© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. Juli 2000


Atombombe: Das Rätsel von Lichterfelde
War das "Manhattan-Projekt" nur möglich durch den Raub deutscher Forschungsergebnisse?
Von NORBERT HANNIG

Manfred v. Ardenne beteuerte noch 1989, kurz nach dem Mauerfall, nichts gewußt zu haben von der Entwicklung einer Uran-Bombe im Forschungsamt der Reichspost. Auch Albert Speer, Hitlers Rüstungsminister, äußerte vor dem Nürnberger Tribunal: "Wir waren leider nicht soweit." Einiges deutet darauf hin, daß die beiden wie zahllose andere, die an Rüstung und Forschung während des Zweiten Weltkriegs an führender Stelle beteiligt waren, wegen der besonders strengen Geheimhaltungsvorgaben nur lückenhafte Kenntnisse hatten, – daß somit die Atomwaffenentwicklung viel weiter war, als sie annehmen konnten.

Hitlers Rüstungsminister Al bert Speer sagte vor dem Alliierten-Militärtribunal in Nürnberg am 21. Juni 1946 auf Befragen durch den US-Ankläger Justice Jackson aus: …"JUSTICE JACKSON: Und gewisse Experimente und Forschungen wurden auch in der Atomenergie durchgeführt, nicht wahr?

SPEER: Wir waren leider nicht soweit, denn dadurch, daß die besten Kräfte, die wir in der Atomforschung hatten, nach Amerika auswanderten, wurden wir in der Atomforschung sehr stark zurückgeworfen, und wir waren an sich noch ein bis zwei Jahre davon entfernt, um vielleicht eine Atomzertrümmerung bekommen zu können. …

JUSTICE JACKSON: Die Meldungen über neue Geheimwaffen waren also übertrieben und dienten nur dem Zweck, das deutsche Volk weiter zum Krieg anzuhalten?

SPEER: Das war in der Hauptsache in der letzten Phase des Krieges so. … Ab Juni, Juli 1944 bin ich sehr oft an die Front gefahren … und habe dabei feststellen müssen, daß man der Truppe genau so wie dem deutschen Volk Hoffnungen machte, daß eine neue Waffe käme oder überhaupt neue Waffen kämen, und zwar Wunderwaffen kämen, die ohne Einsatz von Soldaten den Sieg garantieren würden. … Es wurde mir von Hitler wie auch von Goebbels erklärt, daß dies keine Propaganda wäre, die von ihnen gemacht würde, sondern daß das der Glaube wäre, der im Volk entstanden sei. …"

Erstaunlich ist, daß während des gesamten Nürnberger Prozesses das Thema Atomforschung, Kern- oder Geheimwaffen nie wieder zur Sprache kamen.

Nach dem Mauerfall bat der Autor am 13. 12. 1989 Professor Dr. Manfred von Ardenne drei Fragen schriftlich zu beantworten:

1. Bestanden in Deutschland vor 1945 mehrere Teams von Wissenschaftlern, die an der deutschen Atombombe arbeiteten?

2. Wenn ja, wußten die einzelnen Teams voneinander?

3. Gab es Ihrem Wissen nach eine "prototyp-reif durchkonstruierte Uranium-Bombe"? Wenn nein, welchen Entwicklungsstand besaß die fortgeschrittenste deutsche Entwicklung, an der die Wissenschaftler gearbeitet haben? Wie lange hätte man noch bis zur Fertigstellung der Bombe (Prototyp und Serie) benötigt?

In seinem Antwortschreiben vom 18. 12. 1989 verweist der Wissenschaftler auf die in Kürze erscheinende Neufassung seiner Biographie (Verlag Hoffmann und Kampe) und fügt hinzu: …

"Von der Entwicklung einer Uranbombe im Forschungsamt der Reichspost habe ich bisher niemals etwas gehört."

