© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. August 2000


Ein unruhiger Geist
Zum 175. Geburtstag von Ludwig Passarge

Seit kaum 150 Jahren gibt es die Weichsel- und Nogatbrücken bei Dirschau erst und doch wurden sie schnell zum Inbegriff von Heimat. Wenn der Zug gen Osten über die Dirschauer Eisenbahnbrücke gerumpelt war, fing die Heimat Ostpreußen an. Dort hörte sie auch wieder auf, Dirschau war eines der großen Zwischenziele auf der Flucht aus Ostpreußen. Die bange Frage, ob die Brücke noch steht, ob sie noch passierbar ist, trieb die Flüchtenden an. Mit der Beschreibung eben dieser Brücke beginnt Ludwig Passarge sein 1857 erschienenes Erstlingswerk "Aus dem Weichseldelta", ein Band mit kurzweiligen Reiseeindrücken aus dem Danziger Umland.

Ludwig Passarge wurde am 6. August 1825 als Gutsbesitzer in Wolittnick im Kreis Heiligenbeil geboren. Nach dem Besuch des Friedrichskollegs in Königsberg studierte er ab 1844 Jura, zunächst in Königsberg, die letzten beiden Semester in Heidelberg. Wegen seiner exzessiven Reiselust kam er erst spät in eine gesicherte berufliche Position. Passarge hatte selbst kaum noch daran geglaubt und meinte, dieser Zug des Lebens sei für ihn abgefahren, wie das Vorwort zu seinem ersten Buch verrät. Ab 1856 wurde er dann zunächst als Kreisrichter in Heiligenbeil tätig. Er blieb sein ganzes Erwerbsleben lang bei der Juristerei, genau wie seine Schriftstellerkollegen E.T.A. Hoffmann und Ernst Wichert, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. Seine weiteren beruflichen Stationen waren ab 1877 Insterburg und von 1879 an Königsberg, wo er bis zu seiner Pensionierung 1887 wirkte. Die Tätigkeit des Richters sicherte zunächst die Existenz und beinhaltete als angenehme Dreingabe genügend Muße zum Schreiben und freie Zeit für Reisen.

Passarge war Schriftsteller, aber kein Dichter, eher ein Reporter, ein Meister der Landschaftsdarstellung und des Reiseberichtes, der seine Leser mit auf die Reise nahm und seine Erlebnisse mit ihm teilte. Seine Novellen, Balladen und Gedichte stehen dem qualitativ deutlich nach. Das Reisefeuilleton hatte Mitte des 19. Jahrhunderts seine hohe Zeit, als die Literatur zum Realismus zurückkehrte und Autoren wie Fontane dem Reportertum huldigten. Passarges Erstling erschien sieben Jahre vor Theodor Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" und braucht genau wie seine 1878 erschienenen Reiseskizzen "Aus baltischen Landen" den Vergleich mit diesem nicht zu scheuen.

In letzterem Werk wie auch in seinen "Strandbriefen" erbrachte Passarge eine der ersten anschaulichen Schilderungen der grandiosen Dünenlandschaft sowie der Lebensgewohnheiten der Bewohner der Kurischen Nehrung und des Samlandes. Er weckte damit gerade in Künstlerkreisen ein Interesse an dieser Landschaft und ihren Menschen, das bis 1945 nicht abebbte.

Seine Reisen führten ihn schon früh immer wieder aus der Heimat heraus in den Süden nach Italien, Spanien und Portugal, auf den Balkan und nach Skandinavien. Dort kam er mit den Arbeiten Henrik Ibsens (1828–1906) und Björn Björnsons (1832–1910) in Berührung, deren Werke er ins Deutsche übersetzte und so überhaupt erst dem deutschen Publikum nahe brachte.

Eine weitere Großtat Passarges war die Neuübersetzung des Gesamtwerkes von Christian Donalitus aus dem Litauischen. Seine Übersetzungen offenbaren dabei eine weitere große Begabung Passarges, nämlich die kongeniale Übertragung von Sprachstil und Atmosphäre der Dichtungen in die deutsche Sprache.

Für Ostpreußen besonders bedeutsam waren seine 1903 erschienenen Lebenserinnerungen "Ein ostpreußisches Jugendleben", die eine bildhafte Beschreibung des Lebens in der ostpreußischen Provinz darstellen. Sie stehen damit in logischer Folge seiner Reisebeschreibungen, die ja sowohl ein lebendiges Bild der äußeren und inneren Zustände des Geschehens sowie der damaligen Gedankenwelt sind. Seine Heimatbeschreibungen hatten eine bewußt aufklärerische Intention, mokierte er sich doch immer wieder über die selbst in gebildeten Kreisen herrschenden abenteuerlichen Vorstellungen über Ostpreußen. Er zeichnete ein ganz anderes Bild seiner Heimat, stellte sie bei aller geographischer Abgeschiedenheit als offen und fortschrittlich dar.

Passarge nannte sich selbst einen Vagabunden. Dabei betrachtete er das Vagabundieren als Geisteshaltung. Sein unruhiger Geist trieb ihn nicht in die Fiktion der Dichtung sondern hinaus in die Welt, die er den Daheimgebliebenen zu erklären suchte. Seine Heimat Ostpreußen, die er innig liebte, blieb für ihn Wurzel, die ihm Bodenhaftung gab. Den Hang zum Vagabundieren, zum Erkunden fremder Länder und Menschen gab wohl er an seinen Sohn Siegfried (1866–1958) weiter, der ein berühmter, weitgereister Geograph wurde.

Vieles, was Passarge beschrieb, gibt es nicht mehr, ist unwiederbringlich verloren. Sogar die Weichsel wälzt sich heute träge dahin, wo sie vor nicht einmal anderthalb Jahrhunderten als zuweilen reißender Strom noch zu abenteuerlichen Überquerungen nötigte. Uns dies alles literarisch bewahrt zu haben, ist Passarges historische Leistung.

Ludwig Passarge starb am 19. August 1912 in Lindenfels im Odenwald, auf Reisen, beim Vagabundieren, wo sonst.

Brigitte Jäger-Dabek