© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. April 2000


Christiane Vulpius: "Die Chocolade fangt an zu fehlen ..."
Über Sigrid Damms aufwendige Recherche "Christiane und Goethe"
Von KERSTIN PATZELT

Wenn Liebe je den Liebenden begeistert, ward es an mir auf’s lieblichste geleistet", heißt es in der Marienbader Elegie, mit der Goethe, bereits im Greisenalter, seine Schwärmerei für die Kindfrau Ulrike von Levetzow literarisch zu bannen suchte. Gleichsam könnten die Verse bilanzierend für die vielfältigen Inspirationen von seiten des schönen Geschlechts genommen werden, die etwa die Leiden des jungen Werther hervorbrachten oder in den Wahlverwandschaften einen Ehebruch provozierten. Frauen um Goethe hat es viele gegeben, aber nur zu einer fühlte er sich so hingezogen, daß sie ihn über fast drei Jahrzehnte hinweg halten konnte: Christiane Vulpius. War sie, wie von ihm selbst oft benannt, ein bloßer "Bettschatz" oder die wirkliche Seelengefährtin, die dem Dichterfürsten eine Insel der Behaglichkeit erschuf, auf der er zwischen einzelnen Schaffensperioden ausruhen konnte. Rund 200 Jahre nach dem Todestag der Christiane hat die Schriftstellerin Sigrid Damm eine umfangreiche Recherche hochspannend erzählt, in Buchform gebracht, um mit den Legenden einer Person zu brechen, der nicht nur in Weimar von der Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts übel nachgeredet wurde, sondern bis heute der Ruf des Zweifelhaften, des Anstößigen, ja des Vulgären anhaftet. Zum Vorschein tritt dabei eine Frau, lebenstauglich, sinnlich und couragiert, die ihr Schicksal zu meistern verstand, von der Goethe meinte, sie sei "ein Geschöpf, das in glücklicher Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht, von einem Tag zum anderen sich durchhilft". Und die er in seinen Porträtskizzen erdverbunden und Energie verstrahlend konturierte.

Auf dieses weibliche Kraftfeld traf der Dichter im Alter von 39 Jahren. Im mediterranen Süden durch ein sexuelles Abenteuer mit der braungelockten Römerin Faustina Antonini in Sachen fleischlicher Lust kundig geworden, wandte er sich nach seiner Rückkehr von der spröden, nur an geistigen Disputen interessierten Charlotte von Stein ab und der sich ihm alsbald hingebenden sinnesfreudigen Christiane zu.

Für die Autorin liegt der Fall klar auf der Hand: Körperliche Nähe ersetzt seelische. So nur habe Goethe die immerhin zehn Jahre währende Verbindung zu Charlotte von Stein lösen können, einer Frau, die das Frausein als Mühsal und Pflicht genommen, der Sinneslust abgeschworen und Reinheit zum Ideal erhoben hatte. Im Juli des Jahres 1788 begegnete Goethe der Vulpius, die zu diesem Zeitpunkt bereits schon ihre Eltern verloren hatte und der "Weimarischen Armut" angehörte. Nachdem die Mutter verstarb und der Vater, ein Jurist, wegen eines Amtsvergehens am Fürstenhof entlassen wurde, lief die bereits schon länger andauernde finanzielle Misere der Familie einem traurigen Höhepunkt zu, so daß die Tochter mit für den Familienunterhalt sorgen mußte. Sie arbeitete in der Putzmacher-Werkstadt von Caroline Bertuch und Auguste Slevoigt. Um auch den schriftstellerisch dilettierenden Bruder Christian August Vulpius zu unterstützen, versuchte sie Goethes Gönnerschaft zu erwirken.

