© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Mai 2000


Leipzig – Stadt des Buches
Die Stadt an der Pleiße ist seit 600 Jahren ein Zentrum der "schwarzen Kunst"
Von Hans B. v. Sothen

Die Ostermesse ist vorbey,/
Die reichste aller Messen,/
Frisch auf, ihr Brüder im Merkur/ Und rüstet eure Pressen!" Dieses Leipziger Druckerlied aus dem Jahre 1787 gibt eine Vorstellung vom lockeren Leben der Verleger vor gut zweihundert Jahren. Als Hauptstadt des deutschsprachigen Buchhandels galt Leipzig bis 1945. Die Leipziger Messe gehörte schon früh zu den wichtigsten Umschlagplätzen des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Seit 1470, also schon kurz nach Erfindung des Buchdrucks, besuchten Druckverleger neben der Frankfurter auch die Leipziger Messe.

Außerdem besaß Leipzig seit 1409 die – nach Prag – zweitälteste deutsche Universität. Und wo es Universitäten gibt, da ist naturgemäß auch das Bedürfnis nach Büchern nicht weit. Früh ist die sächsische Handelsstadt als Verlagsort überliefert. Marcus Brandis leitet den Reigen ein. Seit 1481 ist er in Leipzig nachweisbar. Zusammen mit seinem Bruder Moritz verlegt er juristische Literatur für die Studenten der Universität. Noch vor 1500 schlossen sich drei weitere Verleger an: Stefan Fischer gen. Buchführer, Georg Reiner und Johannes Schmidhoffer. 1514 gründete Ludwig Horncken zusammen mit dem Weinschenk Augustin Pantzschmann eine gemeinsame Buchvertriebsgesellschaft, die schon bald Handelsverbindungen bis nach Paris, Augsburg, Olmütz, Krakau und Wien unterhielt.

Die Reformation Martin Luthers brachte in ganz Deutschland einen merklichen Aufstieg des Buchhandels mit sich. Sachsen mit Leipzig blieb allerdings unter Herzog Georg dem Bärtigen zunächst katholisch. Dieser verbot 1522 den Druck reformatorischer Schriften in seinem Herrschaftsbereich. Daraufhin verließen viele Druckverleger und Buchführer die Stadt an der Pleiße oder wurden ausgewiesen. Es konnte damals für einen Verleger gefährlich sein, sich zur falschen Konfession zu bekennen. So wurde 1527 der Nürnberger Verleger Hans Hergot wegen Vertriebs der sozialutopischen Schrift "Von der newen Wandlung eynes christlichen Lebens" auf dem Leipziger Marktplatz hingerichtet.

Die Zensur blieb auch nach der Einführung der Reformation im Jahre 1539 bestehen, auch noch 1569, als sie der "Sächsischen Bücherkommission zu Leipzig" übertragen wurde, der die Aufsicht über die Leipziger Buchmessen oblag. Trotzdem ließen sich seit 1550 immer mehr Verleger in Leipzig nieder, so daß es bald eine fast unübersehbare Menge von Sortimentsbuchhändlern, Verlegern, Buchbindern und Druckern in der Stadt gab.

Eines der ältesten noch bestehenden Verlagshäuser Leipzigs ist die 1652 gegründete Dürr’sche Verlagsbuchhandlung. Sie wird seit 1948 in Bonn-Bad Godesberg fortgeführt und ist seit 1993 eine Tochter des großen niederländischen Medienkonzerns Wolters, Kluwer. Auch das seit 1682 in Leipzig bestehende Weidmannsche Verlagshaus wurde bereits 1852 nach Berlin verlegt.

Schon seit Anfang des 18. Jahrhunderts ist Leipzig die Stadt der großen deutschen Konversationslexika. 1704 erschien erstmals Hübners "Staats- Zeitungs- und Conversationslexikon". In den Jahren 1732 bis 1754 kam das auf für damalige Verhältnisse unglaubliche 64 Bände angelegte "Universal-Lexikon" von Johann Heinrich Zedler heraus, womit dieser die Leipziger Lexikon-Tradition begründete. Noch heute zeugen die ursprünglich rein Leipziger Verlagshäuser Brockhaus und Meyer, daß diese Tradition bis in das 21. Jahrhundert überdauert hat.

