© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Mai 2000


Medizin aus der Natur
Vogelmieren: Unkraut oder Heilkraut?

Wer kennt es nicht, das "unverwüstliche" sogenannte "Unkraut", in Gärten und auf den Äckern nicht gern gesehen, weil es sich am liebsten breit macht auf gut gedüngter, feuchter, humusiger Erde, wo nach unserer Vorstellung nützliche und schöne Pflanzen gedeihen sollen. Wenn man die wuchernden Vogelmieren mit den kriechenden Stengelchen nicht dulden will im Beet, muß man fleißig jäten. Wirft man das frische Grün den Hühnern vor, scharren sie gern darin herum und schon kleine Küken fressen das Kraut. In Käfigen gehaltene Hänflinge, die anderes Futter ablehnen, picken sich die Samen heraus. Diese Stemmierenart blüht schon sehr früh im Jahr und bis in den November hinein.

Mit seinen haarfeinen Wurzeln kann dieses schnell wachsende, nur wenige Zentimeter hohe, kriechende Kraut oft selbst an Hängen die Erde halten, bis sich dort höhere, tiefer wurzelnde Pflanzen entwickelt haben. Darum ist es sogar ein kleiner Pionier und trägt die unscheinbarsten, höchstens vier Millimeter messenden Sternblumen aller Vogelmierenarten.

Ihre Schwestern, die Gras-, Sumpf-, Wald-, die Große, die Dickblättrige und die Langblättrige Stemmiere sind schwer zu unterscheiden. Sie ähneln sich sehr, und oftmals haben Standort und Klima den wesentlichsten Einfluß auf Größe und Anzahl der Blüten. Allen Arten wachsen die Blätter gegenständig. Sie stehen kreuzweise übereinander.

Alle tragen sie auch schneeweiße, in der Mitte zweigespaltene Blütenblätter. Die stehen in den Lücken der fünf grünen, etwa halb so langen Kelchblätter. Die etwa zwei Zentimeter große Blume der Stellaria Holostea, der Großen Stemmiere, läßt ihre zehn gelben Staubgefäße, den oberständigen Fruchtknoten mit drei langen Griffeln, gut erkennen. Bei sonnigem Wetter sind die Blüten sternförmig ausgebreitet, um Bienen, Fliegen, Käfer und Schmetterlinge anzulocken. In kühlen und regnerischen Stunden bleiben sie geschlossen. Notfalls befruchten sich die Vogelmieren durch schaukelnde Bewegungen selbst.

Nachts umschließen die oberen Blätter auch die jungen Sprossen und Knospen. So gibt uns die Stemmiere, ein Nelkengewächs (Carophyllaceae), das Beispiel einer Schlafpflanze.

Sie ist fast auf der ganzen Erde verbreitet, wächst gern an Wegen und Bachläufen. In unseren Laubwäldern besetzt sie häufig große Flächen, die von Ende April bis Ende Mai wie mit weißen Blütensternen besprenkelt erscheinen. Ihre Frucht reift in einer Kapsel. Die reifen Samen entspringen, wenn der Wind die Pflanzen wiegt.

In alten Arzneibüchern wird schon Stellaria media, eine Sammelbezeichnung für verschiedene Vogelmierenarten, als Droge beschrieben, in neuer Literatur über Heilkräuter wird sie wegen ihrer Wirkstoffe Rutin und Ascorbinsäure empfohlen als Tee oder Saft zu Umschlägen und medizinischen Bädern bei schlecht heilenden Wunden, diversen Hautleiden, Hämorrhoiden, Augenentzündungen und Ekzemen, zur innerlichen Anwendung gegen Rheuma, Gicht, Gelenkleiden, Tuberkulose und Bluterkrankungen.

Die Sternmieren gelten also nur als ein "Unkraut" jenen, die sie nicht dulden wollen in ihren Beeten und Feldern. Den vielen kleinen, singenden Mitbewohnern dieser Erde bieten sie köstliche Nahrung und unseren Kranken Medizin aus der Herrgottsapotheke. Anne Bahrs

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