© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Mai 2000


Kosovo: Ein Mythos wankt
Führte Deutschland 1999 wirklich einen "gerechten Krieg"?
Neue Erkenntnisse werfen ein zunehmend düsteres Licht (Teil I)
Von HANS-JOACHIM v. LEESEN

Daß der Balkan nicht "die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers" wert sei, dieser Ausspruch Bismarcks aus dem 19. Jahrhundert galt bis zum Jahre 1999. Selbst Hitler unternahm während des Zweiten Weltkrieges alle Anstrengungen, um Jugoslawien aus dem Krieg herauszuhalten; dem Deutschen Reich hätte eine neutrale Balkan-Zone weitaus besser ins politische Konzept gepaßt, als der 1941 entflammte Balkankrieg, auch wenn es dann gelang, binnen elf Tagen die jugoslawischen Streitkräfte zur Kapitulation zu zwingen. Damals glaubte Berlin sich gezwungen, Jugoslawien militärisch zu besetzen, nachdem ein Staatsstreich eine offen antideutsche Regierung ans Ruder gebracht hatte, die sich beeilte, innerhalb weniger Tage einen jugoslawisch-sowjetischen Freundschaftsvertrag abzuschließen.

Was aber die Bundesrepublik Deutschland im Frühjahr 1999 veranlaßte, zusammen mit anderen Nato-Staaten Jugoslawien mit Krieg zu überziehen, wird um so geheimnisvoller, je näher man die Sache betrachtet. Und so behauptete denn auch kein deutscher Politiker und erst recht kein Militär, die Bundeswehr bombardiere militärische, dann aber auch zivile Ziele auf dem Balkan, um die Interessen der Bundesrepublik Deutschland zu wahren. Vielmehr erfuhren die Deutschen aus dem Munde ihres sozialdemokratischen Bundeskanzlers Schröder über das Fernsehen, die Nato und damit die deutsche Luftwaffe habe mit Luftschlägen begonnen, um schwere und systematische Verletzungen der Menschenrechte "(zu) unterbinden und um eine humanitäre Katastrophe im Kosovo (zu) verhindern".

Bundestagspräsident  Thierse (SPD) wußte es auch nicht anders. Er erklärte zu Beginn der Plenarsitzung am 25. März 1999: "Wir Europäer können und dürfen nicht weiter zusehen, wie im Kosovo eine Mehrheit der Bürger vertrieben, wie dort gemordet wird." Und wie in solchen Fällen üblich, ergänzte er, die Angriffe richteten sich nicht gegen das serbische Volk, obwohl dann doch Tausende von Angehörigen des serbischen Volkes starben. Einen Monat zuvor hatten die Abgeordneten mit großer Mehrheit (556 Ja-Stimmen von 608 abgegebenen) auf Antrag der Bundesregierung beschlossen, die Bundeswehr solle sich beteiligen an den Angriffen auf Ziele in Rest-Jugoslawien. Freilich nannte man diese Aktionen nicht Krieg; Kanzler Schröder hatte sogar ausdrücklich in seiner Erklärung gesagt: "Wir führen keinen Krieg."

Inzwischen ist diese Sprachregelung längst realistischeren Bezeichnungen gewichen. Wie sollte man auch anders wochenlange Bombardierungen nicht nur militärischer Ziele im Kosovo, sondern auch die Luftangriffe auf Objekte in ganz Jugoslawien nennen, die primär der Versorgung der Zivilbevölkerung dienten wie Elektrizitätswerke, Raffinerien, Sendeanlagen für Hörfunk und Fernsehen (und gelegentlich auch einmal eine ausländische Botschaft), als denn "Krieg"?

Über nahezu alle Medien wurde den Deutschen nahegelegt, es ginge um eine gerechte Bestrafung der Serben und ihrer politischen Führung, die ohne jeden vernünftigen Grund daran gegangen seien, fast eine Million Albaner aus dem Kosovo zu vertreiben, dabei Tausende hinzumetzeln und so einen Völkermord systematisch vorzubereiten und einzuleiten.