Über ein dreiviertel Jahr blieb die Liebesbeziehung geheim, stahl sich Christiane nächtens von der Jakobsgasse ins Gartenhaus. Wie man von den Rechnungen des Schlossers Spangenberg weiß, waren deshalb mehrere Reparaturen an Goethes Liebeslager vonnöten: "Bett beschlagen, sechs Paar zerbrochenen Bänder dazu mit Nageln … ein Neu gebrochenes Bette beschlagen … noch ein Neu Bette beschlagen". Sigrid Damm unterstellt dem "sinnenfrohen Paar" deshalb wohl zurecht Phantasiebegabung und der Weimarer erinnert sich später gerne des "geschaukelten Betts lieblich knarrenden Tones". Was nicht ohne Folgen blieb: Christiane wurde schwanger. Die von ihr so gefürchtete Strafverfolgung wegen "anticipirten Beischlafs" ließ sich umgehen – immerhin war Goethe Staatsmann und stand in der Gunst von Herzog Carl August. Seinen Entschluß, Christiane und das Kind im großzügig angelegten Haus am Frauenplan inmitten der Stadt aufzunehmen und mit ihr weiterhin der "wilden Ehe" vor aller Augen zu frönen, konnte man am Fürstenhof indes nicht tolerieren. So mutmaßt die Autorin, daß der vorübergehende Umzug vor die Tore der Stadt, in die Jägerhäuser, kein freiwilliger war, sondern einer Zwangsräumung gleichkam, die der Fürstenhof anordnete, was die Goetheforschung immer noch gern verschweigt. Goethes antikirchliche Haltung als auch seine Eheaversion beförderten den Entschluß zu einem Leben ohne Trauschein. Sigrid Damm gibt zu bedenken, wie mutig es von der jungen Frau an seiner Seite gewesen sein muß, dies für die damalige Zeit überaus kühne Lebensexperiment mit dem Dichter zu teilen und zu akzeptieren. In keinem ihrer Briefe aus den nachfolgenden achtzehn Jahren kommt das Wort Heirat als Wunsch auch nur vor.

Und Goethe dankte es ihr: "Angenehme häusliche Verhältnisse gaben mir Muth und Stimmung die römischen Elegien auszuarbeiten und zu redigieren. Die Venetianischen Epigramme gewann ich unmittelbar darauf". Wie die Autorin hervorhebt, genoß der Dichterfürst die Gemeinschaft mit seiner kleinen Familie, den "stillen häuslichen Kreis". Kulinarische Genüsse taten dazu ein übriges: Wildbret, Karpfen, Hasen, Kalbskopf und Champagner standen auf dem Speiseplan. Nach dem üppigen Mahl saß er dann mit "weißer Fuhrmannsmütze auf dem Kopf, ein Wolljäckchen und lange Flauschpantalons an, in niedergetretenen Pantoffeln und herabhängenden Strümpfen im Lehnstuhl während sein kleiner Junge auf den Knien schauckelt", wie Böttiger, Direktor des Weimarer Gymnasiums, beobachtet hatte. Der am 26. Dezember 1789 geborene August sollte ihr einziges Kind bleiben. Seine vier Geschwister starben allesamt wenige Tage nach ihrer Geburt. Eine Blutgruppenunverträglichkeit der Eltern wird nach heutigem Wissensstand als mögliche Todesursache angenommen.

Wie zärtlich der sechzehn Jahre ältere Mann seine "Kleine" liebte, davon künden die Briefe an Christiane aus dem Frankreichfeldzug, auf dem er sich 1792 mit Herzog Carl August befand. Für den Schöpfer des "Wilhelm Meister" sind sie überraschend naiv gehalten: "Sey ein treus Kind …, Du mußt mich aber nur lieb behalten und nicht mit den Äugelchen zu verschwenderisch umgehen." Darüber hinaus betont er sein "Erotikon" dem Wesen nach als Hüterin des Hauses und des Gartens, nebst Gemüse: "Iß Deine Kohlrabi in Frieden" und "sey mir ein rechter Hausschatz". Die gewohnt spannungsreiche Selbstdarstellung aus den Briefen an seine geistige Freundin Charlotte von Stein fehlte gänzlich. Er kam herab auf das Niveau seiner schlichter gestrickten Hausfrau.

Das häusliche Glück des Dichters verlangte seinen Preis. Wie Friedrich Nietzsche, Meister in Sachen psychologischer Beobachtung, konstatierte, speisen sich häufig sexueller und schöpferischer Trieb aus gleicher Kraft. Goethes Schaffenskraft ließ nach, wurde einseitig. Nach den Elegien und Epigrammen waren keine Gedichte mehr erschienen: "Es scheint nach und nach diese Ader bei mir ganz auszutrocknen", kommentierte Goethe und wandte sich mit Botanik, Geologie und Farbenlehre mehr der objektiven Welt zu.

Nachdem die Liebesglut der frühen Jahre sich an dem Gewohnheitsmäßigen des Alltags allmählich abkühlte, knüpften sich im Jahr 1794 freundschaftlichen Bande zu Schiller. Eine entscheidende Zäsur in der Beziehung zwischen Goethe und Christiane, wie die Autorin unterstellt, denn Schiller hat ihn "wieder zum Dichter" gemacht, wie Goethe bekannte. Der häusliche Kreis geriet mehr und mehr zur häuslichen Enge. Goethe entfloh. Er richtete sich bei Schiller im Jenaer Schloß ein und konnte den "Wilhelm Meister" wieder vornehmen, "Hermann und Dorothea" entstehen lassen und die Arbeit am "Faust" vorantreiben. Ihr blieb die Aufgabe, ihn dort zu beköstigen, denn "die Chocolade fangt an zu fehlen", auch seien "keine Gänselebern zu kriegen und keine Trüffeln", wie er sich alsbald beklagte.

