© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Juli 2000


Corinth auf der Nehrung
Von BRIGITTE JÄGER-DABEK

Zweifellos war Corinth, dessen Tod sich am 17. Juli zum 75. Mal jährt, der größte ostpreußische Maler. Auch wenn die Landschaft seiner Heimat nie zum Hauptsujet seiner Arbeit wurde, verband ihn doch eine tiefe Zuneigung mit seiner ostpreußischen Heimat, die ihn stark geprägt hat.

Seine Liebe beschränkte sich aber nicht nur auf Tapiau, die Stadt, in der er am 21. Juli 1858 geboren wurde. Das wird besonders in einigen schriftlichen Zeugnissen deutlich. Wie jedem, der sie kennt, hatten es auch ihm besonders die Kurische Nehrung und Nidden angetan. Über seine Eindrücke verfaßte er einen Artikel mit dem Titel "Studien auf der Kurischen Nehrung", der in der 365. Sonntagsbeilage der Königsberger Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde. Ein launiger, mit leichter Hand geschriebener kleiner Aufsatz.

Ja, er trieb wirklich Studien dort. Wie mit der Zeichenkohle skizzierte er mit wenigen Sätzen und der typischen liebevollen Ironie das Wesen der Nehrung. Anscheinend nur aus Sand bestehend, zeigten sich ihm dort nur vereinzelte spiddrige Fichten, einige Strandhaferinseln oder sonstige armselige Vegetation. Von der einstigen Fruchtbarkeit des dicht mit Wald bestandenen Landstreifens zeigte ihm die Gegend um Rossitten noch ein ungefähres Bild. Neben dieser üppigen Vegetation dann der große Gegensatz mit dem nahen Schwarzen Berg, den er als einen "vom Winde verwehten Zuckerhut, der einsam in die Wolken ragt" sah. Das Wesen der Wanderdünen beschrieb er ganz prägnant: "Es ist nun möglich, daß der Berg, seitdem ich ihn nicht mehr gesehen habe, eine andere Form bekommen oder überhaupt sich an anderer Stelle aufgebaut hat. Wenn diese Berge nicht vor dem Winde geschützt sind, so haben sie es an sich, bald hierhin, bald dorthin zu verwehen. Man nennt sie darum auch die Wanderdünen."

Corinth kannte Nidden als den größten Nehrungsort noch mit ausgeprägt kurischen Wurzeln. Neben der anderen Sprache stachen ihm als Maler sofort die Farben ins Auge, die Buntheit der Kleidung und dieser besondere Farbton, mit dem die Holzhäuser gestrichen waren. "Scharfes Ultramarin" nannte er diesen Ton, der später als Niddener Blau bekannt wurde. Die Kuren an sich fand er zwar papageienbunt, aber immerhin kleidsam angezogen.

Noch lag die Künstlerkolonie in ihren urwüchsigen Anfängen, bevor es später im Dunstkreis der Maler chic wurde, den Sommer in Nidden zu verbringen.

Mit der Fabulierkunst eines echten ostpreußischen Erzählers arbeitete Corinth auch mit der Feder gerade aus dem Pittoresken den Charakter von Land und Leuten heraus. Besonders in Mendel, dem russischen Hausierer, skizzierte er ein Original der Zeit. Dieser Mendel, der in Scheunen schlief, wurde vom ganzen Dorf wie ein etwas exotischer Hofnarr geliebt und freundete sich schnell mit jedem Künstler an, so auch mit Corinth, zumal dieser gerade der einzige Maler im Ort war. Ein wenig meschugge war Mendel schon, er saß geduldig Modell, wobei er unentwegt Choräle aus der Synagoge vorsang. Da er überdies sehr unterhaltsam war, wurde er bereitwillig mit Brot, Fischen und Schnaps versorgt.

Tagsüber arbeitete Corinth oft im Kieferngehölz oder auf dem alten kurischen Kirchhof mit dem freien Blick aufs Haff, badete in der Ostsee, während er abends meist bis tief in die Nacht hinein in der Gaststube saß, mit dem Wirt und dem Förster Skat spielte und Grog trank, alles meist mit Mendel im Schlepptau.

Allerdings muß der Wirt wohl selbst sein bester Gast gewesen sein, denn eines Morgens macht die Nachricht die Runde, man habe jenen Wirt gerade vom Apfelbaum geschnitten. Auf ausdrücklichen Wunsch der Witwe blieb Corinth noch bis zum Begräbnis und nahm, wie es sich gehörte, am Wachabend teil. Mendel mutierte zum Klageweib, beweinte den armen Verstorbenen und bewunderte den schönen, teuren Sarg.

Beim Essen wurde Corinth ein Fremder vorgestellt, der Gerichtsvollzieher wie sich herausstellte. Sozusagen die Todesursache, denn auch sein Zartgefühl, den Stempel auf die Rückseite der Sprungfedermatratzen zu drücken, verhinderte den Tod des Wirtes nicht. Nidden und die Niddener waren beschäftigt mit dem Todesfall, so daß niemand den abreisenden Corinth am Dampfer verabschiedete, nicht einmal Mendel. Der war nämlich damit ausgelastet, im Dorf mit dem Corinth abgebettelten Malrock zu prahlen.