© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Mai 2000


Staatliche Schatzsucher
Tagung des Ostdeutschen Kulturrates zu Kulturdenkmälern in Königsberg

Leider bestehen Disproportionen zwischen der Größe der Aufgaben beim Erhalten des Kulturerbes und den Möglichkeiten des Restaurationswerks in unserer Region." Vera Kocebenkowa, die Mitverantalterin der Tagung des Ostdeutschen Kulturrates (OKR) "Kulturdenkmäler im Königsberger Gebiet – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft", faßte zum Abschluß der Veranstaltung in der von ihr geleiteten Kunstgalerie in Königsberg die mannigfachen Unmöglichkeiten zusammen, mit denen Denkmalschützer hier – und nicht nur hier – alltäglich zu kämpfen haben. Drei Tage lang diskutierten russische und deutsche Fachleute über diesen Themenbereich ebenso sachbezogen wie freundschaftlich.

So merkwürdig es klingt: Hilflosigkeit schafft ein besonderes gruppendynamisches Klima, in dem etwas wie Solidarität keimt. Solidarität gegen die allseits widrigen Umstände. Was die Königsberger jahrzehntelang unter realsozialistischen Bedingungen haben üben müssen und derzeit weiter üben: bei dieser Tagung kam es auch den bundesdeutschen Teilnehmern zugute. Hoffen aller Hoffnungslosigkeit zum Trotz, Wollen wider Wissen. Weiß man doch dort wie hier, wissen doch Denkmalpfleger ebensogut wie jedermann: Nur wer nichts versucht, hat schon verloren.

Der Ostdeutsche Kulturrat wird bereits zur Jahresmitte 2000 keinerlei Bundesförderung mehr beziehen. So wollte es diese zynische Fügung, daß er sich aufgrund dieser Notlage gleichzeitig als konkret Betroffener präsentieren konnte.

Kulturförderung in Königsberg – ein Thema, so weit und so brach wie das Königsberger Gebiet. Die Königsberger Kunstgalerie, in der die OKR-Tagung stattfand, erwies sich nicht nur als ein Ort der Gastlichkeit, sondern bot mit der Ausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen– es wurden graphische Arbeiten von Lovis Corinth, Max Liebermann und Max Slevogt ausgestellt – auch einen sehr würdigen Rahmen für die Vorträge und Gespräche.

Nadeshda Peretjaka, die Direktorin der Jugendbibliothek und Lei- terin eines "Kulturfonds" genann-ten Königsberger Schriftstellerverbands, rief noch einmal das Erbe von Jurij Iwanow in Erinnerung. Die Galeristin Vera Kocebenkowa brachte neben dem Hinweis auf die Grenzen überschreitende Ausstellung deutscher Graphik in ihrem Haus manche Gedanken und manche Bedenken zum Zustand architektonischer und bildnerischer Denkmäler des alten Königsbergs ein, die in der Stadt und dem Gebiet Königsbergs im Laufe der Zeit ideologischen und meteorologischen Unbilden ausgesetzt gesesen sind.

Der Referent Awenir Owsjanow ist für die aufsehendenerregende Wiederauffindung der Prussia-Schätze verantwortlich (Das Ostpreußenblatt berichtete). Seine Funktion ist schon aufgrund der umständlichen Länge ihrer amtlichen Bezeichnung ein Omen für die Untiefen seines Aufgabengebietes: "Leiter der Abteilung zur Suche nach Kulturschätzen des Wissenschaftlich-handwerlichen Zentrums für Denkmalschutz und Denkmalnutzung der Kultur und Geschichte im Königsberger Gebiet". Was das praktisch bedeutet, konnte er dokumentarisch, aber auch durch zahlreiche Fund-Anekdoten illustrieren. Rund zwanzig solcher "Abteilungen" und "Kommissionen" sind in den Nachkriegsjahren gegründet worden und ohne Begründung wieder aufgelöst worden. Der heutige Leiter kann den Verdacht nicht von der Hand weisen, daß die eigentlich Fündigen die nicht staatlichen Schatzsucher in der Ruine Königsberg gewesen sind. Gleichwohl hat seine Einrichtung Ende letzten Jahres mit der Entdeckung von 16 000 archäologischen Exponaten der Prussia-Sammlung auch in der Bundesrepublik für Aufsehen gesorgt.

Welche unselige Rolle die Grenzen heute in Ostpreußen spielen, davon konnte Manfred Gerner, Vertreter des Deutschen Zentrums für Handwerk und Denkmalpflege, ein Lied singen. Er verantwortet von deutscher Seite den Wiederaufbau des Königsberger Doms. Gut zwei Quadratkilometer Kupferblech für das Dach waren aus der Bundesrepublik mit Polizeieskorte über die polnische Grenze zum Königsberger Gebiet transportiert worden. Nicht minder abenteuerlich war auch die akkurate Wiederherstellung des Kant-Mausoleums, wo armenische Steinmetze die Schußwunden im Rochlitzer Porphyr geheilt haben – mit Rochlitzer Porphyr. Das Dom-Museum und das Kant-Museum über der orthodoxen und der evangelischen Kapelle im Turmvorbau sind der ganze Stolz des russischen Dombauherren Igor Odinzow, der es im Unterschied zum zurückhaltend-emsigen deutschen Projektleiter Uwe Rödiger an herrschaftlicher Gebärde nicht mangeln ließ.

In Demut übte sich demgegenüber Anatolij Bachtin vom Königsberger Staatsarchiv. Mitnichten gilt seine Bescheidenheit allerdings der Allgegenwart verbohrter Amtsträger, die ihn noch immer zum Beschmutzer des neurussischen Nests stempeln, sondern der niederschmetternden Wucht der von ihm gesammelten und dokumentierten Fakten zur "Situation der Kunstdenkmäler um das Jahr 1999". Die genaue Datierung ist, so muß man aus seinem Vortrag schließen, bitter notwendig, da jedes Jahr den Umfang der Zerstörungen dramatisch wachsen läßt. Seiner statistisch-sachlichen und zugleich bewegenden Bestandsaufnahme konnte man wirklich keine "Tendenz" unterstellen. Ein überzeugender Vortrag, der klarmacht, daß man auch wissen muß, was es nicht mehr gibt, wenn man verhindern will, daß noch mehr versinkt und verschwindet.

Solchem Bemühen haben sich auch die Mitarbeiter der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat verschrieben. Nach vielen Jahren der Arbeit sehen sie sich jetzt im Juni 2000 in den mißlichen Stand gesetzt, zum Thema Versinken und Verschwinden Selbststudien zu betreiben.

Georg Aescht (DOD) / BN