© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 17. Juni 2000


Die Identität bewahren
Zur Verleihung der Ostpreußischen Kulturpreise

Auch über 50 Jahre nach der Vertreibung aus der Heimat bleiben die Ostpreußen eine große Gemeinschaft, die sich nicht zerbrechen und nicht auseinanderdividieren lasse, betonte das Mitglied des Bundesvorstands der Landsmannschaft Ostpreußen, Ministerialdirektor a. D. Hartmut Gassner, in seiner Ansprache zur Eröffnung des Deutschlandtreffens in Leipzig. "Wir bekennen uns zu unserer Heimat und wir werden weiter mit Augenmaß danach streben, daß das Vertreibungsunrecht nicht verdrängt, sondern geheilt wird. ... Wir wollen nicht auch noch aus unserer gemeinsamen Geschichte der Deutschen in Europa verdrängt und vertrieben werden. Deshalb muß der Anteil Ostpreußens an der deutschen und europäischen Geschichte und Kultur endlich wieder stärker in das Bewußtsein der Menschen gerückt werden. ... Kulturarbeit ersetzt die Heimat nicht – sie gibt aber Zeugnis von ihr. Zeugnis von der Heimat zu geben, war auch der Antrieb für Tausende heimatvertriebener Ostpreußen in ihrem Fluchtgepäck oder auf andere Weise gerettetes Kulturgut zusammenzutragen und für Ausstellungen, Heimatstuben und Museen zur Verfügung zu stellen", so Gassner. Alle diese Einrichtungen erfüllen eine wichtige Aufgabe, nicht zuletzt die zentralen Kultureinrichtungen, das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg und das Ostpreußische Kulturzentrum im Deutschordensschloß Ellingen. Auch verwies er auf die 1992 als rechtsfähige öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts mit Sitz in Ansbach errichtete Ostpreußische Kulturstiftung. Im Hinblick auf Unstimmigkeiten mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Angelegen-heiten der Kultur und der Medien (KBM), Staatsminister Dr. Naumann, betonte Gassner: "Unsere kulturellen Einrichtungen haben nicht nur eine wichtige Funktion für die grenzüberschreitende kulturelle Zusammenarbeit, sie behalten vielmehr vor allem auch ihre Bedeutung für die Bewahrung unserer ostpreußischen Identität. Deshalb werden wir diese Einrichtungen sorgfältig hüten. Und ich denke, wir befinden uns dabei auf sicherem Boden."

Bernd Hinz, stellvertretender Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, stellte im Anschluß den Kulturpreisträger für Wissenschaften vor: "Dr. Frans du Buy wurde am 31. Mai 1931 in Boskoop (Niederlande) geboren. Flucht und Flüchtlingsschicksal erfuhr der Neunjährige im Mai 1940 bei dem Vormarsch der deutschen Truppen in seine niederländische Heimat. Die damaligen Erlebnisse mögen u. a. das spätere Engagement des Rechtslehrers in den Fragen der Zwangsvertreibung, des Selbstbestimmungs-, Minderheiten- und Volksgruppenrechts ausgelöst haben. Nach dem Besuch des Gymnasiums legte er 1951 das Abitur ab und leistete anschließend seinen Wehrdienst ab. Einem juristischen Studium an der Reichsuniversität Utrecht bis zum Jahre 1957 folgten Auslandsreisen zum Erwerb von deutschen und französischen Sprachkenntnissen. Von 1959 bis 1964 war Frans du Buy in einem niederländischen Großunternehmen tätig, um dann Verwaltungsangestellter an der neu gegründeten Technischen Universität in Enschede zu werden. Im Oktober 1968 trat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in das Institut für Rechtsgeschichte der Reichsuniversität Utrecht ein.

In mehrjährigen Studien verfaßte er seine Dissertation mit dem Titel "Das Recht auf die Heimat – Realität oder Fiktion?" Im März 1957 wurde Frans du Buy von der Reichsuniversität Utrecht zum Dr. jur. promoviert, mit der in den Niederlanden die venia legendi verbunden ist. Vom Oktober 1968 bis zum Oktober 1988 war Dr. du Buy Dozent an der juristischen Fakultät der Reichsuniversität Utrecht.

Die Dissertation von Frans du Buy war der erste weithin sichtbare Ausdruck seines wissenschaftlichen Interesses, sich mit den Fragen der deutschen Heimatvertriebenen und dem Recht der Deutschen auf staatliche Einheit zu beschäftigen. Als historisch gebildeter Jurist und juristisch denkender Historiker hat er sich in seinen zahlreichen rechtswissenschaftlichen Arbeiten immer wieder mit Problemkreisen wie dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, Fragen des Minderheitenschutzes, der völkerrechtlichen Einordnung von Vertreibungen, Fragen humanitären Völkerrechts, des Kriegsrechts und nicht zuletzt mit dem Recht auf Heimat beschäftigt. Allen seinen Arbeiten ist der an Recht und geschichtlicher Wahrheit orientierte ernste Wille anzumerken, einen Beitrag zu einem menschenwürdigen Umgang der einzelnen und ihrer Gemeinschaften miteinander und mit ihrer Geschichte zu leisten, sich für die dignitas humana einzusetzen.