Beigelegt war die Kopie der erwähnten, bisher wahrscheinlich unveröffentlichten Forschungsarbeit von Fritz G. Houtermans mit zwei Fotos der Lichterfelder 1MeV-van de Graaf-Atomumwandlungsanlage von 1942 und einer Aufnahme des Lichterfelder Zyklotron-Bunkers mit dem fast fertiggestellten Zyklontron mit dem 60-Tonnen-Magneten.

Die Fotos kommentiert Manfred von Ardenne so:

"Das Lichterfelder Zyklotron und die Eine-Million-Volt-Atomumwandlungsanlage waren ausschließlich für die Herstellung von Radioisotopen zur Untersuchung von Stoffwechselvorgängen mit der Methode der radioaktiven Markierung bestimmt", … was einerseits der Wahrheit entspricht, andererseits aber eine Alibifunktion ausübt und verschweigt, daß es ebenso zur Herstellung des Grundstoffes für Atombomben zu nutzen ist.

Nochmals am 27. 12. 1989 rückgefragt, ob ihm die von Picker publizierten Fakten (siehe OB Folge 29, Seite 24) bekannt seien, antwortete der Wissenschaftler am 3. 1. 1990:

"Von einem unterirdischen Werk im Südharz mit einer Produktionskapazität von 30 000 Mann und von einem Herrn Picker habe ich nie etwas gehört. Auch kenne ich sein Buch nicht. Wahrscheinlich handelt es sich hier um ein Märchen. … Nach meiner Kenntnis hat Hitler zu keinem Zeitpunkt Hoffnung gehabt, in den Besitz von Kernwaffen zu gelangen.

Wenn man 1939 in Deutschland begonnen hätte, die umfangreiche Technik für die Herstellung von nuklearem Sprengstoff zu schaffen, dann wäre die Herstellung einer Atombombe möglich gewesen. Aber die bekannten Umstände führten glücklicherweise dazu, daß diese Entwicklung nicht erfolgte."

Damit steht Aussage gegen Aussage. Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Damit wäre wiederum der Zweifel offen und der Legendenbildung Tür und Tor geöffnet.

Die Lösung dieses Problems liegt in der damals von jedermann geübten Geheimhaltung. Wer von den Zeitzeugen erinnert sich nicht an die an jeder Plakatsäule, jedem öffentlichen Platz, in jedem Eisenbahnzug und Verkehrsmittel, ja in jedem Büro hängenden Plakate mit dem Schatten eines Schlapphutmannes mit langem Mantel auf gelbem Grund und dem Text: "Achtung! Feind hört mit!" Nur im engsten, vertrauenswürdigen Freundeskreis wurden mündliche Gedanken ausgetauscht, die Verrat hätten sein können. Das erklärt ebenfalls, warum die Männer des Widerstandes nicht an die Öffentlichkeit appellieren konnten und es erreicht wurde zu schweigen. Wenn das Schweigen Fakt war, erklärt sich das Nichtwissen aller untereinander. Selbst Hitler log seinen Rüstungsminister Speer nicht an, als er sagte: – "das sei keine Propaganda, die von ihnen gemacht würde, sondern aus dem Volk käme", womit die Gerüchte gemeint waren, die erzählt wurden. Alle Zeitzeugen sagten öffentlich die Wahrheit, verschwiegen aber ihre Sachkenntnis. Fakt ist es, daß im Jonastal 30 000 KZ-Häftlinge Schwerstarbeit leisteten. Diese unterstanden der SS unter Leitung des Obergruppenführers Kammler, der für die Planung und Ausführung der "Sonderwaffen", alle Bauwerke wie Versorgung sowohl der Wissenschaftler unter Dr. Ohnesorge wie der Häftlinge und die absolute Geheimhaltung verantwortlich war, wovon weder Speer, noch Ardenne oder irgend ein Minister, General oder Staatsbürger eine Ahnung hatte. Kammler verschwand nach Kriegsende bis heute spurlos. Was die Amerikaner und Sowjets nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht jedoch vorfanden war: das Zündverfahren von Atomwaffen und das Verfahren zur effektiveren, das heißt zeitsparenderen und einfacheren Gewinnung von kernwaffenfähigem Plutonium, die weder die USA noch die UdSSR Anfang 1945 besaßen.

