© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. August 2000


Moral oder Mißbrauch?
Jüdische Verbände reagieren heftig auf den Vorwurf, sie instrumentalisierten NS-Opfer
Von STEFAN GELLNER

Wohl kaum ein Buch hat in den USA bzw. England bereits im Vorfeld seiner Veröffentlichung einen derartigen Wirbel ausgelöst wie das soeben publizierte Werk "Die Holocaust-Industrie: Reflexionen über die Ausbeutung des jüdischen Leidens" des US-Politologen Norman Finkelstein. "Norman Finkelstein, Sohn von Konzentrationslager-Überlebenden", stellte die englische Zeitung "The Observer" in einer Besprechung fest, habe ein "persönliches Pogrom gegen die Holocaust-Industrie initiiert. Er greift jedes Dogma an, daß die Forschung über den Völkermord der Nationalsozialisten hervorgebracht hat". Daß Finkelstein deshalb, wie der "Observer" herausstreicht, von "vielen Leuten gehaßt" werde, kann nicht weiter verwundern.

Es überrascht deshalb auch nicht, daß Finkelstein von einigen Kommentatoren inzwischen als "Extremist" oder "Verschwörungstheoretiker" eingestuft worden ist. Andere haben ihn dafür verdammt, daß er sich zum Stichwortgeber für Antisemiten gemacht und angeblich Fakten manipuliert habe. Wieder andere wie Greville Janner, Vorsitzender der Stiftung Holocausterziehung, meinten: "Seine Vorgehensweise ist vollkommen destruktiv." Elan Steinberg, geschäftsführender Direktor des World Jewish Congress (WJC), den Finkelstein in seinem Buch besonders heftig angreift, wird mit der Aussage "Ich glaube, er ist armselig. Ich akzeptiere ihn einfach nicht als Wissenschaftler" zitiert. Die Sprache, die Finkelstein benutze, sei, so Steinberg, "antisemitisch". Seine "Fakten" seien "falsch", seine Sprache "unbeherrscht". In Deutschland gibt man sich (noch) zurückhaltend. So fragt Rafael Seligmann in einer Besprechung für die "Welt am Sonntag": "Darf man solches schreiben? Als Jude zumal?" Seligmann bleibt unentschlossen, wenn er gegen Ende seiner Ausführungen feststellt: "Finkelstein ist Agent provocateur, Gaukler und Aufklärer zugleich. Sein Buch ist verletzend." Aber: "Es wäre falsch, seine Kritik als destruktive Polemik abzutun."

Finkelsteins Thesen sind nicht das erste Mal Stein des Anstoßes. Einem größeren Kreis in Deutschland wurde der heute 47jährige Politikwissenschaftler an der Universität von New York und ausgewiesene Spezialist für Israelfragen bekannt durch seine Antwort auf die wissenschaftlich unhaltbaren, dennoch aber in Deutschland heiß diskutierten Thesen des US-Historikers Daniel Jonah Goldhagen. Finkelsteins Antwort, die von der kanadischen Historikerin Ruth Bettina Birn flankiert wurde, fiel so überzeugend aus, daß der deutsche Historiker Hans Mommsen in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe ("Eine Nation auf dem Prüfstand", 1998) eingestehen mußte, "daß von einem vollständigen Bankrott von Goldhagens monokausalem Erklärungsmodell gesprochen werden muß".

Goldhagens These lautete, daß die Deutschen von einem "dämonisierenden Antisemitismus" erfüllt gewesen seien, "der in Deutschland eine bösartige rassistische Form angenommen und die kognitiven Modelle der Täter sowie der deutschen Gesellschaft insgesamt bestimmt hat. Die deutschen Täter ... waren Männer und Frauen, die ihren kulturell verwurzelten, eliminatorisch-antisemitischen Überzeugungen getreu handelten und den Massenmord für gerecht hielten". Dementsprechend hätten, so Goldhagen, 80 bis 90 Prozent der Deutschen gerne Gelegenheit gehabt, Juden zu quälen und zu ermorden. Große Teile der Medienlandschaft in den USA und sogar in Deutschland überboten sich in Lobpreisungen für Goldhagens Opus. Finkelstein war und blieb einer der wenigen Wissenschaftler, die den abstrusen "Beweisführungen" Goldhagens entschieden widersprachen. Sein Widerstand fiel so vehement aus, daß Hans Mommsen in seinem angesprochenen Vorwort zu "Eine Nation auf dem Prüfstand" meinte feststellen zu müssen, daß Finkelstein dazu neige, "die deutsche Bevölkerung zu exkulpieren".