Dabei hat er sich nie gescheut, Standpunkte deutlich auszusprechen, die nicht nur im Ausland weithin negiert werden, sondern auch in Deutschland selber seit den späten 60er Jahren einem mehr oder weniger gesellschaftlich verordneten Tabu unterliegen: Recht und Gerechtigkeit auch für das deutsche Volk und das Recht auf die Heimat ist ein Recht auch für die deutschen Heimatvertriebenen.

Dr. du Buy, der als Vortragsredner zur deutschen Frage im Kreis der Vertriebenen weithin bekannt ist, artikuliert auch öffentlich seinen mit einer brillanten und kenntnisreichen rechtlichen Analyse untermauernden Standpunkt, daß das Deutsche Reich in seinen Vorkriegsgrenzen fortbestehe und eine Anerkennung der Oder-Neiße-Linie allen völkerrechtlichen Grundsätzen widerspreche. In diesem Zusammenhang soll nicht verschwiegen werden, daß der Verlust seiner Stellung an der Reichsuniversität Utrecht im Jahre 1988 entscheidend mit dem mannhaften Eintreten v. Frans du Buy für die Rechte der deutschen Heimatvertriebenen zusammenhing. Hilfe und Unterstützung erfährt Dr. Frans du Buy durch seine Frau, eine geborene Königsbergerin.

Das Wirken von Dr. Frans du Buy ist vielfach anerkannt worden: 1982 erhielt er das Goldene Ehrenzeichen der LO und 1986 den Sudetendeutschen Kulturpreis für Wissenschaft. 1988 ehrte ihn die Kreisgemeinschaft Preußisch Holland mit der Ernennung zum Ehrenmitglied mit ihrer höchsten und bisher einmaligen Auszeichnung. 1991 wurde ihm vom Förderkreis Ostpreußisches Jagdmuseum – Hans-Ludwig Loeffke Gedächtnisvereinigung e. V. der Hans-Ludwig Loeffke Gedächtnispreis zuerkannt.

Die Landsmannschaft Ostpreußen würdigt mit der Verleihung des Kulturpreises an Dr. Frans du Buy nicht nur die Leistung des Wissenschaftlers, der sich mutig und beharrlich mit fundierten historischen und völkerrechtlichen Argumenten für das Recht der Deutschen auf staatliche und territoriale Einheit in seinen Veröffentlichungen einsetzt. Sie dankt Dr. du Buy auch für seine uneingeschränkte Bereitschaft, sich auf öffentlichen Veranstaltungen verschiedenster Art mit dem gesprochenen Wort vorbehaltlos an die Seite der deutschen Vertriebenen zu stellen.

Die Landsmannschaft Ostpreu-ßen verleiht Dr. Frans du Buy, dem engagierten Verfechter des Selbstbestimmungsrechts der Deutschen, in Anerkennung seines mutigen Auftretens für Deutschland in allen seinen Teilen den Ostpreußischen Kulturpreis für Wissenschaft."

Dr. Buy dankte im Anschluß für die Verleihung des Preises und betonte, er sei Ansporn, sich auch weiterhin für die Belange der Heimatvertriebenen einzusetzen.

Der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, hatte es übernommen, die Verdienste des diesjährigen Kulturpreisträgers für Publizistik zu würdigen: "Henning von Löwis ist 1948 in Freiburg an der Elbe, zwischen Stade und Cuxhaven, geboren. Der Vater war Journalist, Chefredakteur der "Niederelbe-Zeitung" in Otterndorf. Sein Stammbaum reicht bis zu den schottischen Lowlands zurück. Anno 1630 wandert ein Sproß dieser Adelsfamilie aus, trat als Offizier in die Dienste von König Gustav Adolf von Schweden, erhielt für seine Verdienste Güter im Baltikum, wo die Vorfahren bis 1919 ansässig waren. So wie sein maritimes Interesse aus Herkunft mütterlicherseits abzuleiten wäre. Ein Urgroßvater war Reeder einer Segelschiffsflotte, die Salpeter von Chile nach Europa transportierte. Die illustre Ahnenreihe, zu der auch Queen Mary und Puschkin gehören, wäre schon eine eigene Geschichte wert.

Bereits die Mitarbeit an einer Schülerzeitung in Braunschweig läßt frühzeitig seine journalistische Neigung erkennen. Die Sendung "Fünf Minuten Politik für junge Leute" in der NDR-Hitparade ist seine Feuertaufe als Kommentator, er plaudert zwischen Hamburg und Haiti, studiert nebenbei Politische Wissenschaft und Öffentliches Recht. Sein Spezialgebiet wird jedoch die Lusitanistik, die Lehre von der portugiesischen bzw. brasilianischen Sprache und Literatur. 1976 promoviert Henning von Löwis über die Außenpolitik Portugals nach 1945. Er wirkt zehn Jahre – von 1973 bis 1983 – an der Seite des berühmten Adenauer-Biographen Professor Hans-Peter Schwarz an der Universität Köln, hier wird er Lehrbeauftragter mit dem Arbeitsschwerpunkt Außenpolitik der DDR und internationale Beziehungen.