Christiane hatte urplötzlich hinter dem Werk zurückzutreten. Das mochte einen schmerzlichen Lernprozeß für die Folgejahre bedeutet haben, meint Sigrid Damm. Wie man aus Briefen weiß, tat die räumliche Trennung der psychischen Nähe allerdings wenig Abbruch. Goethe unternahm in dieser Zeit keine längeren Reisen und erlag auch nicht den Verlockungen amouröser Abenteuer.

Während die Autorin den Lebensgängen akribisch nachspürt, beschreitet sie in ihren Wertungen immer wieder eigenwillig Wege, die andere Goetheforscher nicht begehen wollen. So auch im Fall von Goethes Heirat: Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt entschied er sich schließlich überraschend für die Trauung, die am 19. Oktober 1806 in der Sakristei stattfand, "einer Kirch, wo Tote, Verwundete tags vorher lagen …", wie Charlotte von Schiller registrierte. Mit der Gravur in den Eheringen wurde indes auf den 14. Oktober verwiesen, dem Datum der vermeintlichen Lebensrettung Goethes durch Christiane: Während die Franzosen in Weimar einfielen, gründlich plünderten und brandschatzten, blieb auch das Haus am Frauenplan nicht verschont, wie der Jenaer Mediziner Loder in einem Brief des Jahres 1807 berichtete, wären sie auch über Goethe mit Degen hergefallen. Sein Hausschatz aber habe sich schützend über ihn geworfen und zu seiner Lebensrettung silberne Leuchter angeboten, dafür hätte er sie dann geheiratet.

Sigrid Damm schenkt der Geschichte wenig Glauben, vermutet hinter der Abkehr Goethes von seiner Haltung zur Ehelosigkeit eher schalen Pragmatismus. Sie nimmt an, daß der Schrecken dieser Nacht ihm eher schlagartig die Labilität seiner gesamten Lebensgrundlage bewußtgemacht hatte: Er lebte mit einer Frau in einer juristisch nicht gesicherten Beziehung und in einem Haus, das ihm der Herzog zwar geschenkt, das ihm aber im rechtlich-bürgerlichen Sinne nicht gehörte. Nur eine Heirat konnte ihm zu den vollen Besitzrechten verhelfen. Sie brachte für Christiane aber keinen uneingeschränkten Segen für das immerhin dritte Jahrzehnt ihres Zusammenseins.

Suchte die Demoiselle Vulpius bis dahin – im Einvernehmen mit Goethe – auf Redouten, Harmonie- und Ressourcen-Bällen in ihrer Tanzleidenschaft Anerkennung, hatte sie sich als Frau Geheime Räthin von Goethe von einem Tag auf den anderen ungeübt auf gesellschaftlichem Terrain zu bewegen, das ihr bislang versperrt gewesen war. Gelingen konnte es ihr nur unter größten Mühen. Und Goethe, mittlerweile 56jährig, lebte fortan alljährlich mehrere Monate getrennt von seinem Hausschatz im Böhmischen, in Karlsbad, später in den Rhein-Main-Gegenden und wandte sich wieder den "Äugelchen" zu, die sein Werk inspirieren sollten, denen von Wilhelmine Herzlieb und Bettina Brentano etwa oder denen von Pauline Gotter und Caroline Ulrich.

So wertet Sigrid Damm die Eheschließung als bloße "Legitimation seiner Freiheit". All den vermeintlichen Nebenbuhlerinnen, die der Vulpius das Ehejahrzehnt verübelten, schenkte die Dichterseele aber nur die leicht reizbare Peripherie ihres Empfindungsapparates, an der Gefühle zumeist ebenso schnell verglühten, wie sie entfachten. Im Kern hingegen blieb ihm Christiane, in guten wie in schlechten Tagen.

Anhand von zum Teil noch ungesichteten Nachlässen, Kirchenbüchern, Briefen und amtlichen Dokumenten zeichnet Sigrid Damm die Konturen zweier Menschen, die nicht nur im Bannkreis ihrer Vorgaben bleiben, sondern sie durchdringen und zu einer langwährenden Symbiose führen. Stoff für scharfsinnige Analysen und alltagspsychologische Deutungen allemal, die die Autorin mit ersichtlich großem Fleiß und Liebe zu Thema und Detail angestrengt und mit Erfolg geführt hat.

Sigrid Damm, Christiane und Goethe, 540 Seiten, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig (ISBN 345816912-1)