Zu den interessantesten Argumenten, die Finkelstein gegen Goldhagen ins Feld führt, ist die Einzeichnung der Goldhagenschen Thesen in die zionistische Ideologie zu zählen. "Der zionistischen Ideologie zufolge", so Finkelstein, "ist Antisemitismus der Ausdruck der natürlichen und unversöhnlichen Feindseligkeit der Nichtjuden gegen die Juden." Gemäß dieser Deutung stelle der "Völkermord der Nationalsozialisten den unvermeidlichen Höhepunkt des antisemitischen Hasses dar".

Dieser Völkermord dient nach Finkelstein den Zionisten einmal dazu, die "Notwendigkeit des Staates Israel zu rechtfertigen". Zum anderen werde er auch "zur Erklärung aller Feindseligkeiten, die gegen diesen gerichtet sind", herangezogen. Goldhagens Holocaust-Auslegung entspricht laut Finkelstein der zionistischen Auslegung des Holocausts, so wie sie sich nach dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 im amerikanischen Judentum herauskristallisiert habe.

Dieses Argument steht auch im Zentrum des neuen Finkelstein-Buches. Finkelstein behauptet nicht mehr und nicht weniger, als daß das Interesse am Holocaust keineswegs dem Umstand geschuldet sei, den Opfern eine Stimme zu geben. Die jüdische Lobby in den USA habe vielmehr erkannt, daß der Holocaust dem israelischen Staat, der sich krimineller Übergriffe auf die Palästinenser schuldig gemacht habe, eine hilfreiche Opferrolle eröffnen könne, die den Staat Israel gegen Kritik bzw. Sanktionen immunisieren könne. Genau deshalb werde bei jeder Gelegenheit die "Einzigartigkeit" des Völkermordes der Nationalsozialisten herausgestrichen. Dies geschehe keineswegs aus moralischen Gründen, sondern um die Macht des "Symbols Holocaust" zu schützen.

Finkelstein setzt sich hier deutlich von den Thesen des Chicagoer Universitätsprofessors Peter Novick ab, der in seinem Buch "Der Holocaust im gesellschaftlichen Leben der USA" (1999) die Furcht des amerikanischen Judentums vor einem "zweiten Holocaust" im Juni 1967 für die einsetzende Erinnerung an den Völkermord der Nazis verantwortlich gemacht hat. Diese Furcht sei durch die weitgehende internationale Isolation Israels im Oktober 1973 weiter verschärft worden.

Die Heftigkeit, mit der Novick auf die jüngsten Thesen Finkelsteins reagiert hat (Novick spricht von "Unrat", "hanebüchenen Fehldeutungen" und "absurden Behauptungen"), hat Finkelstein zu einer Erwiderung veranlaßt: Falls es zutreffend sein sollte, was Novick behaupte, warum hätten sich die jüdischen Interessenverbände des Holocausts nicht bereits 1948 erinnert, als sich Israel viel größeren Bedrohungen ausgesetzt gesehen habe? Oder 1956, als Israel diplomatisch wesentlich stärker isoliert gewesen sei? So Finkelsteins provozierende Fragen, auf die Novick bisher die Antwort schuldig geblieben ist.

Doch Norman Finkelstein geht in seiner Argumentation noch weiter: Ein Effekt des nach 1967 einsetzenden Interesses der amerikanischen Juden am Holocaust sei die Unterordnung Israels unter die USA und die zunehmende Entfremdung Israels von den arabischen Nachbarstaaten gewesen. Dieser Effekt sei aus Sicht der jüdischen Fürsprecher Israels in den USA gewünscht, auch wenn diese eine derartige Auslegung als "Häresie" zurückweisen würden. Ein Israel, das im Ausgleich mit seinen arabischen Nachbarn lebte und die Unabhängigkeit von den USA suchte, käme aus Sicht der US-Juden einer Katastrophe gleich. Nur ein Israel, daß der USA verpflichtet sei, garantiere, so Finkelstein, daß die Führer der jüdischen Interessenverbände der USA weiter wie Sprecher der hegemonialen Ambitionen der USA auftreten könnten.

Ähnlich argumentiert der von Finkelstein zitierte Linguist Noam Chomsky, wenn dieser feststellt: "Das jüdische Establishment in den USA benötigt Israel nur als Opfer unbarmherziger arabischer Angriffe. Für ein derartiges Israel können Unterstützungen, Geschenke und Geld erreicht werden ..." Jeder wisse von den Aufrufen, Spenden für Israel zu erbringen, die von den jüdischen Interessenverbänden eingesammelt würden. Die Hälfte der Spenden erreiche nicht Israel, sondern bleibe bei den jüdischen Verbänden hängen. "Gibt es", so Chomsky, "einen größeren Zynismus?"

