© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. August 2000


Legende vom Überfall 1941: Das Umdenken hat begonnen
Der neue Suworow (Teil III): Russische Wissenschaftler und Medien stützen Präventivschlag-These
Von WOLFGANG STRAUSS

Wladimir Sergejew ist ein bekannter Reporter und Publizist, der sich vor allem mit Fragen der Zeitgeschichte beschäftigt. Tabus akzeptiert er nicht. Wie eine Bombe schlug sein Gedenkartikel zum diesjährigen 22. Juni ein, veröffentlicht in der auflagenstarken Moskauer Kulturzeitschrift "Literaturnaja Gaseta" vom 21. Juni (Folge 25). Schon die Überschrift des Dreispalters signalisiert eine Sensation: "Auch wir hatten unseren ‘Barbarossa’. Schukow-Plan ist kein Geheimnis mehr."

Im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation entdeckte Sergejew die 20 handgeschriebenen Seiten der Offensiv-Erwägungen vom 15. Mai 1941, kurz "Schukow-Plan", Stalin vorgelegt von Verteidigungskommissar Semjon Timoschenko und Generalstabschef Grigorij Schukow. Ausgearbeitet nach Weisungen der beiden von Generalmajor Alexander Wassilewskij, damals stellvertretender Leiter der Operativen Abteilung im Generalstab. Das Dokument trägt die Stempel "Streng geheim", "Besonders wichtig", "nur persönlich". In der Beilage befinden sich Karten von Polen, Ostpreußen und Teilen des übrigen Deutschland.

Sergejew würdigt die wissenschaftlichen Verdienste Viktor Suworows. Das Phänomen "Eisbrecher" gehöre nicht der Vergangenheit an, argumentiert Sergejew, die Kernaussagen im ersten Buch Suworows (1989) seien immer noch aktuell. Die Aufregung im russischen Historikerstreit habe sich nicht gelegt, Suworows Enthüllungsbuch von 1989 erhalte statt dessen jetzt neuen Auftrieb.

Die Bestätigung der Richtigkeit der Suworow-Thesen im wichtigsten Kulturorgan der russischen Printmedien bedeutet eine moralische wie politische Sensation, denn der Schukow-Plan vom 15. Mai beweist, daß die Sowjetarmee entschlossen und bereit war, einen Erstschlag gegen Deutschland zu führen, Polen und Ostdeutschland zu besetzen, um das Deutsche Reich vom Balkan und damit vom rumänischen Erdöl abzuschneiden.

Ein einheitlicher sowjetischer Invasionsplan habe existiert, schreibt Suworow in "Stalins verhinderter Erstschlag", seinem jüngsten Werk (siehe OB, Folgen 30 und 31). "Der deutsche Botschafter, Graf von der Schulenburg, legte diesen Plan am Vormittag des 22. Juni 1941 dem Genossen Molotow ziemlich genau dar und übergab ihm auch ein Aide-mémoire." (S. 230) Dieser Invasionsplan sei eigentlich Grund und Anlaß des "deutschen Angriffs" gewesen, "der eine Präventivmaßnahme zum Schutz vor einem unausbleiblichen und baldigen sowjetischen Angriff darstellte".

Eine der obersten Aufgaben der Wissenschaft ist es, die Menschen vor Legenden zu bewahren. Worauf es ankommt, sind Argumente und Fakten in einem freien Disput, nicht aber Gedankenverbote, Pressionen und Denunziationen, die den deutschen Historikerstreit seit 1986 begleiten.

Zu den zählebigsten Legenden gehört die vom Überfall der Wehrmacht auf die friedliebende Sowjetunion, wobei der Begriff "Überfall" ewige Immunität zu genießen scheint. Er darf keiner Quellenkritik, geschweige einer Revision unterzogen werden. Seit der Auffindung des Schukow-Plans im Archiv des russischen Präsidenten steht indes einwandfrei fest, daß lange vor dem deutschen Barbarossa ein sowjetischen Barbarossa geplant, ausgearbeitet und zum Vollzug freigegeben war.

Übrigens: Wladimir Sergejew scheint nicht der einzige Entdecker des welthistorisch brisanten Dokuments gewesen zu sein – er gibt dies freimütig zu. Ein weiterer Beweis dafür, daß dem Wirken russischer Geschichtsrevisionisten keine Verbotsgrenzen gesetzt sind.