Die US-Wissenschaftler versuchten den Zündvorgang dadurch zu erleichtern, daß sie Kernsprengstoff in der Mitte einer Röhre von beiden Enden aus durch Zündung von konventionellem Sprengstoff zur Reaktion zu bringen, was wegen zu geringer Druck- und Hitzeentwicklung nicht gelang. Die deutschen Wissenschaftler formten aus dem Kernsprengstoff eine Kugel, die sie mit einer Hülle konventionellen Sprengstoffs umgaben, die gleichzeitig gezündet wurde und die Kettenreaktion auslöste. Wurde im Kern Plutonium, darum Uran und dann konventioneller Sprengstoff geformt und zur Zündung gebracht, vervielfältigte sich die Vernichtungswirkung um ein Vielfaches.

Die alles entscheidende Entdeckung gelang damals aber dem bereits genannten Atomphysiker Fritz G. Houtermans, der anstelle einer Isotopentrennungsapparatur eine Isotopenumwandlungsapparatur vorschlug, die mit gewöhnlichen chemischen Methoden Plutonium produziert.

Das Institut Manfred von Ardenne (Dresden, Zeppelinstraße 7) veröffentlichte am 20. 1. 1987 den "Nachdruck als Beitrag zur Geschichte der Kernspaltung in Deutschland" und erklärt im Vorwort:

"Wir haben uns zum hier vorgelegten Nachdruck der im August 1941 abgeschlossenen Houtermans-Arbeit: ,Zur Frage der Auslösung von Kern-Kettenreaktionen’ entschlossen, weil in ihr wohl zum ersten mal in Deutschland die Gewinnung von Plutonium angegeben, seine Spaltbarkeit durch Neutronen vorausgesagt und die Vorzüge des Plutoniums gegenüber dem Uran235 als Kernspaltstoff scharf betont wurden, sowie, weil diese Arbeit in den zu dieser Frage nach dem Zweiten Weltkrieg herausgegebenen offiziellen Dokumentationen unerwähnt geblieben ist."

Houtermans schreibt in seiner Arbeit wörtlich: …

"Da nun viel größere Mengen, nämlich das 139fache an Uran235 zur Verfügung stehen, so ist die Verwertbarmachung desselben als ,Brennstoff‘ für eine Kettenreaktion ein für unsere Themenstellung viel wichtigerer Vorgang, als die Isotopentrennung, die bloß das Uran235 zu verwerten gestattet.

Für die Anregung zu dieser Arbeit und deren Ermöglichung danke ich Baron Manfred von Ardenne.

Berlin-Lichterfelde-Ost, August 1941."

Houtermans´ Verfahren für die Produktion von kernwaffenfähigem Uran235 auf chemischem Wege erklärt, warum das Manhattan-Projekt nach der Kapitulation der Wehrmacht in den USA kurzfristig und in der UdSSR ein vergleichbares Vorhaben innerhalb weniger Jahre realisiert werden konnte.

Weder die amerikanischen Wissenschaftler noch die US-Bürger haben die Entwicklung und den Einsatz ihrer Atombomben gegen Hiroshima und Nagasaki jemals bedauert oder sich entschuldigt. Den Deutschen ist eine derartige Schuld, der nukleare Völkermord an der Zivilbevölkerung eines Feindstaates, erspart geblieben. Kein Sowjetrusse hat bis 1989 an den Fortschritten sowjetischer Wissenschaftler und Techniker gezweifelt. Daran wird sich nichts ändern.

"Was geworden wäre, wenn …" bleibt Spekulation und der Phantasie überlassen. Der Krieg ging militärisch verloren und die Sieger nahmen für sich das Recht in Anspruch.

Das sind die Fakten, die in der Gegenwart allein zählen.

(Schluß)