Aus der Sicht Finkelsteins ist die Ausbeutung der bedürftigen Holocaustopfer durch die "Holocaust-Industrie" nur die letzte und häßlichste Manifestation dieses "Zynismus". Diese Darstellung leitet in den wohl umstrittensten Teil des Buches über, in dem sich Finkelstein mit den jüngsten Entschädigungsforderungen der jüdischen Interessenverbände beschäftigt.

Finkelsteins Sprache läßt hier an Deutlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig. So stellt er fest, daß sich die "Holocaust-Industrie" zu einem "ausgesprochenen Erpressungs-Instrument" entwickelt habe. Unter dem Vorwand, die Interessen des weltweiten (lebenden und verstorbenen) Judentums zu verkörpern, würden quer durch Europa Forderungen nach Kompensationen erhoben. Besonders ins Zwielicht gerät in dem Buch "Die Holocaust-Industrie" der Jüdische Weltkongreß, dessen Präsident Edgar Bronfman sich laut Finkelstein im Januar auf der Londoner Holocaust-Konferenz damit hervorgetan haben soll, ein Vermögen von umgerechnet zirka sieben Milliarden Dollar in Geld und Vermögenswerten aus Entschädigungsleistungen gehortet zu haben. Tom Bower, ein Autor, der sich intensiv mit den Entschädigungsverhandlungen mit den Schweizer Banken beschäftigt hat, widersprach Finkelstein in dieser Hinsicht inzwischen: "Die sieben Milliarden Dollar sind ein Mythos", behauptet Bower im eingangs erwähnten "Observer". Umstritten ist auch die Zahl von nur 100 000 jüdischen Uberlebenden des Holocausts, die es laut Finkelstein noch gibt. Er folgert, daß von den jüdische Interessenverbänden im Zusammenhang mit den Entschädigungszahlungen die Zahlen bewußt zu hoch angesetzt worden seien, um höhere Entschädigungsleistungen erzwingen zu können. Finkelsteins Gegner verweisen darauf, daß unter den Begriff "Überlebende des Holocaust" nicht nur diejenigen Juden fielen, die die KZs überlebt hätten, sondern auch jene, die gezwungen worden seien, ihre Heimat bzw. ihre Häuser zu verlassen oder auch jene, die als Nachkommen der Opfer psychisch traumatisiert worden seien oder finanzielle Nachteile erlitten hätten.

Auf den Vorwurf Finkelsteins, die jüdischen Interessenverbände hätten die 1,25 Milliarden Dollar, welche die Schweizer Banken zugesagt hätten, bisher nicht an die Opfer weitergeleitet, konterten dessen Gegner, daß trotz der erzielten Vereinbarung das Geld noch in der Schweiz sei, weil die US-Gerichte noch nicht über die Verteilung entschieden hätten. Damit würde auch der Vorwurf Finkelsteins, das Geld würde die Opfer niemals erreichen, (zunächst) gegenstandslos.

Wie über Finkelsteins Vorwürfe im einzelnen auch entschieden wird: sein Buch hat die jüdischen Interessenverbände, allen voran den scheinbar allmächtigen World Jewish Congress (WJC) und die Jewish Claims Conference, in Rechtfertigungszwang gebracht. Angemerkt werden muß in diesem Zusammenhang, daß der WJC keineswegs, wie der deutsche Diplomat Wolf Calebow in seinem lesenswerten Buch "Auf dem Weg zur Normalisierung. 15 Jahre Dialog mit amerikanischen Juden" (Berlin Verlag 1999, siehe ausführliche OB-Rezension in Folge 3/2000) feststellte, die Juden insgesamt repräsentiert, sondern einen jüdischen Interessenverband unter vielen anderen darstellt. Es gibt nach wie vor keine jüdische Organisation, die für sich in Anspruch nehmen könnte, für das "gesamte Judentum" zu sprechen – auch wenn insbesondere die deutsche Übersetzung "Jüdischer Weltkongreß" dies im Hinblick auf den WJC nahelegt.

Norman Finkelstein: The Holocaust Industry. Reflections on the Exploitation of Jewish Suffering, Verso-Verlag, London/New York 2000, geb., 150 Seiten, 23 US-Dollar

(Wie bereits in Folge 32 erwähnt, steht eine deutsche Übersetzung des Buches noch aus.)