© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Mai 2000


Nachdenken über ein Medien-Jubiläum: Überfälliger Begriffswandel
Vor 75 Jahren entstand die Zeitschrift "Osteuropa"
Von Martin Schmidt

Vor 75 Jahren konnte sich Otto Hoetzsch (1876-1946), der Mentor der deutschen Rußlandkunde, über den Start der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Osteuropa" freuen. Mit ihr wollte er auf der Wogen eines dem Osten gegenüber aufgeschlossenen Zeitgeistes nicht nur seinen deutschen Wissenschaftskollegen, sondern auch Politikern, Wirtschaftsvertretern, Journalisten und Militärs die intensive Beschäftigung mit diesem Raum erleichtern.

Dabei schwebte dem seit 1913 an der Berliner Universität wirkenden Professor, zu dessen Leipziger Lehrern der Geograph und frühe Geopolitiker Friedrich Ratzel gehört hatte, eine Einbeziehung Rußlands in den gesamteuropäischen Erfahrungs- und Geschichtshorizont vor. Auf etlichen Reisen prägte sich ihm die Dynamik des späten Zarenreiches und mit Einschränkungen auch der frühen Sowjetunion ein, die eine große politische und wirtschaftliche Zukunft verhießen.

Vor dem Hintergrund des Friedensdiktates von Versailles und seiner nach 1906 an der Königlichen Akademie in Posen herausgebildeten Polen-Feindschaft gehörte der DNVP-Reichstagsabgeordnete Hoetzsch zu den klaren Befürwortern der "Rapallo-Politik" der Weimarer Republik, die allein den schnellen machtpolitischen Wiederaufstieg Deutschlands zu ermöglichen schien.

Daß er den kleineren Völkern im Osten – Esten, Letten, Litauern, Tschechen, Slowaken u. a. – im internationalen Kräftespiel und auch in seiner Zeitschrift keine größere Bedeutung beimaß bzw. diese wie die Polen zum Feind erklärte, war zeittypisch. Die alte russophile preußische Aristokratie spielte dabei ebenso eine Rolle wie die Verzweiflung der von Repressionslasten fast erdrückten Kriegsverlierer, denen eine andere außenpolitische Orientierung kaum offenstand, zumal vor allem die Franzosen die Tschechoslowakei und Polen gegen das Deutsche Reich zu instrumentalisieren suchten.

Als jahrelanger Leiter der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas und ständiger Gast einflußreicher Gesprächszirkel gehörte er neben Max Delbrück, Ernst Troeltsch und Theodor Schiemann zu den bedeutenden politischen Publizisten des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik (siehe das lesenswerte Hoetzsch-Kapitel in Karl Schlögels 1998 erschienenem Buch "Berlin Ostbahnhof Europas").

Während der NS-Zeit war für den als "Kulturbolschewisten" verleumdeten Deutschnationalen bald kein Platz mehr im akademischen Leben. Die Herausgabe seiner im Osteuropa-Verlag in Königsberg gedruckten Zeitschrift mußte er 1934 abgeben und im folgenden Jahr auch den Universitätsdienst beenden. Bis dahin war "Osteuropa" außerhalb der Sowjetunion weltweit die einzige Zeitschrift, die gründlich und regelmäßig über Rußland berichtete und trotz ihrer geringen Auflage (1931: ca. 850 Exemplare) starke Beachtung fand.

Der "Weltbürgerkrieg der Ideologien" (Nolte) hatte das bewußt nicht auf den Elfenbeinturm der Wissenschaft beschränkte Lebenswerk von Otto Hoetzsch zerstört. Die Zeitschrift "Osteuropa" als Organ der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde wurde nach ihrer Einstellung 1939 zwar zwölf Jahre später von Klaus Mehnert in Stuttgart wiedergegründet und begeht nun ihr stolzes Jubiläum, doch die alte Anziehungskraft blieb ihr versagt.

Solange der Kalte Krieg andauerte, gab es immerhin ein treues akademisches Lesepublikum, das die inhaltliche Konzeption nicht grundsätzlich in Frage stellte. Unter dem Titel "Osteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens" konnte es sich Monat für Monat über all jene europäischen Länder informieren, die dem Ostblock angehörten. An erster Stelle stand natürlich die Sowjetunion.

Für die erfrischenden Mitteleuropa-Debatten der 80er Jahre, die das Ende des Ideologie-Zeitalters und die Wiederentdeckung ethnokultureller Prägungen vorwegnahmen, war in dieser erstarrten Publikation bezeichnenderweise kein Platz.

Anachronistisch mutet die Lektüre von "Osteuropa" schließlich ein Jahrzehnt nach der Beseitigung des "Eisernen Vorhangs" an. Wie gehabt dominiert das Thema Rußland, was als Traditionspflege noch akzeptiert werden könnte, auch wenn es vor dem Hintergrund der nahenden EU-Osterweiterung der Interessenlage in Deutschland immer weniger entspricht. Sehr wundern muß man sich darüber, warum neben den gehäuften Polen- und Ukraine-Beiträgen und dem schon spärlicheren Themenbereich Tschechien, Ungarn und Rumänien auch Sibirien und Kasachstan oder das Balkanland Serbien auftauchen, während von Estland, Lettland und Litauen, der Slowakei, Slowenien, Moldawien und Bulgarien relativ selten zu lesen ist. Und was noch schlimmer ist: Eine explizite Begriffsdiskussion findet nicht statt.

Daß die Terminologie der Zeitschrift, angefangen beim Namen, und auch die inhaltliche Zusammensetzung auf tönernen Füßen steht, dürfte spätestens dann klar werden, wenn die in die EU strebenden Völker im östlichen Mitteleuropa darauf drängen, nicht mehr unter "Osteuropa" rubrifiziert und mit Rußland in einen Topf geworfen zu werden.

Eine neuerliche Mitteleuropa-Debatte jenseits der Sprachnormen des Kalten Krieges und platten Unterscheidungen zwischen "dem Westen" und "dem Osten" liegt in der Luft. Sie wird zwangsläufig den deutschen Kultureinfluß als unverzichtbaren Faktor der Begriffsbestimmung ins Blickfeld rücken.

Die ostdeutschen Vertriebenen sollten sich deshalb aktiv an allen Diskussionen beteiligen, bei denen es um eine zusammenfassende Betrachtung Ost- und Westpreußens, des jenseits von Oder und Neiße gelegenen Pommerns, Brandenburgs und Schlesiens mit den anderen slawisch-deutschen und baltisch- bzw. madjarisch-deutschen Mischräumen geht.

Die Einführung der Bezeichnungen "Ostmitteleuropa" oder "östliches Mitteleuropa" in die breite Öffentlichkeit ist überfällig. Aus ihr muß, selbst wenn dies manchen Politikern vorschwebt, keineswegs eine Abkopplung Ostdeutschlands von der deutschen Nationalgeschichte folgen. Schließlich gehören das Land Brandenburg, Vorpommern und Teile des Freistaates Sachsen ebenso zu diesem Diskurs, und eine scharfe Trennung von dem bis zur Linie Luxemburg – Bern reichenden westlichen Mitteleuropa wäre grober Unfug.

Die Zeitschrift "Osteuropa" kann via Buchhandel oder die Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, PF 10 60 12, 70049 Stuttgart bezogen werden.