© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 04. März 2000


Kronprinz kehrte zurück
Neue Inszenierung von Matthus-Oper in Dresden

Im Jahr 1774 erbaut, erlebte das Schloßtheater in Rheinsberg zu Zeiten des Prinzen Heinrich, also bis 1802, große Oper, Schauspiele, Komödien und erregte die Aufmerksamkeit der Fachleute aus der preußischen Residenz. Dann verfiel es zusehends, und am Ende des Zweiten Weltkrieges machte eine Granate dem Gebäude den Garaus. Mit dem Wiedereinzug der Musik und des Musiktheaters in das idyllische nordbrandenburgische Städtchen liebäugelte man natürlich auch mit dieser Spielstätte. Seit 1991 beherbergt Rheinsberg nämlich eine Musikakademie und ein internationales Opernfestival. Die "Kammeroper Schloß Rheinsberg" zieht jedes Jahr an die 50 000 Besucher an, Tendenz steigend. Mehr als 500 junge Sängerinnen und Sänger aus aller Welt bewerben sich alljährlich für die Operninszenierungen, die von renommierten Künstlern geleitet werden. Für 23 Millionen ent-stand nun auf den erhaltenen Grundmauern des Schloßtheaters eine moderne, variable Spielstätte, die zur Jahrtausendwende mit der Uraufführung von Siegfried Matthus’ Oper "Kronprinz Friedrich" eingeweiht wurde. Hinter der klassizistischen Säulenfront erwartet den Besucher eine schlicht-charmante Inneneinrichtung: getünchte, unverputzte Wände, 350 blau-graue Stühle, auf denen man bequem sitzt und sehr gut hört.

Lediglich schwarze Podeste und bewegliche Kulissenwände, die die Darsteller selbst positionieren und damit intime Nähe wie öde Weite andeuten können, braucht es hier, um beklemmende Direktheit herzustellen: Keineswegs als Historiendrama beschreibt der Einakter die bekannte Tatsache, daß Friedrich Wilhelm I., unglücklich über die Freiheitsliebe und musische Neigung seines Sohnes, diesen bei der Hinrichtung des Jugendfreundes Katte zusehen ließ, über ihn selbst Festungshaft verhängte, bis er gebrochen unbedingten Gehorsam bezeugte. Das Werk will keineswegs nur an den preußischen Drill erinnern, der deutsche Geschichte mitgestaltete, es erzählt auch einen ebenso hochdramatischen wie zeitlosen Vater-Sohn-Konflikt.

Der Theatermann Thomas Höft schrieb das Libretto als stilisiertes Prosagedicht. Die Figuren schildern Geschehen und Situationen: von Angst und Kälte in der königlichen Familie, von der ersten Begegnung Friedrichs und Kattes, ihrer naiven und verspielten Nähe, von den brutalen Erziehungsmethoden des königlichen Vaters bis zur kronprinzlichen Kapitulation. Das zehnte Opernwerk von Siegfried Matthus benutzt keinerlei musikhistorische Zitate. Eine Verbeugung vor dem Flötenkönig aber ist denn doch die Instrumentierung mit, sage und schreibe, vierzehn Flöten – von der Piccolo bis zur Subkontrabaßflöte. Drei Schlagzeuggruppen bezeichnen militärische Aktion, das Cembalo zeichnet höfische Begrenztheit.

Dirigent Rolf Reuter und Regisseur Götz Friedrich führen die zehn jungen talentierten Sänger zu erstaunlicher stimmlich-darstellerischer Intensität. Die mit differenziertem Mezzo besetzten Partien von Friedrich und Katte wiederspiegeln mit zarter Leidenschaftlichkeit die pubertäre Jugendliebe, die einer existentiellen Prüfung unterzogen wird. Der grimmigliche Vater wird mit profundem Baßbariton und in seiner Verletzbarkeit und Sorge um das Staatswohl gezeichnet. Kantorstochter Dorothea, Freundin des Paares, sowie Friedrichs Mutter Sophie und Schwester Wil-helmine müssen eine expressive Matthus’sche Melodik umsetzen und klare Intonation in schwierige instrumentallosen Passagen meistern.

Gastspiele werden das "Kronprinz"-Ensemble zur Expo nach Hannover, ins Schloßtheater Bayreuth und im Juni wieder nach Rheinsberg zum Opernfestival führen. Doch bereits jetzt im März warten die Landesbühnen Sachsen in Dresden-Radebeul mit einer Neuinszenierung des "Kronprinz Friedrich" auf – in einer Streicherversion, weil dort die vierzehn Flöten einfach nicht zu besetzen sind. Paula Bölzow