© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Juli 2000


"Wider zwei Legenden"
Historiker Jäckel: Weit weniger Zigeuner wurden NS-Opfer als behauptet

Am 30. Juni 2000 erschien in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein umfangreicher Beitrag, der, hätte ihn eine andere Zeitung veröffentlicht oder wäre eine andere Person der Autor gewesen, womöglich ein Einschreiten der Staatsanwaltschaft, zumindest aber die Aktivität des Verfassungsschutzes zur Folge gehabt hätte.

Prof. Dr. Eberhard Jäckel wendet sich darin "Wider zwei Legenden über den Holocaust". Jäckel bestreitet in dem Beitrag, daß von seiten des NS-Regimes gegenüber Zigeunern und Homosexuellen die gleiche Vernichtungsabsicht bestanden habe wie gegen Juden. Entsprechende Behauptungen würden von der internationalen Forschung nicht bestätigt, so Jäckel.

Er kann sich solche Feststellungen erlauben, war er es doch, der gemeinsam mit Lea Rosh den Gedanken in die Welt setzte, in Berlin müsse ein gigantisches Mal an den Holocaust an den Juden erinnern. So ausgewiesen, darf sich ein Wissenschaftler auch an "Legenden" vergehen, selbst wenn er damit gegen die "political correctness" verstoßen sollte.

Laut Eberhard Jäckel ist nie beabsichtigt gewesen, unterschiedslos Homosexuelle zu töten. Die bloße Veranlagung sei, so Jäckel, auch im Dritten Reich straffrei geblieben. Zwar sei der seit über 60 Jahren geltende Paragraph 175 des Reichsstrafgesetzbuches verschärft worden ("175a"), doch habe diese Verschärfung auch in der Bundesrepublik bis 1969 gegolten. Auf jener Grundlage wurden 50 000 Homosexuelle zwischen 1935 und 1945 von ihnen gerichtlich bestraft, weil sie ihre gleichgeschlechtliche Neigung lebten. Jäckel fügt dem erschrockenen Publikum gegenüber hinzu: Dies seien genau so viele gewesen wie in den zwölf Jahren zwischen 1953 bis 1965. Allerdings fügt der Historiker unmißverständlich an, daß die brutalen Haftbedingungen unter den Nationalsozialisten in keiner Weise mit den Nachkriegsverhältnissen vergleichbar gewesen seien. Zahllose Homosexuelle hätten die NS-Verfolgung nicht überlebt. Gleichwohl hebe sie das keinesfalls in die Nähe des jüdischen Schicksals.

Während des Krieges habe Himmler durch Erlaß bestimmt, wer mehr als einen Partner "verführt" habe, sei nach Verbüßung seiner Gefängnis- oder Zuchthausstrafe in ein KZ einzuweisen. Von diesem Schicksal seien etwa 5000 bis 15 000 betroffen gewesen. Verglichen mit der Gesamtzahl der deutschen ausschließlich homosexuell veranlagten Männer seien das 0,1 Prozent gewesen. Dazu Jäckel: Es sei also keineswegs "von einem irgendwie umfassenden Holocaust an den Homosexuellen" die Rede gewesen, zumal die Homosexualität bei Frauen generell straffrei geblieben sei.

Noch brisanter ist seine Untersuchung der Opferzahlen der Zigeuner, heute Sinti und Roma genannt. Er bescheinigt der Bevölkerungsgruppe, daß sie sehr geschickt versucht, sich den verfolgten Juden gleichzustellen, so schon durch Gründung eines "Zentralrats der Sinti und Roma", der nicht zufällig so ähnlich heißt wie der "Zentralrat der Juden". Jäckel vertritt die Ansicht, es sei nicht überzeugend zu behaupten, "der Name Zigeuner sei herabsetzend". Der Historiker kreidet den führenden Kräften der Sinti und Roma an, daß sie zu Unrecht die Zigeuner mit den Juden im Dritten Reich gleichstellen wollen.

Unter Verweis auf die Arbeiten jüdischer Wissenschaftler rechnet er nach, daß keineswegs, wie der "Zentralrat der Sinti und Roma" immer wieder behauptet, "über 500 000 Zigeuner planmäßig ermordet worden seien." Tatsächlich galt in der Auffassung von Himmler ein reinrassiger Zigeuner als "Arier", der keiner Verfolgung ausgesetzt war. In seinem Rassenwahn wertete er sie als indogermanisch und also "arisch". Nur den "Zigeunermischlingen" galt seine Verfolgungswut. Daß Himmler solche Menschen ins Zigeunerlager Auschwitz deportieren ließ, habe zunächst nicht den Zweck gehabt, sie zu töten. Hitler habe sich, so Jäckel, öffentlich kaum jemals zur Zigeunerfrage geäußert.

Es gibt keine korrekt ermittelten Zahlen über die getöteten Zigeuner, wie Jäckel meint. Während ein von ihm zitierter jüdischer Historiker die Gesamtzahl der Zigeuneropfer auf 219 000 schätzt, komme ein anderer zu dem Schluß, es seien "mindestens 90 000" gewesen. Auf jeden Fall lägen die tatsächlichen Zahlen "weit unter den vom ,Zentralrat der Sinti und Roma‘ immer wieder angeführten Zahlen".

Jäckel fordert, daß der "Zentralrat" "endlich seinen Kampf gegen die Wissenschaft und die geschichtliche Wahrheit einstellt". Weiter Jäckel: "Es ist eine der obersten Aufgaben der Wissenschaft, die Gesellschaft vor Legenden zu bewahren ..." Es komme auf Argumente an. Vor allem komme es darauf an, so Jäckel scharf, daß die deutsche Gesellschaft sich von ihr aufgedrängten Legenden sowohl hinsichtlich der Homosexuellen wie der Zigeuner befreie und zu einem wahren Geschichtsbild des Holocaust zurückfinde. Hans-Joachim von Leesen