Als man im Jahre 1740 in Leipzig die dritte Säkularfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst feierte, gab man sich denn auch selbstbewußt:

"Paris und London zu beschämen / Und Amsterdam den Rang zu nehmen / Das ist der Zweck, den diese Stadt / Beynahe schon erreichet hat."

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts blühten der Leipziger Buchhandel und das graphische Gewerbe weiter auf. 1825 wurde in der Stadt an der Pleiße der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegründet. Bis heute ist dies die Standesorganisation der deutschen Sortimentsbuchhändler und Verleger. Nach der Gutenbergfeier von 1840 wurde Leipzig der Sitz des ersten deutschen Literaturvereins.

Verlegernamen des 19. Jahrhunderts wie Breitkopf, Göschen, Meiner, Teubner, Tauchnitz, Brockhaus, Spamer, Thieme, Harassowitz, Hiersemann zeigen die Spannbreite des Leipziger Verlagsbuchhandels. Keils 1848 gegründete "Gartenlaube" gehörte ebenso dazu wie Thiemes medizinischer Verlag oder der angesehene Kunstverlag E. A. Seemann, der 1861 aus Köln nach Leipzig kam.

Seit 1872 wurden die weltberühmten Reiseführer von Baedeker in Leipzig gedruckt. Es ist fast unmöglich, all die berühmten damaligen Leipziger Verlage aufzuzählen: der Insel-Verlag gehörte ebenso dazu wie der Paul-List-Verlag, Gustav Kiepenheuer oder Ernst Rowohlt, der 1908 hier sein Verlagshaus gründete; Quelle & Meyer genauso wie der philosophische Fachverlag von Felix Meiner.

Gleichzeitig erlebte Leipzig im 19. Jahrhundert eine Blüte als Musenstadt. Namen wie Schumann und Mendelssohn Bartholdy standen für die Wiederentdeckung der Musik des Leipziger Thomaskantors Johann Sebastian Bach. Dies hatte einen unvergleichlichen Aufschwung der Noten-Musikliteratur in Leipzig zur Folge. Noch heute kennt jeder Musikinteressierte den Musikalienverlag Breitkopf & Härtel oder das 1814 gegründete Verlagshaus C. F. Peters ("Edition Peters"). Die vom Leiter des Leipziger Gewandhausorchesters Robert Schumann begründete "Neue Zeitschrift für Musik" blieb über viele Jahrzehnte die führende Musikzeitung der Welt. Von den 16 im Jahre 1945 noch bestehenden Musikverlagen konnten 1947 nur sechs mit sowjetischer Lizenz die Arbeit wieder aufnehmen. Ihre Inhaber verließen in der Regel die Stadt und flohen in den Westen, wo sie ihre Verlage neu eröffneten. Die Leipziger Stammhäuser etwa von Breitkopf & Härtel, C. F. Peters und Friedrich Hofmeister wurden verstaatlicht. Alle drei Musikverlage bestehen heute wieder als private Unternehmen und sorgen weiterhin für den guten Klang Leipzigs in der internationalen Musikwelt.

Das Jahr 1945 bedeutete einen tiefen Einschnitt, von dem sich das Leipziger Verlagswesen bis heute nicht erholt hat. Von den über 400 Verlagen, die die Stadt vor dem Kriege besaß, blieben im Jahre 1947 nur noch 37, die von den sowjetischen Militärbehörden eine Lizenz bekamen. An dieser Anzahl sollte sich in den kommenden Jahrzehnten praktisch nichts mehr ändern. Eine Besonderheit stellte die Neugründung des St. Benno-Verlages dar, der sich zum wichtigsten Verlag für katholische Literatur in Mitteldeutschland entwickelte.

1989, im Jahre der Wende, gab es in der gesamten DDR 78 Verlage, davon in Leipzig 36. Die Leipziger Häuser veröffentlichten zu jenem Zeitpunkt pro Jahr etwa 1500 Titel, was etwa einem Viertel der gesamten DDR-Produktion entsprach. Dieser Prozentsatz hatte sich seit den fünfziger Jahren zugunsten des Verlagsplatzes Ost-Berlin verringert, wo vor allem die neu gegründeten Staatsgroßverlage der DDR ihren Sitz hatten.

Nach 1990 wurden Verlage zum Teil den alten Eigentümern rückübertragen, teils geschlossen, teils verkauft. Im Jahre 1993 stieg die Zahl der Leipziger Verlage wieder auf 63 an, überwiegend allerdings Klein- und Kleinstverlage.

