© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 03. Juni 2000


Arthur Moeller van den Bruck: "... um die Hälfte der Welt"
Visionärer Wanderer zwischen Kunst und Politik (Teil II)
Von WALTER T. RIX

Die Ruhrbesetzung brachte eine weitere Annäherung.
Auf einer Sitzung der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale hielt Radek seine denkwürdige Rede "Leo Schlageter, der Wanderer ins Nichts", in der er den Genossen verdeutlichte, daß Schlageter es verdient, "von uns Soldaten der Revolution männlich-ehrlich gewürdigt zu werden." Seltsame Koalitionen taten sich auf. Die KP Sachsens wies ihre Mitglieder an, die Militärtransporte der Freikorps nach Schlesien unbehelligt zu lassen. Das Freikorps "Oberland" schloß einen Burgfrieden mit der KPD und weigerte sich, gegen streikende Arbeiter in Ratibor vorzugehen. Im russisch-polnischen Krieg schlossen sich Freikorps aus dem Baltikum, denen die Reichsregierung die weitere Unterstützung versagte, der Roten Armee an. Der Schritt von der nationalrevolutionären, antibürgerlichen Haltung zu einer nationalbolschewistischen Einstellung war, wie Ernst von Salomons "Die Geächteten" (1931) und "Die Kadetten" (1933) sehr anschaulich erkennen lassen, nicht sehr groß.

Der Ausgangspunkt für Moellers Ostsicht findet sich in geradezu programmatischer Weise in seinem Vorwort zu der von ihm im Münchener Piper-Verlag seit 1905 herausgegebenen Gesamtausgabe (22 Bände) Dostojewskis: "Wir brauchen in Deutschland die voraussetzungslose russische Geistigkeit. Wir brauchen sie als ein Gegengewicht gegen ein Westlertum, dessen Einflüssen auch wir ausgesetzt waren, wie Rußland ihnen ausgesetzt gewesen ist, und das uns dahin gebracht hat, wohin wir heute gebracht sind. Nachdem wir so lange zum Westen hinübergesehen haben, bis wir in Abhängigkeit von ihm gerieten, sehen wir jetzt nach dem Osten hinüber und suchen die Unabhängigkeit." "... der Blick nach Osten erweitert unseren Blick um die Hälfte der Welt."

Dostojewski ist auch der entscheidende Ideengeber für Moellers Theorie von den "jungen Völkern", die er mit einer sich der Logik entziehenden Leidenschaft vertritt. Letztlich leitet sich diese Vorstellung von dem unter den Jungkonservativen populären Organismusgedanken ab. Sie knüpft außerdem an Gedanken an, wie sie Fichte mit seiner Theorie vom Urvolk, Herder mit seiner Ansicht von der schöpferischen Kraft des Volkes und Spengler mit seinen Lebensalterthesen vertreten haben. Während die der Rationalität zugewandten Völker von Moeller als "alt" klassifiziert werden, gelten ihm die aus dem Mythos heraus lebenden Völker als "jung". Frankreich erscheint ihm daher als "altes Volk", das Deutschland nur niederringen konnte, weil es sich in Amerika und Rußland die "jungen Völker" dienlich gemacht hat. "Nicht das Alter, sondern die Glut, die Unausgebrauchtheit der Seele, entscheidet über die Jugend der Völker", postuliert er und vertritt die Ansicht, daß die "jungen Völker" der Erde und dem Chaos näher und damit schöpferisch sind, denn sie können wieder beginnen. Von hier aus wird verständlich, daß die russische Revolution eine gewisse Anziehungskraft für ihn ausübte. Die Verkörperung eines "jungen Volkes" in seiner reinsten Form erblickte er jedoch in Preußen. Da Preußen der jüngste und stärkste Teil Deutschlands sei, könne primär aus ihm heraus der Neubau des Dritten Reiches erfolgen. Im Gegensatz zum Reich, das sich in seiner Geschichte stets dem Westen oder Süden zugewandt habe, war Preußen von Anfang an durch Geographie und Geschichte nach Osten ausgerichtet. Diese Ausrichtung gipfelt in der Erhebung Königsbergs zur Krönungsstadt, wodurch Preußen seine Selbstverwirklichung erreicht. Mit der Reichsgründung opferte sich Preußen für Deutschland unter Zurücksetzung seiner Aufgaben im Osten. Preußen muß daher seinen Blick wieder nach Osten richten, schon allein weil der Schwerpunkt des Reiches im Osten liegt. Aus der Solidarität der "jungen Völker" Preußen-Deutschland und Rußland erwächst dann ein neues Ordnungssystem für Europa, wie die Entfaltungsmacht generell dem Osten gehört ("Zeitalter des Ostens"), da die romanischen Völker bereits ihren Zenit überschritten haben. Die Forderung nach einem Zusammengehen von Deutschland und Rußland gründet sich weiterhin auf die Überzeugung, daß nach den Wirren des Bolschewismus das heilige und mythische Rußland wieder erstehen wird. Im Bunde mit Deutschland wird es dann den altersschwachen Westen niederringen.