Derart ins Bild gesetzt waren die meisten Deutschen nur zu gern bereit, die alte These flugs fahren zu lassen, die da gelautet hatte: "Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen." Eben noch pazifistische Politiker betrieben mit Eifer die Beteiligung deutscher Streitkräfte an einem Krieg. Jetzt bewährte es sich, daß man jahrzehntelang gelernt hatte, die Politik mit den Augen von Moralisten zu betrachten; viele Deutsche waren heilfroh, jetzt sozusagen als Kompensation zum Zweiten Weltkrieg eindeutig auf seiten nicht nur der stärkeren Partei, sondern auf der der "Guten und Gerechten" beim Kampf gegen die "Bösen und Ungerechten" zu stehen.

Allmählich aber setzte sich in den vergangenen Wochen Ernüchterung durch. Zaghaft schwenken selbst Medien, die vor Jahresfrist noch die Kriegstrompete geblasen hatten, um, stellen kritische Fragen und äußern Bedenken, ob denn die seinerzeitige Darstellung wirklich den Tatsachen entsprach oder ob nicht vielmehr unkritisch ein Bild gezeichnet worden war, wie es im Interesse jener lag, die Krieg führen wollten.

Der damalige deutsche Nato-General Naumann hatte von Anfang an Bedenken gegen die Politik der Regierung Schröder, Fischer und Scharping und wurde daher vom deutschen Verteidigungsminister hart gerügt.

Jetzt liegt das Buch eines Brigadegenerals der Bundeswehr vor, der seit 1994 Mitglied der Mission der "Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (OSZE) in Wien war und die Ereignisse aus nächster Nähe verfolgen konnte. Der Brigadegeneral a. D. Heinz Loquai hat eine kritische Studie unter dem Titel "Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg" verfaßt, in der er die Zeit von Ende 1997 bis März 1999 detailliert schildert und den Finger in zahlreiche offene Wunden legt. Es hat bereits wütende Reaktionen des Verteidigungsministers Scharping gegeben, doch breitet sich der Eindruck aus, daß sich die kritische Sicht bei Militärs und gelegentlich selbst bei Politikern durchzusetzen beginnt. Und das wohl nicht nur, weil inzwischen offenbar ist, daß alle vorgegebenen Ziele des Militäreinsatzes nicht erreicht wurden.

Wer dem Autor, dessen militärische Kompetenz nicht bezweifelt wird, folgt, dem dürften angesichts der Politik Berlins die Haare zu Berge stehen. Nun sind an der Entwicklung zum ersten Kriegseinsatz der deutschen Soldaten nach 1945 nicht allein die Sozialdemokraten und die Grünen beteiligt, die erst seit dem Regierungswechsel im Herbst 1998 an der Macht sind, sondern genauso die Politiker der CDU/CSU und der FDP, die vorher die Regierung bildeten und verantwortlich sind für die Einbindung der Deutschen unter Konditionen, die uns in den Krieg hineinzogen. Denn dieser Waffengang kam nicht über Nacht. (Hier sei bemerkt, daß im Ostpreußenblatt bereits am 24. April 1998 gewarnt wurde, der Kosovo sei ein Pulverfaß, das vor der Explosion stehe.) Der Kunststaat Jugoslawien wurde nach dem Ersten Weltkrieg auf Druck der Siegermächte als Vielvölkerstaat konzipiert und durchgesetzt. Leitmacht war dabei Serbien, das in den Ersten Weltkrieg eingetreten war mit dem erklärten Ziel, einen großserbischen zentralistischen Staat zu schaffen. Er wurde zusammengefügt aus eben diesem Königreich Serbien, Montenegro aus Teilen Österreich-Ungarns. Das Gebilde von Frankreichs und Englands Gnaden nannte sich zunächst offiziell "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen", obwohl in seinen Grenzen auch noch zwölf weitere Nationalitäten lebten. In den Jahrzehnten bis zum Zweiten Weltkrieg wurde der Staat von an den Grundfesten rührenden Krisen geschüttelt – in erster Linie, weil die Serben, die etwa ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, die führende Rolle beanspruchten.