Immerhin zählt der sächsische Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Jahre 2000 wieder siebzig Verlage, die bis heute in Leipzig bestehen – von großen, alten und angesehenen Häusern bis hin zu winzigen Neugründungen. Doch der Optimismus, mit dem so mancher traditionsbewußte Leipziger nach der Wende von 1989 hoffte, seine Stadt werde sich wieder zur Hauptstadt des deutschen Verlagswesens entwickeln, erfüllte sich nicht ganz. Zu schwer wiegt bis heute der Aderlaß aus der DDR-Zeit, der dazu führte, daß traditionsreiche Verlage schließen mußten, verstaatlicht wurden oder in den Westen abwanderten.

Mancher berühmte Leipziger Verlag hat sich unter dem Eindruck der politischen Entwicklung in West- und Mitteldeutschland geteilt. So etwa das berühmte Verlagshaus F. A. Brockhaus, das seit den 50er Jahren eine Dependance in Mannheim bekam. Ähnlich ging es dem Reclam-Verlag, vielen Schülergenerationen durch seine preiswerte Klassiker-Edition bekannt.

Deutschland verfügt durch seine Barsortimente (Buchgrossisten) heute über die bestorganisierten und schnellsten Buchlieferwege der Welt. Wer heute ein Buch bestellt, der erhält es in der Regel schon 24 Stunden später in seinem örtlichen Buchhandel. Dafür sorgen nicht zuletzt die Barsortimente, die Hunderttausende Buchtitel ständig am Platze haben und durch ein ausgeklügeltes Liefersystem auch noch die entlegenste Buchhandlung in der Provinz über Nacht mit den meisten vom Kunden gewünschten Buchtiteln beliefern können. "Erfinder" dieses Systems war das Leipziger Barsortiment Koehler & Volkmar, dessen Hauptsitz sich heute in Köln befindet und das immer noch zu den Großen des Metiers gehört.

Leipzig war auch Stadt des Buchantiquariates der ehemaligen DDR. Kenner wissen noch um die Raritäten, die es damals nur in den Läden des "Zentralantiquariats" gab. Für viele war es damals die einzige Möglichkeit, "legal" auch an Bücher zu kommen, die schon aufgrund ihres Alters nicht notwendigerweise mit der Parteilinie konform gehen mußten.

Bis heute ist Leipzig die Stadt der "Deutschen Bücherei". Diese sammelt seit 1913 sämtliche in deutscher Sprache erschienene Literatur des In- und Auslandes. Sie ist eine reine Präsenzbibliothek, das heißt, sie verleiht keine Bücher. Alle Verlage sind verpflichtet, von jedem erschienenen Buch jedes Verlages hier ein Exemplar einzuschicken. Seit 1946 besteht in Frankfurt am Main eine westdeutsche Parallelinstitution. Sie verfügte am 31. Dezember 1990 über 5 288 554 Bücher und Zeitschriftenbände. Außerdem werden Hochschulschriften, Inkunabeln, Karten, Tonträger usw. gesammelt. Doch auch über 224 462 Wasserzeichen und 13 525 Papierproben werden hier archiviert. Ein wahrer Schatz für jeden, der sich mit dem Buchwesen beschäftigt.

Leipzig war von jeher die Stadt der Buchmessen. Die Frühjahrs-Buchmesse in Leipzig hat sich inzwischen neben der Schwester in Frankfurt am Main etabliert, die zum Herbst ihre Tore öffnet. Zwar reicht die Zahl Aussteller bei der Leipziger Buchmesse bei weitem nicht an die Frankfurts heran, doch wissen Fachleute auch das Leipziger Klima zu schätzen. Hier hat man mehr Zeit zu einem persönlichen Gespräch zwischen den Händlern und zwischen Verlagen und Lesern. Man schätzt das fachkundige Publikum. Nicht zuletzt hat Leipzig sich auch als Schaufenster nach Osteurpa etabliert. Und so arbeitet sich die Buchstadt Leipzig langsam wieder zu einem Platz in der Skala der deutschen Buchstädte empor, den es früher einmal vor dem Zweiten Weltkrieg besessen hat und der es zu einem unverwechselbaren Aushängeschild deutscher Kultur in der ganzen Welt hat werden lassen.