"Auch wir hatten unseren ‘Barbarossa’" – mit anderen Worten: Wir, die sowjetische Seite, wollten Deutschland überfallen. Der strategische Aufmarschplan der Roten Armee (von der russischen Historiographie mit dem Kurzbegriff "Erwägungen" eingeführt), am 15. Mai 1941 von Stalin bei einer Konferenz mit Schukow und Timoschenko gebilligt (sein Placet lautete "dobro", deutsch "gut"), sah einen Blitzkrieg vor:

Ausbruch der Panzerdivisionen und Mechanisierten Korps aus dem Brester und Lemberger Balkon, mit Vernichtungsschlägen aus der Luft. Der Auftrag bestand darin, Ostpreußen, Polen, Schlesien und das Protektorat Böhmen und Mähren zu erobern und Deutschland vom Balkan abzuschneiden. Lublin, Warschau, Kattowitz, Krakau, Breslau, Prag galten laut den "Erwägungen" als Angriffsziele.

Ein zweiter Angriffskeil zielte auf Rumänien mit der Einnahme von Bukarest. Die Erfüllung des Nahauftrages, die Masse des deutschen Heeres vor der Weichsel, Narew, Oder zu zerschlagen ("rasgromitj"), bildete die Voraussetzung für den Hauptauftrag, Deutschland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen. Das in Polen und Ostdeutschland stehende Hauptkontingent der Wehrmacht sollte in kühnen Operationen unter weitem Vorantreiben von Panzerarmeen und Mot.-Schützen-Brigaden eingekesselt und vernichtet werden.

Sehr ausführlich wird im Sergejew-Artikel in der Literatur-Zeitung darüber berichtet, sachgerecht und ohne Polemik. Die Fakten sprechen für sich. Seine Kommentare untermauert Sergejew mit Zitaten. Der thematische Schwerpunkt liegt auf "Überfall auf Deutschland" , "Zerschlagung der Wehrmacht", Eroberung Ostpreußens, Schlesiens und des Generalgouvernements in Polen. Auf keinen Fall dürfe die militärische Initiative im unausweichlichen Krieg den Deutschen überlassen werden, heißt es im Schukow-Plan; darum müsse der Angriff der Roten Armee den Feind unvorbereitet treffen.

Drei Begriffe tauchen im Schukow-Plan mehrmals auf, die den Aggressionscharakter enthüllen: "Überraschungsschlag" ("Wnjesapni udar"), "Vorwärtsentfaltung der Streitkräfte der Roten Armee ("raswertiwanija"), "Angriffskrieg" ("nastupatelnaja woina"). Der Begriff "Erstschlag" kommt in diesem Kriegsplan nicht vor, statt dessen tarnen Stalin und seine Generäle ihre Absichten mit dem schwammigen Terminus "upreschdajuschtschi udar", was soviel wie Präventivschlag heißen kann. Das Endziel – oder die Endlösung der deutschen Frage aus bolschewistischer Sicht – bedarf keiner Camouflage: die Kapitulation der deutschen Kräfte nicht nur in Ostpreußen, sondern im Osten des Reiches generell. Die Deutschen "rasgromitj", so Stalins Losung 1941: Die Deutschen liquidieren. Für die Totalmobilmachung war ein Monat eingeplant, der Zeitraum 15. Juni bis 15. Juli. Michail Meljtjuchow, einer der jüngeren Geschichtsrevisionisten aus der Schule Suworows:

"Davon ausgehend, erscheint es glaubhaft, daß die Kriegshandlungen gegen Deutschland im Juli beginnen mußten." Zu finden auf Seite 106 des Sammelbandes "Plante Stalin einen Angriffskrieg gegen Hitler?", gedruckt 1995 in Moskau. Einzelheiten über den Schukow-Plan waren allerdings schon früher durchgesickert. Dmitrij Wolkogonow kommt das Verdienst zu, als erster über den Aufmarschplan des sowjetischen Generalstabs Aufsehenerregendes publiziert zu haben. Als Vizechef der Politischen Hauptverwaltung hatte Generaloberst Wolkogonow als einer der wenigen Geheimnisträger Zutritt zu Kriegsarchiven.

Wolkogonow war nicht nur ein kluger Offizier, sondern auch ein mutiger, der auf dem Höhepunkt von Glasnost und Perestroika die ersten bahnbrechenden Werke des nachsowjetischen Revisionismus verfaßte. Auch Viktor Suworow beruft sich auf diesen gewissenhaften, unerschrockenen Kriegshistoriker, über den Botho Kirsch nur Lobendes findet. Wolkogonow – er starb 1995 – habe die zählebigste stalinistische Geschichtslegende zerstören können, urteilt Botho Kirsch: den Mythos vom "Großen Vaterländischen Krieg". Von Wolkogonow stammt der Satz:

"Nur über die Siege von 1945 zu schreiben, bedeutet, über die Niederlagen von 1941 zu lügen. Zu lügen über vier Millionen Kriegsgefangenen und über den Rückzug bis Moskau und an die Wolga."