1984 entscheidet er sich gegen eine Hochschullaufbahn und arbeitet zunächst als freier Fachjournalist für Deutschlandfunk und Deutsche Welle, 1987 wird er Redakteur an der Ost-West-Abteilung des Deutschlandfunks und geht nach der Wiedervereinigung für seinen Sender als Korrespondent nach Mecklenburg-Vorpommern, schließlich arbeitet er seit 1994 als Redakteur des Deutschlandfunks in der Abteilung Hintergrund.

Die politische Wende in Deutschland im November 1989 wird für ihn auch persönlich zu einer Zäsur. Aus dem Kommentator war plötzlich ein Reporter geworden. Sein erster Einsatz – das Brandenburger Tor in Berlin in den Tagen des Mauerfalls. Es folgen Reportagen und Berichte, in denen er sich einfühlsam der Ängste, Nöte und Sorgen der Menschen zwischen Schwerin und Greifswald annimmt. An der Oder endet jedoch nicht sein journalistisches Interesse. Auch dem baltischen Raum und dem Königsberger Gebiet widmet er seine Aufmerksamkeit. Nicht nur die baltische Herkunft seiner Ahnen treibt ihn nach Osten. Für ihn gehören Städte wie Riga oder Königsberg genauso zum europäischen Haus wie Florenz oder Brüssel. Ob die Einweihung des deutsch-russischen Hauses, die Feierlichkeiten aus Anlaß des 450. Jahrestages der Albertina, die Einweihung der Salzburger Kirche, der Stand der Dombauarbeiten oder die Lage der Rußlanddeutschen, in zahlreichen Beiträgen beschäftigt er sich mit den Entwicklungen im Königsberger Gebiet und spiegelt das Leben der Bevölkerung wider. Mit dem nötigen Gespür nähert er sich dem speziellen Schicksal der einstigen preußischen Krönungsstadt mit ihren immensen heutigen sozialen Problemen. Dabei gelang es ihm, Zugang zu den Spitzen der Königsberger Gebietsverwaltung zu bekommen.

In seiner Berichterstattung scheut er sich nicht, offen davon zu sprechen, daß es sich bei Königsberg eben nicht um eine x-beliebige Region der russischen Föderation handelt, wie der deutsche Botschafter in Moskau 1996 in einem Interview mit unserem Preisträger behauptet hat, sondern um ein Gebiet mit über 700jähriger deutscher Geschichte. In der heutigen Zeit, in der man glaubt, aufgrund des Dritten Reiches sich und anderen jegliche Beschäftigung mit Ostdeutschland versagen zu müssen, hebt sich seine Stimme wohltuend von der Position ab, die lautet: Da Ostpreußen nicht mehr deutsch ist, soll man sich auch nicht mehr mit ihm befassen bzw. soll man so tun, als ob es auch nie deutsch gewesen wäre. Es könnte sonst möglicherweise mißverstanden werden.

Einstellungen und Tabus dieser Art tragen in starkem Maße dazu bei, daß die heute lebende mittlere und jüngere Generation sich weit von allem Östlichen entfernt hat. Daß Jugendliche nichts von einem deutschen Königsberg und einem Immanuel Kant wissen, das trägt zum Verständnis mit unseren östlichen Nachbarn nicht bei, denn deren Geschichte ist mit einer derartigen Geschichtsklitterung ebenfalls verdrängt und unverstanden geblieben. Nur wer sich den eben skizzierten Hintergrund deutlich vor Augen führt, kann die journalistische Arbeit von Henning von Löwis richtig einschätzen.

Die Landsmannschaft Ostpreußen würdigt den journalistischen Einsatz Dr. Henning von Löwis’ gegen die systematische Verdrängung Ostdeutschlands aus dem Bewußtsein und seinen Anteil beim Durchbrechen der Schweigespirale, die nach 1945 über Königsberg verhängt wurde, durch die Verleihung des Ostpreußischen Kulturpreises für Publizistik 2000."

"Mein Dank als Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen gilt auch dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit, das wesentlich zur Finanzierung der diesjährigen Kulturpreise beigetragen hat", schloß Wilhelm v. Gottberg seine Laudatio.

Mit launigen Worten dankte Löwis für die Verleihung des Preises und berichtete über seine Eindrücke aus dem heutigen Königsberg. Signale der Hoffnung seien zu erkennen, schließlich lasse sich Geschichte nicht einmauern. "Geschichte ist nach vorne hin offen." (Die Reden beider Preisträger werden wir in einer der nächsten Ausgaben in vollem Worlaut veröffentlichen.) Silke Osman