Die schicksalhafte Verbindung zwischen beiden Völkern ist für Moeller deren politische Bestimmung. Der Ausgang des Ersten Weltkriegs hat diesen Weg erneut gewiesen, insbesondere da durch den Wegfall des habsburgischen Machtanspruchs kein Gegensatz mehr zu Rußland besteht. Den vom Bolschewismus praktizierten Terror versucht Moeller durch zwei Argumente zu relativieren: Entweder geht dieser an dem von ihm selbst verursachten wirtschaftlichen Chaos zugrunde, oder aber er emanzipiert sich von seiner radikalen Doktrin. Mag hieraus auch ein getrübter Realitätssinn sprechen, so war für Moeller andererseits "ein Sichwegwerfen an den Osten im Stil der Kommunisten" völlig ausgeschlossen. Dennoch sah er auf konkreter politischer Bühne durchaus Anknüpfungspunkte. In der Auflehnung der Kommunisten und Nationalisten gegen die Versklavung durch Versailles erblickte er eine wesentliche Gemeinsamkeit. Aus den Erfahrungen von 1919 bis 1924 zog er die Schlußfolgerung, daß es sich um einen Kampf der Weltanschauungen handelt, den das Proletariat "als der unterdrückte Teil einer unterdrückten Nation" führt. In seinem Aufsatz "Sind Kommunisten Deutsche?", erschienen 1921 in der von ihm redigierten Zeitschrift des "Juni-Klubs" "Das Gewissen", führt er hierzu aus: "Der deutsche Kommunismus will diese Sklaverei nicht. Und der deutsche Nationalismus will sie nicht. Das verbindet die beiden. Aber es fragt sich, ob beide zusammengehen können. Die Antwort hängt nicht vom dem Nationalismus ab. Sie hängt von dem Kommunismus ab. Die deutsche Arbeiterschaft muß sich darüber klar werden, daß es seinen Grund hatte, wenn die Hoffnung auf Rußland immer wieder enttäuschte, und daß dieser Grund in ihr selbst lag. Er lag in der Unselbständigkeit des deutschen Sozialismus. Er lag darin, daß er sich von dem russischen Verbündeten abhängig machte." Den Kampf wertet er als notwendiges Vorspiel zu einem deutschen Freiheitskrieg gegen die Weltordnung der "alten Völker." In dem Durchbruch eines sozial ausgerichteten Nationalismus sah er dabei die einzige Möglichkeit eines dauerhaften und friedlichen Ausgleiches unter den Völkern. Außenpolitisches Axiom bleibt dabei stets das freundschaftliche Verhältnis zu Rußland.