In seinem Buch "Stalin – Triumph und Tragödie" erwähnt Wolkogonow auch Details des Schukow-Planes, etwa die Absicht des Generalstabschefs, umfangreiche Truppenverschiebungen als Manöverübungen zu tarnen. Diese Verschiebungen beziehungsweise Verlegungen sollten in Weißrußland und Ost-Galizien genügend Offensivkräfte bereitstellen, "um das deutsche Heer dann anzugreifen, wenn es sich noch im Aufmarschstadium befindet, noch keine Front aufbauen und das Gefecht der verbundenen Waffen noch nicht organisieren kann". Der Hauptstoß sollte aus den vorspringenden Geländebögen von Bialystok und Lemberg durch Südpolen in den Raum Krakau-Kattowitz geführt werden.

Im Nachhinein, fünf Jahre nach dem Tod Dmitrij Wolkogonows, wird durch den Sergejew-Artikel in der "Literaturnaja Gaseta" dessen treffsichere Analyse des sowjetischen Angriffsplanes bestätigt. Diese Feststellung schmälert keineswegs die herausragende Leistung Suworows. Der Autor des "Eisbrechers" hat Geschichte gemacht, und er macht immer noch Geschichte, was ein Wladimir Sergejew neidlos anerkennt. Fortschritt und Durchbruch des russischen Revisionismus wären ohne Suworows "Eisbrecher" nicht denkbar. So gesehen, bedeutet die Anerkennung in der "Literaturnaja Gaseta" auch eine Ermutigung für deutsche Geschichtsrevisionisten gerade heute, da Professor Nolte im Kreuzfeuer cognacvernebelter Köpfe der Konterrevisionismus-Front steht, nach seinem Triumph im "Centre National des Recherches Sociales" in Paris, wo ein begeistertes Publikum den deutschen Geschichtsphilosophen mit stürmischem Applaus überschüttete. (Vergleiche hierzu die Philippika eines Robert Goldmann in der "FAZ" vom 31. Juli, betitelt: "Die Rationalisierung des Bösen".)

Wladimir Sergejew, der Mann also, der den 22. Juni-Diskurs neu entfacht hat, indem er Suworows Verdienste herausstellt, beschränkt sich nicht nur auf Lob. Seine Kritik zielt auf den angeblichen Retter Moskaus im Winter 1941 und den Erstürmer Berlins im April 1945. Der geniale Marschall Schukow, war er als Planer und Stratege wirklich genial? Sergejew bezweifelt nämlich die Durchführbarkeit, also die Effizienz des Schukow-Plans im Sommer 1941. Einmal wegen der Transportschwierigkeiten in der UdSSR im Zusammenhang mit der Mobilisierung und Truppenverlegung – Transportchaos war allgemein typisch für das Vorkriegsrußland. Zum anderen wegen der im Osten der UdSSR gelegenen Nachschub- und Reservebasen, weit entfernt vom Aufmarschgebiet in Weißrußland und Galizien. Überdies bemängelt Sergejew Schukows falsche, ja katastrophenschwangere Schwerpunktbildung in der Ukraine, im "Besonderen Kiewer Militärbezirk", wo die sowjetische Heeresgruppe "Südwestfront" über die meisten Panzerdivisionen und Mot.-Schützenbrigaden verfügte. Sie sollte nach Westen vorstoßen, in einer Offensivoperation à la Blitzkrieg ("nastupatelnaja operazija"), mit dem Auftrag, die Wehrmacht in Polen und Schlesien einzukesseln, zu zerschlagen und zur Kapitulation zu zwingen.

Tatsächlich kam die "Südwestfront" nach dem 22. Juni erst gar nicht zum Zuge, die Masse ihrer Angriffsverbände – Infanterie, Panzer, Kavallerie, Luftlandetruppen – kapitulierte in den Kesselschlachten von Uman und Kiew.

Schukow irrte noch in einer anderen entscheidenden Frage. Laut Sergejew soll er dem stalinistischen Kriegshistoriker W. A. Anfilow erklärt haben, sein Plan vom 15. Mai 1941 sei von Stalin nicht abgesegnet worden.

Das widerspricht allen glaubwürdigen, wissenschaftlich seriösen Aussagen. Sowohl Wolkgonow und Suworow wie auch der Deutsche Joachim Hoffmann belegen die Tatsache, daß Stalin den Schukow-Plan persönlich abgezeichnet hat (Hoffmann in der "FAZ" vom 11. Mai 1996). Aber was entscheidender ist, weil es die junge Garde der russischen Kriegsursachenforscher betrifft: Fast alle Autoren des Jahrhundertwerkes "Plante Stalin einen Angriffskrieg gegen Hitler?", gedruckt 1995 in einem angesehenen Moskauer Wissenschaftsverlag, erkennen in Stalins "dobro" auf der letzten Seite des Schukow-Planes nicht nur eine Paraphe, sondern kurz und schlicht dies: "Dobro". Und das heißt wie erwähnt "gut". Der Überfall auf Deutschland, vom Vater aller Völker gebilligt. (Schluß)