© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. April 2000


"Verkauft an einen Kaffetier …"
Das Schicksal von Kants Wohn- und Sterbehaus in Königsberg
Von Heinrich Lange

Und so drang man durch eine ganz armselige Tür in das ebenso ärmliche Sanssouci, durch dessen Betreten man beim Anpochen durch ein frohes ,Herein‘ geladen wurde … Zwei gemeine Tische, ein einfaches Sofa und etliche Stühle, worunter ein Studiersitz war … Hier saß der Denker auf seinem ganz hölzernen Halbzirkelstuhle wie auf einem Dreifuß." So schildert Kants Kollege und Tischgenosse Johann Gottfried Hasse, Professor der orientalischen Sprachen und der Theologie, das Arbeitszimmer des Königsberger Philosophen in seinem Haus am Prinzessinplatz.

Das Haus beim Schloß, in dem Kant zwanzig Jahre bis zu seinem Tod am 12. Februar 1804 wohnte und lehrte, kaufte er 1783 für 5500 Gulden von der Witwe des Malers Johann Jacob Becker, der ihn 1768 für den Laden des Buchhändlers Johann Jacob Kanter in Öl porträtiert hatte. Das Gemälde, das 1945 von der Nachfolgebuchhandlung Gräfe und Unzer in den Westen gerettet werden konnte, ist jetzt als Leihgabe des Schiller-Nationalmuseums in Marbach noch bis zum 13. Mai in der Ausstellung "Kant und die Berliner Aufklärung" in der Staatsbibliothek Berlin zu bewundern. Die Datierung des Beckerschen Bildes im Begleitbuch der Ausstellung "um 1775" ist allerdings unrichtig, wie ein Brief Johann Georg Hamanns an Johann Gottfried Herder vom 28. August 1768 bezeugt, wonach der Buchhändler ein Porträt von Moses Mendelssohn aus Berlin mitgebracht habe und Kant bereits zu einem Porträt "sitze". Kant ist in dem Bilde als 44jähriger Magister und nicht als Professor der Logik und Metaphysik, zu dem er 1770 durch Friedrich den Großen ernannt wurde, dargestellt.

In Kants Haus – erstmals auf einem Stahlstich von Carl Ludwig Frommel um 1840 – befand sich im Erdgeschoß links der Hörsaal, während Kants Arbeitszimmer im Obergeschoß zur Gartenseite mit Aussicht auf das Schloß und die Löbenichtsche Kirche lag. Weil im Laufe der Jahre die Krone einer Pappel Kants gewohnten Blick auf den Turm dieser Kirche verdeckte, soll er den Nachbarn – zum Glück war es sein Verleger Matthias Friedrich Nicolovius – mit Erfolg zum Kappen des Baumes bewegt haben. In Nicolovius’ Hause wurde Kants letztes großes Werk, die "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht", vor seinem Druck 1798 redigiert. Die in der Ausstellung präsentierte originale Handschrift der Anthropologie aus der Universitätsbibliothek Rostock ist das einzige nahezu vollständig erhaltene Originalmanuskript der von Kant zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Schriften. Gerne hätte man hier den Bogen mit Kants Bewertung seiner Vaterstadt ausliegen gesehen: "Königsberg am Pregelflusse kann schon für einen schicklichen Platz zur Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann." Bis auf wenige Fragmente sind alle anderen Handschriften zu den gedruckten Werken, so auch die der drei großen Kritiken, verloren.

Hier im "Sanssouci" verfaßte Kant einen großen Teil seiner Werke, auch die überarbeitete Fassung seines Hauptwerkes, die "Kritik der reinen Vernunft" (1787), die "Kritik der praktischen Vernunft" (1788), in der er sein ethisches Pflichtgebot, den kategorischen Imperativ, formuliert: "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Oder die zahlreichen Aufsätze für die "Berlinische Monatsschrift", Hauptorgan der Berliner Aufklärung, so den berühmten Aufsatz "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" (1784) oder den "Vom Kampf des guten Prinzips mit dem bösen um die Herrschaft über den Menschen" (1792), der infolge des Religions- und Zensuredikts von 1788 unter Friedrich Wilhelm II. verboten wurde.

Als besondere Kostbarkeit des Geheimen Staatsarchivs Berlin ist in der Ausstellung das Kneiphöfische Kirchenbuch mit dem Sterbeeintrag Kants aufgeschlagen. Hier heißt es: "Der Professor Kant starb am 12t Febr. 1804 mittags um 11 Uhr, 79 Jahr 10 Monate alt an eigentlicher Entkräftung, begraben am 28ten Febr. im Professorengewölbe." Auch der Nachruf der Philosophischen Fakultät vom 18. Februar 1804 ist überraschenderweise noch erhalten: in einem dicken, in Leder gebundenen Buch als Leihgabe aus dem Allensteiner Staatsarchiv. Wie weitere, bisher unbekannte Archivalien aus dem staatlichen Allensteiner Archiv zeigen, so diejenigen von 1786, als Kant Rektor der Universität war, werden dort offenbar im Zweiten Weltkrieg ausgelagerte Bestände der Königsberger Staats- und Universitätsbibliothek verwahrt. Das Begleitbuch der Ausstellung mit vorzüglichen Aufsätzen, aber ohne Verzeichnis der Exponate, gibt darüber leider keine Auskunft.

Kants Wohn- und Sterbehaus – sein Geburtshaus in der Vorderen Vorstadt mußte bereits 1740 einem Neubau weichen – wurde nach seinem Tode an den Gastwirt Johann Ludwig Meyer verkauft. Dieser erwarb auch das zweite, nahezu identische Kant-Portrait von Becker, das 1944/45 mit dem Kant-Museum im Kneiphöfischen Rathaus vernichtet wurde. Am 21. Juli 1804 meldete die "Zeitung für die elegante Welt" in Leipzig: "Kants Haus ist verkauft, verkauft an einen Kaffetier. Unter all den wohlhabenden, reichen, und sehr reichen Bewohnern meiner Vaterstadt fand sich auch nicht Einer, der das Andenken des Weisen durch den Ankauf und edlern Gebrauch dieses Hauses geehrt hätte; der … die geringe Summe, für die das Haus verkauft wurde, daran gewagt hätte, dem Landsmann, um den bessere Zeiten uns beneiden und immer beneiden werden, ein Denkmal zu errichten … Jetzt klingen Biergläser, tönen bacchantische Gesänge aus dem Saale, aus eben dem Saale, den Jünglinge und Männer sonst mit Ehrfurcht betraten, und er ist besuchter als je!!! Über der Thüre des Hauses steht, statt einer Marmortafel mit den Worten ,Hier lebte Kant‘: Au Billard royal – und niemand ahnet oder ahndet die Schmach dieser Entheiligung!" (Fortsetzung folgt)