Auffällig ist die durchgehend ambivalente Haltung Moellers zur Revolution. Da er von der Annahme eines "Volksgeistes" ausgeht, ist er überzeugt, daß dieser trotz aller Brüche, die eine Revolution bewirkt, dominant bleibt. So kann die Revolution zwar nicht zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren, aber sie entwickelt Überlieferungen weiter, ist bisweilen sogar "notwendig." Armin Mohler hat dafür den sehr treffenden Begriff "Konservative Revolution" geprägt. Aus dieser Perspektive wollte Moeller daher in der russischen Revolution keinen radikalen Bruch mit der petrinischen Tradition sehen und betonte entsprechend: "Der Bolschewismus ist russisch. Und er ist nur russisch." Einige Erscheinungen der Umwälzung fand er sogar sympathisch. So vermeinte er, eine Parallele zwischen dem Rätesystem der Kommunisten und den Ausschüssen des Ständestaates entdecken zu können. Andererseits konnte ihm eine Revolution auch nicht radikal genug sein. Die Novemberrevolution verachtete er, weil sie nur "eine halbe Revolution" war und zudem noch von Liberalen und Kommunisten inszeniert wurde. Dem hält er in "Das Dritte Reich" entgegen: "Wir wollen die Revolution gewinnen." Dies ist der Appell, den Sozialismus mit dem nationalen Gedanken zu versöhnen und die daraus resultierende Kraft für eine neue Ordnung einzusetzen. Aufgabe eines "deutschen Bolschewismus" ist es nach Moeller daher, "den Revolutionären die Revolution aus der Hand zu nehmen" und diese zu vollenden. Das kommt allerdings einer grundlegenden Anverwandelung der Kräfte gleich, denn der Klassenkampf mutiert zum nationalen Freiheitskampf, und aus den wirtschaftlichen Forderungen ergeben sich ethisch-politische Verpflichtungen. Auch muß betont werden, daß der "organische Sozialismus" von Moeller dem Marxismus diametral entgegengesetzt ist, allein schon deshalb, weil er an das Konzept der Nation gebunden ist, den Klassenkampf grundsätzlich verwirft und sich als Sozialismus auf ethischer Grundlage begreift. Zudem bleiben die Eigentumsverhältnisse und die Produktionsmittel unangetastet. In "Das Dritte Reich" faßt Moeller seine Vorstellungen in einer Formel zusammen, die sich fast wortgleich auch bei August Winnig findet: "Wo der Marxismus endet, dort beginnt der Sozialismus."

Die Ostideologie Moellers fand einen günstigen Nährboden insbesondere bei einer jungen Generation, die sich gegen die nach 1918 immer deutlicher hervortretende Amerikanisierung wehrte. Nationalbolschewistische Tendenzen drangen praktisch in alle Bünde der Jugendbewegung ein. Seine stärkste Entfaltung erlebte der Nationalbolschewismus während und nach der Weltwirtschaftkrise. Ein Weggefährte Moellers, Hans Schwarz, sammelte als Herausgeber der Zeitschrift "Der Nahe Osten" diesen Kreis um sich. KPD und NSDAP unternahmen große Anstrengungen, Mitglieder abzuwerben, jedoch ohne größeren Erfolg. Im Gegenteil: Mitglieder der NSDAP traten häufig zu den nationalbolschewistischen Gruppen über. Otto Strasser verließ Hitler und gründete die "Schwarze Front." Der Reichswehroffizier Wilhelm Schweringer trat unter großem Aufsehen sogar zur KPD über. Bis zur Machtergreifung lebten die nationalbolschewistischen Ideen in zahlreichen Vereinigungen weiter, die alle ihre eigene Zeitschrift hatten ("Aufbruch", "Die Tat", "Naher Osten", "Schwarze Front", "Widerstand" u. a.). Der Versuch, alle diese Gruppierungen Ende 1932 zu einer "Nationalkommunistischen Partei" zu einen, schlug allerdings fehl.

