© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. Juli 2000


Blick in die Geschichte des Lebens
Die Erfassung der Königsberger Bernsteinsammlung macht Fortschritte

Universitätssammlungen sind in vielen Bereichen nicht nur ein unverzichtbares Instrument der Forschung und Lehre, sie verwahren auch Dokumente der Geschichte der Erde und des Lebens. Ein derartiges Kulturgut von internationalem Rang bewahrt das Instititut und Museum für Geologie und Paläontologie der Universität Göttingen auf, nämlich die im Krieg geretteten Teile der ehemaligen Königsberger Bernsteinsammlung (Das Ostpreußenblatt berichtete). Einst war diese die größte und bedeutendste ihrer Art in der Welt. 11 000 Bernstein-Fossilien wurden katalogisiert.

Seit der Aufnahme der Königsberger Bernsteinsammlung in die geowissenschaftliche Sammlung der Universität Göttingen sind die Fossilieneinschlüsse (Inklusen) konserviert worden, um sie wieder für Untersuchungen zugänglich zu machen, denn viele Bernsteinstücke mit Fossileinschlüssen zeigten oberflächlich Risse. Eine systematische Zuordnung und Erst-Erfassung wurde vorgenommen.

Im Mai 1999 hat Dr. Gudrun Hammer-Schiemann mit der EDV-Katalogisierung der Königsberger Bernsteinsammlung begonnen. Zu Beginn der Arbeit stand die Sichtung der gesamten vorhandenen Literatur und die Einarbeitung in die Anthropoden-Systematik, wobei das Hauptaugenmerk auf die Klasse der Arachniden (Spinnentiere) und Insekten fiel. Die jetzt eigens entwickelte Datenbank erlaubt es, auf der Grundlage eines bereits in Königsberg verwandten Nummernsystems, die systematische Zugehörigkeit, Ausleihen und Bearbeitungen jedes einzelnen Stückes sowie Erwähnungen in Publikationen zu erfassen oder gezielte Suchanfragen zu machen.

Die momentane Aufgabe ist es, diese enorme Datenmenge einzugeben. Zur Zeit sind schon etwas mehr als 4 000 Inklusen erfaßt, darunter alle, die als Originale von Veröffentlichungen erkannt wurden sowie ein großer Teil der Arachniden. Neben der rein mechanischen Tätigkeit ist aber auch die fortlaufende Bewirtschaftung der Sammlung ein Hauptaspekt der Arbeit. Suchanfragen und Ausleihwünsche von Wissenschaftlern aus aller Welt werden bearbeitet und beantwortet. Ziel ist es, sämtliche Stücke in die Datenbank aufzunehmen und dann in einem zweiten Schritt zu einem umfangreichen fotografisch dokumentierten Bernsteinkatalog zusammenzustellen.

Ein kleiner Teil der Königsberger Bernsteinsammlung hat den Krieg überstanden. Er gelangte im Herbst 1944 auf Umwegen über den Kali-Schacht Volpriehausen (Kreis Northeim), das Kunstlager der englischen Besatzungsmacht in Goslar und Celle, schließlich 1958 in das Geologisch-Paläontologische Institut in Göttingen, wo er im Auftrag der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" wissenschaftlich betreut wird. Der mit Abstand größte Teil dieser Sammlung besteht aus etwa 11 000 Fossil-Einschlüssen.

Verglichen mit derartigen Dokumenten der Evolution sind die samländischen Bernstein-Fossilien mit ihrem Alter von etwa 50 Millionen Jahren jung, aber sie sind so prachtvoll erhalten, daß man durch sie einen ungewöhnlich detaillierten Blick in die damalige Lebenswelt des Zeitabschnitts des Tertiärs werfen kann.

Bernstein ist fossiles Baumharz. Tatsächlich spiegelt die Häufigkeit, mit der einzelne systematische Gruppen des Tier- und Pflanzenreiches im ostpreußischen Bernstein vertreten sind, die Wahrscheinlichkeit wider, mit der diese unterschiedlichen Tier- und Pflanzengruppen an diesem Baumharz klebend überliefert sind. So sind beispielsweise Ameisen und bestimmte Insekten, die vielleicht angelockt durch den aromatischen Duft im Bernstein kleben blieben, häufige Fossilgruppen. Dagegen fand man bisher nur drei Flöhe, die vielleicht zufällig abgestreift vom Fell eines vorübergehenden warmblütigen Tieres im Harz überliefert sind. Trotz dieser verzerrten Überlieferung ist es möglich, ein recht genaues Bild des Bernsteinwaldes im Bereich der heutigen nördlichen Ostsee zu rekonstruieren.

Der nach Göttingen gerettete Teil der ehemaligen Bernsteinsammlung der Universität Königsberg enthält neben den zahlreichen Bernsteinfossilien auch einige neoliothische und frühgeschichtliche Bernsteinschnitzereien, Bernsteinperlen, bronzezeitliche Fibeln sowie kunsthandwerklich bedeutsame Arbeiten aus anderen Epochen. In Zusammenarbeit mit den Göttinger Ur- und Frühgeschichtlern sollen auch diese Bestände erstmals erfaßt, dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet werden. Joachim Zielinski

Der Autor ist Mitarbeiter des "Mitteilungsblattes des Berufsverbandes Deutscher Geowissenschaftler" in Bonn, wo dieser Aufsatz erstmalig erschienen ist.