© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. Mai 2000


50 Jahre Schweigen sind zuviel
Tagung in Berlin über das Schicksal verschleppter Frauen und Kinder

Gewalt an Frauen und Kindern hat Methode. Ostpreußen, Jugoslawien, Kosovo, Tschetschenien, immer erleben Frauen Haß und Vergewaltigung, und die mutterlosen Kinder werden vernachlässigt. Frauen brechen ihr Schweigen, um künftiges Leid zu verhindern, denn 50 Jahre Schweigen sind zuviel!" – Mit diesen Sätzen aus einer Presseerklärung des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen (BdV) ist das Anliegen umrissen, das im Mittelpunkt einer Tagung stand, zu der Sibylle Dreher, Präsidentin des Frauenverbandes, nach Berlin eingeladen hatte und namhafte Referentinnen gewinnen konnte.

Über 50 Frauen waren dieser Einladung gefolgt, die meisten von ihnen Betroffene; sie hatten Internierung, Verschleppung, Zwangsarbeit überlebt. Als sie aber zurückkehrten, wurden sie mit den Worten begrüßt: "Wenigstens hast du kein russisches Balg mitgebracht!" Über ihr Leiden, die Erniedrigungen und Schändungen wurde nicht gesprochen – weder in der Bundesrepublik Deutschland und schon gar nicht in der damaligen DDR. Ihre eigenen Ansätze, über das Grauen zu sprechen, wurden häufig mit den Worten "Kind, sprich nicht drüber, vergiß es" unterdrückt. Die Tagung in Berlin aber zeigte deutlich, daß so ein barbarisches Erleben nicht vergessen werden kann.

Erika Steinbach MdB, Präsidentin des BdV, ließ in ihrem Einführungsvortrag keinen Zweifel daran, daß die Schicksale der deutschen Opfer, die Zwangsarbeit und Lagerqual überlebten, sich nicht mit Geld aufwiegen lassen. Sie erinnerte an die moralische Verantwortung der Staaten, in denen das Ungeheuerliche geschah. Dort müßten nicht nur die Verantwortlichen abgeurteilt werden, sondern auch endlich das Schweigen über die deutschen Opfer, deren Zahl in die Millionen geht, gebrochen und der geschichtlichen Wahrheit zum Durchbruch verholfen werden. Dazu müßten aber auch in Deutschland die Geschehnisse am Kriegsende und in den Jahren danach bekanntgemacht und ausgewertet werden. Viel zu wenig sei den Menschen bewußt, welches unermeßliche Leid den deutschen Frauen und Kindern zugefügt wurde. Diese Geschehnisse müßten dem Vergessen entrissen werden. Deshalb plädierte Steinbach erneut für die Errichtung des Zentrums gegen Vertreibung in der Mitte Berlins und rief zu dessen Unterstützung auf.

Die Bürgerrechtlerin und Schriftstellerin Freya Klier las während der Tagung aus ihrem eindrucksvollen Buch "Verschleppt bis ans Ende der Welt", in dem Frauen jeden Alters von ihrem persönlichen Schicksal erzählen. Alpträume, Schlafstörungen, Depressionen und andere gesundheitliche Beschwerden stellten sich bei vielen Frauen erst im hohen Alter und nach langer Zeit ein. Aber wer kennt ihr Schicksal, wer kann sich ihr Leiden damals und heute überhaupt vorstellen? Wer nimmt sich ihrer an?

Im weiteren Verlauf der Tagung wurde umfassend und durch namhafte Referentinnen über diese Problemstellung informiert. Die Journalistin Dr. Helga Hirsch und Dr. Frauke Teegen vom Psychologischen Institut der Universität Hamburg berichteten über ihre umfassenden Forschungen. Auch Frauen, die ihre persönlichen Erlebnisse beitrugen und diese zum Teil auch schon einmal veröffentlicht hatten, kamen zu Wort. Über ihre Verschleppung und Lagerzeit in Sibirien berichteten Hildegard Rauschenbach, deren Bücher über diese Zeit gerade ins Russische übersetzt wurden und in Sibirien mit regem Interesse gelesen werden, und Ursula Seiring. Christa Pfeiler-Iwohn unterrichtete die Teilnehmerinnen über ihre Bemühungen um die zurückgelassenen oder bei der Flucht verlorengegangenen Kinder aus dem Königsberger Raum. – Erlebnisberichte, die zu Tränen rührten und zur Bewunderung für das Durchhaltevermögen der Frauen.

In Arbeitsgruppen befaßten sich die Teilnehmerinnen schließlich mit Schritten zur Aufarbeitung der Schicksale. Eine Presseerklärung wurde erarbeitet und an viele regionale Tageszeitungen versandt. Schließlich soll in allen landsmannschaftlichen Gliederungen eine Fragebogenaktion gestartet werden, damit die Erlebnisse noch lebender Opfer festgehalten werden, ehe es zu spät ist. Der Fragebogen wird in den eigenen Reihen entwickelt und demnächst versandt werden.

Besonders problematisch gestaltete sich die Arbeitsgruppe, in der die Frauen ihre persönlichen Erlebnisse schilderten und sie damit öffentlich machten. Wie dieses am besten geschieht, ohne daß man in Tränen ausbricht, ohne daß man Aggressionen beim Zuhörer auslöst, ohne Diskriminierung, Haß und Schuldgefühle, das wurde geübt und besprochen.

Zur Podiumsdiskussion, zu der Politikerinnen aller Fraktionen geladen waren, erschienen zunächst nur Susanne Jaffke MdB, Gruppe der Vertriebenen in der CDU, und Dr. Marion Frantzioch aus dem Innenministerium. Sie informierten über ihre Möglichkeiten der Hilfe und Förderung der angesprochenen Anliegen. Prof. Dr. Rita Süßmuth MdB, CDU, ermunterte die Frauen, ihr Anliegen noch stärker und nicht nachlassend in die Öffentlichkeit zu tragen. Dann würden auch Mitstreiterinnen gefunden. Die Schicksale der Frauen und ihre besonderen Leistungen dürften nicht länger ausgeblendet, verschwiegen oder "unter dem Tisch versteckt" werden. Das würde ein diffuses und nicht ein tatsächliches Bild abgeben und wäre schädlich für eine wahrhaftige Aufarbeitung. Süßmuth schloß sich inhaltlich voll der Presseerklärung des Frauenverbandes an, dem sie auch ihre Unterstützung zusagte, wenn das Anliegen der Frauen in öffentlichen Institutionen und Bildungseinrichtungen vorgebracht werden sollte. Schließlich: 50 Jahre Schweigen sind zuviel. – Diese Tagung ist nur ein Anfang, ihr werden weitere folgen. Frauen in aller Welt verfolgen die Diskussion und sind erleichtert, daß der Frauenverband im BdV diese Thematik aufgenommen hat. S.D./U.L./os