise über Norwegen nach Rußland einsetzte. Dies ist eine bis heute höchst rätselhafte Angelegenheit. Was für ein Interesse hatten die Amerikaner? Warum setzte man sich von höchster Seite für Trotzki ein? Die Rekonstruktion jener Tage bleibt lückenhaft. Nur soviel ist sicher: Eine Schlüsselrolle spielt ein gewisser Charles Richard Crane. Er war Vorsitzender des Finanzkomitees der Demokratischen Partei gewesen, der auch der damalige Präsident der Vereinigten Staaten angehörte. Crane vertrat die Interessen des Westinghouse-Konzerns in Rußland, war aber andererseits mit vielen Linkssozialisten bekannt, unter anderem mit Lincoln Steffens, dem späteren Vorsitzenden der Kommunistischen Partei der USA, der ihm als Verbindungsmann zu Trotzki diente. Cranes Sohn Richard wiederum war war Privatsekretär von US-Außenminister Robert Lansing. Lansing, enger Vertrauter von Präsident Wilson, war es gewesen, der diesen schließlich davon überzeugt hatte, daß ein Krieg der USA gegen die Mittelmächte notwendig sei.

Als das Schiff schließlich von Halifax in Kanada nach Norwegen auslief, hatte es eine seltsame Fracht an Bord, wie der amerikanische Kommunist Lincoln Steffens in seinen Memoiren schrieb: "Trotzki war mit seinen Revolutionären auf dem Zwischendeck; ein japanischer Kommunist war in meiner Kabine. Eine ganze Anzahl Holländer war auf dem Rückweg von Java – die einzig unschuldigen Leute an Bord. Der Rest waren Kuriere – zwei davon von der Wall Street nach Deutschland …" (Fortsetzung folgt)