© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. Juli 2000


Er ist ein wahrer Meister seines Fachs
Zum 75. Geburtstag von Otto Rohse aus Insterburg – Graphiker, Typograph und Buchkünstler

Oft sind nur wenige zarte Linien auf dem Blatt, und doch fühlt sich der Betrachter hineingezogen in das Motiv. Der Künstler konzentrierte sich auf das Wesentliche und hat doch die Seele des Dargestellten erfaßt, seien es die südlichen Landschaften (Venedig, Kreta, die Provence), seien es die Interieurs oder die Architekturmotive. Und hat man einmal gesehen, wie diese Blätter entstehen, wieviel Arbeit dahinter steckt, dann weiß man ihren Wert erst recht zu schätzen.

Geboren wurde Otto Rohse am 2. Juli 1925 in Insterburg. In Gumbinnen wuchs er auf und besuchte dort die Friedrichschule. Nächste Station Breitenstein im Kreis Tilsit-Ragnit; dort nahm er auf Wunsch des Vaters eine Ausbildung bei der Post auf. Doch nur wenige Monate hielt der Insterburger es dort aus – die Kunst rief, und Rohse folgte diesem Ruf. Schon als junger Mensch zeichnete er viel, hauptsächlich mit Bleistift, hin und wieder auch mit Kreide. Bizarre Formen der Kiefern, Wurzelwerk, Felder und Wolken faszinierten ihn. In den Schulferien, die er oft bei Verwandten in der Nähe von Trakehnen oder am Rande der Rominter Heide verbrachte, zeichnete er Tiere, Menschen, Höfe, nahm von allem viel auf, vieles fand dann später seinen Niederschlag in seinen Arbeiten. Auch die Begegnung mit der Malerin Helene Wagenbichler, einer Nachbarin aus Gumbinnen, die vielfach im Königsberger Kunstverein ihre Bilder ausstellte, beeindruckte ihn nachhaltig. – Eine Mappe mit 14 Städte-Motiven aus Ostpreußen schuf er 1993/94. Wie alle Publikationen Otto Rohses ist sie nur in einer kleinen Auflage erschienen, denn schließlich lassen sich von einem Kupferstich maximal 100 gute Abzüge machen ...

In Königsberg besuchte Otto Rohse die Kunstakademie und wurde Schüler von Alfred Partikel. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft setzte Rohse seine Studien in Hamburg an der Landeskunstschule fort (bei Ahlers-Hestermann und Richard von Sichowsky). Nachdem er als Assistent Sichowskys gearbeitet hatte, stellte er sich 1956 auf eigene Beine und wirkte fortan als freischaffender Künstler – mit einer kurzen Unterbrechung: 1960/61 leitete er die Klasse für Typographie und Buchgestaltung an der Werkkunstschule in Offenbach/Main.

1962 gründete er die Otto-Rohse-Presse und gibt dort bis heute bibliophile Kostbarkeiten heraus. Ein Besuch in der Werkstatt läßt "selige Bleisatz-Zeiten" wieder lebendig werden. Setzschiff, Winkelhaken, Schriftzeichen – es gibt sie noch! Meisterhaft beherrscht von Otto Rohse, dem es sehr am Herzen liegt, eine ästhetische Verbindung von Illustration und Schrift herzustellen.

Zu den wohl am weitesten verbreiteten Arbeiten des Graphikers Otto Rohse gehören die Briefmarkenserien, die er 1955 bis 1995 für die Deutsche Bundespost entwarf, so die Serie "Deutsche Bauten aus 12 Jahrhunderten" (übrigens in Originalgröße gestochen!). Rohse, der die schwierige Technik des Holz- und Kupferstichs autodidaktisch erlernte, gilt heute als Meister seines Fachs. Bewußt verzichtet er auf malerische Effekte. Mit seinen meist kleinen Formaten, seinen zarten, wie hingehaucht wirkenden Landschaften und Architekturmotiven "besticht" er geradezu. Kraftvoll dagegen die Holzstiche, die bizarre Formen von Bäumen etwa besonders eindrucksvoll hervortreten lassen.

Otto Rohes kann auf ein umfangreiches Werk blicken: 600 Holzstiche und 350 Kupferstiche hat er bisher gezählt, nicht zu vergessen die vielen Radierungen. Der Jubilar will sich jedoch keineswegs zur Ruhe setzen; im Gegenteil: für das Jahr 2000 will er eine Mappe "Park und Schloß" herausgeben, den 50. Druck der Otto-Rohse-Presse. Insgesamt sind es 66 Kupferstiche und Radierungen mit Motiven von Veitshöchheim bis Wörlitz, die ihn seit vier Jahren beschäftigen. Auch plant er mehrere neue kleine Serien, Mappenwerke zum Thema Moor, oder Rosen, oder Die Erlebniswelt des Leonardo da Vinci, oder Rügen und Caspar David Friedrich, oder ...

Die Kupferstiche, Radierungen, Holzstiche, die bibliophilen Ausgaben seiner Bücher sind nicht nur bei Freunden exquisiter Buchkunst zu finden, sondern mittlerweile auch in renommierten Museen, so im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, das später auch die Presse übernehmen wird, um sie als lebendige Werkstatt zu erhalten, im Klingspormuseum in Offenbach, im Schiller-Nationalmuseum Marbach, in der Hamburger Staatsbibliothek und auch in der Johannes-Alasco-Bibliothek in Emden, die sämtliche Kupferstichplatten besitzt und im kommenden Jahr ein Otto-Rohse-Kabinett einrichten will. Viele Möglichkeiten, die Werke des Insterburgers aus Gumbinnen, der am Sonntag in Hamburg seinen 75. Geburtstag begehen kann, einmal genau in Augenschein zu nehmen.

Silke Osman