Moeller war kein Mann der lauten Stimme, und er war alles andere als ein Volkstribun. In größeren Versammlungen ergriff er nie das Wort, sondern lauschte den Ausführungen anderer, nachdenklich und in sich gekehrt. Seine Einflußfähigkeit lag in der im kleinen Kreis geführten Diskussion, die er mit scharf geschliffenen Argumenten bestritt. Hier entfaltete sich seine ganze Überzeugungskraft. Häufig nahmen seine leidenschaftlichen Ausführungen visionäre oder prophetische Züge an und vermochten gerade dadurch seine Zuhörer um so mehr in ihren Bann zu schlagen. Er war sich dessen bewußt und setzte diese Fähigkeit geschickt für seine Ziele ein. Natürlich wollte er nicht nur intellektualisieren, sondern auch wirken und beeinflussen. Im Sinne seiner Vorstellung von Elite und Ständestaat sollte dies über führende Köpfe von oben nach unten erfolgen. Die Weimarer Jahre waren eine Zeit der Gruppierungen, der Klubs, Gesellschaften und Konventikel. Innerhalb dieses Spektrums nahmen die vom Geist Moellers zehrenden Klubs und Zeitschriften eine zentrale Stellung ein. Da Moeller den Parlamentarismus in der von ihm beobachteten Form ablehnte, war ihm auch jede Form der Parteibildung zuwider. Statt dessen versuchte er, durch gezielte Elitesammlung Einfluß zu nehmen. Der innerste Kern war der "Montagstisch", eine kleine Gruppe, die ihr regelmäßiges Treffen in einem Berliner Restaurant bald von Montag auf die ganze Woche ausdehnte. Das weitere Umfeld war der "Juni-Klub", der einmal wöchentlich mit etwa 130 Personen zusammenkam. Dieser erweiterte sich dann noch durch die "Ringbewegung." Damit war Deutschland praktisch überzogen mit einem Netz von elitären Konventikeln. Der tatsächliche Einfluß dieser Gruppierungen auf die politische Praxis ist nur schwer zu messen. Da diese jedoch über eine ganze Palette von Zeitschriften verfügten ("Das Gewissen", "Die Hochschule", "Preußische Jahrbücher", "Deutsche Rundschau", "Der Firn", "Der Grenzbote", "Deutsches Volkstum", "Der Nahe Osten", "Der Morgen" u. a.), konnten sie gezielt Einfluß auf das Geistesleben nehmen. Außerdem waren die Mitglieder der einzelnen Klubs nicht etwa sozial freischwebende Intellektuelle, sondern Vertreter von Politik, Wirtschaft und Militär, die Verantwortung trugen und Entscheidungen trafen. So lassen viele öffentliche Äußerungen zu Versailles und Rapallo, zu Verfassung und Sozialwerten, zu Parlamentarismus und Liberalismus deutliche Spuren des Denkens von Moeller erkennen.

Der Mann, der die großen politischen Widersprüche aufzulösen und die hemmenden Extreme zu versöhnen gedachte, zehrte sich schließlich infolge seiner eigenen Widersprüche auf. Wie Nietzsche wollte er "mit dem Hammer philosophieren", besaß jedoch nicht die Kraft dazu. Er war mehr als Kritiker, wurde aber niemals Schriftsteller und blieb Literat. Er fühlte die Notwendigkeit der Tat, wurde aber niemals politisch Handelnder und blieb kritischer Visionär. Die Vereinigung von Mythos und Realität gelang ihm nicht. Daran scheiterte er. Im Herbst 1924 erlitt er einen Nervenzusammenbruch, von dem er sich nicht mehr erholte. Am 30. Mai 1925 nahm er sich das Leben.

Die politischen Ereignisse und die daraus folgende weltanschauliche Konditionierung haben uns den Blick für die Gedanken Moellers heute verstellt. Dabei bieten seine Ansichten gerade für uns in unserer gegenwärtigen Situation Perspektiven, die bedenkenswert und sogar richtungweisend sind. Als größter zentraleuropäischer Staat müssen wir uns nach dem Untergang der Sowjetunion mit Rußland zukünftig auf einer neuen Grundlage auseinandersetzen. Hier kann uns eine Rückbesinnung auf Moeller helfen, den Westextremismus zu überwinden und ein besseres Verständnis von Rußland zu gewinnen. Dies gilt insbesondere auch deshalb, weil die deutsche Berichterstattung über das heutige Rußland unzulänglich und vorurteilsgeprägt ist.

Schluß