Eines der Glieder war der Kosovo mit einem großen Anteil albanischer Bevölkerung. Er vermehrte sich in viel stärkerem Maße als die ebenfalls dort lebenden Serben, die unter dem zunehmenden albanischen Bevölkerungsdruck die Provinz im Laufe der Jahrzehnte weitgehend verließen.

Dem Buch von Heinz Loquai sind aktuelle Zahlen über die Bevölkerungsentwicklung zu entnehmen. "1953 waren im Kosovo 24 Prozent der Bevölkerung Serben und 66 Prozent Albaner. Ende 1991 betrug die Relation zehn Prozent Serben zu 82 Prozent Albanern. Diese Verschiebung der Anteile zugunsten der Albaner ist zum einen auf die Abwanderung von Serben und zum anderen auf die extrem hohe Geburtenrate der moslemischen Albaner zurückzuführen."

Der Kosovo ist ein erschreckendes Beispiel für die auf eine Krise hintreibende bevölkerungspolitische Entwicklung einer multikulturellen Gesellschaft. In früheren Jahrhunderten war der Kosovo tatsächlich einmal das Herzstück Serbiens, aus dem durch die hohen Geburtenraten der dort zunächst als Minderheit lebenden Albaner ein nunmehr fast ausnahmslos von Albanern besiedeltes Gebiet wurde. Da es sich um grundsätzlich unterschiedliche Kulturen handelt sowohl in der Religion als auch in der allgemeinen Lebensauffassung, aber auch im Erscheinungsbild der Menschen (Besucher des Landes berichten, daß Albaner und Serben sich fast immer auf Anhieb aufgrund äußerer Merkmale erkennen) und in den Wertesystemen, schien ein einigermaßen von schweren Konflikten freies Zusammenleben kaum möglich ohne erheblichen staatlichen Druck, wie es etwa in der kommunistischen Zeit unter Tito der Fall war. Sobald sich aber die Verhältnisse normalisierten, trieben sie auf eine Katastrophe zu. Denn freiwillig gibt ein Volk sein Lebensgebiet nicht auf, so auch nicht die Serben.

Die moslemischen Albaner verlangten in der Zeit nach dem Fall der roten Diktatur zunehmend Selbstbestimmung. Das konnte nach ihrer Auffassung nur bedeuten, daß der Kosovo sich von Jugoslawien trennt und entweder ein selbständiger Staat der Albaner wird oder aber sich dem albanischen Staat im Süden anschließt. Das aber wollte Belgrad nicht dulden.

Doch auch das übrige Europa, das verliebt ist in die Idee, die Welt möge aus multikulturellen Staaten bestehen, in denen Menschen unterschiedlichster Kulturen  friedlich-freundlich  zusammenleben,  gemeinsam Straßenfeste feiern, ihre unterschiedlichen Werte bestaunen und allmählich zu einem welteinheitlichen Superstaat mit ebenso einheitlichen Menschen zusammenwachsen (was notfalls mit einem gewissen bedauerlicherweise nicht zu vermeidenden Druck von außen gefördert werden muß), sah in dem sich anbahnenden Konflikt lediglich einen mehr oder weniger zufälligen Unfall, den man zunächst durch gutes Zureden aus der Welt schaffen könnte, notfalls aber auch durch entschlossenes Zupacken, indem man die Bösen bestraft und die Guten schützt.

Daß kein Volk sich auf Dauer einer Fremdbestimmung unterwirft, wofür es nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der aktuellen Politik ausreichend Beispiele gibt, geriet dabei ein wenig aus dem Blick. Man verschloß die Augen davor, daß auch die anwachsende albanische Bewegung im Kosovo nicht dulden wollte, daß sie von Belgrad aus von Serben regiert werde, daß ihnen serbische Wertmaßstäbe aufgedrängt wurden, was dazu führte, daß sich die albanische Mehrheit zurückgedrängt fühlte. Die Serben andererseits erkannten, daß mit dem wachsenden albanischen Bevölkerungsanteil ihr eigener Einfluß immer weiter zurückweichen mußte. Sie setzten daher Druckmittel ein, zunächst indem sie der Kosovo-Provinz ihre seit 1974 bestehende Autonomie 25 Jahre später entzogen.

(Fortsetzung folgt)