© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. September 2000


Kampf um die Mitte
Günter Rohrmoser über die Begründung eines modernen Konservativismus

Die in den letzten Wochen und Monaten sich vollziehende Selbstzerstörung des "Systems Kohl" in der CDU ist nicht, wie dies der Öffentlichkeit eingeredet wird, nur eine Folge undurchsichtigen Finanzgebarens einer Machtclique innerhalb der Partei, sondern vielmehr Ausdruck des Niedergangs eines inhaltlich entleerten politischen Systems, das seit langem schon zu einer tiefen geistigen, seelischen, moralischen und schließlich politischen Krise Deutschlands geführt hat.

Seit der 1982 versprochenen, doch ausgebliebenen Wende glaubte die CDU mit Krisenmanagement die Zukunft unseres Landes gestalten zu können. Aber das Unbehagen und die Unzufriedenheit im Volk angesichts der fehlenden geistigen Führung der Politik und ihrer Fehler und Versäumnisse sind seitdem gewachsen; schlimmer noch, selbst der Machtverlust der CDU im Bund 1998 hat zu keiner tieferen Einsicht in die wirklichen Gründe ihrer Niederlage geführt, im Gegenteil: die kurzfristigen Erfolge bei mehreren Landtagswahlen haben solch eine notwendige erst recht noch verhindert. Doch die Krise ist nicht nur eine der CDU, sondern unseres gesamten Parteiensystems.

Genau zu diesem Zeitpunkt nun hat der große Vordenker des politischen Konservativismus, der Hohenheimer Sozialphilosoph Günter Rohrmoser, ein aufrüttelndes Buch "Kampf um die Mitte" auf den Markt gebracht. Der Titel erinnert an das berühmte Buch von Hans Sedlmayr "Verlust der Mitte" (1948). Das ist sicherlich kein Zufall. Rohrmoser hat eine Streitschrift für eine neue politische Mitte, gegen die bleierne Stimmung in Deutschland und wider die falschen, ständig von der Geschichte widerlegten Propheten, die immer noch die falschen Wortgeber und Interpreten unserer Zeit sind, geschrieben. Er bricht nicht – dies vorweg – eine Lanze für die Rückkehr zu einer engbebrillten christlich-konservativen Weltsicht, sozusagen vor der Aufklärung verortet, sondern ficht eine Klinge für die postmoderne Gegenwart und Zukunft, die das Christentum als Grundlage aller Politik nötiger denn je bedarf, nachdem die Wirkmächte der Aufklärung verbraucht sind und den Menschen in eine neue Unmündigkeit hinein entlassen.

Das Buch ist aus Vorträgen des wortgewaltigen Philosophen entstanden und zeichnet sich daher durch die unverwechselbare Frische und Allgemeinverständlichkeit der Rede aus, die bei Philosophen nicht mehr immer selbstverständlich ist. Gewisse inhaltliche Überschneidungen waren daher nicht zu vermeiden, verdeutlichen aber um so mehr das Anliegen des Autors und erleichtern den geistigen Nachvollzug.

Um was geht es? Welche Therapie schlägt Rohrmoser vor, welchem Politik- und Staatsverständnis redet er das Wort?

Die Analyse der gegenwärtigen Lage trifft ins Schwarze. Rohrmoser beschreibt und erklärt deutlich die Folgen des überzogenen Liberalismus und des kollektivistischen Sozialismus. Die sozialistische Ideologie, die von den Grünen über die PDS bis hin zur CDU die Parteienlandschaft präge, zerstöre die Freiheit, und der überzogene Liberalismus, die "atomistische Revolution" (Nietzsche), nur dem Individuum verpflichtet, zerstöre den Gemeinsinn. Das Gemeinwohl bleibe auf der Strecke.

Das gesellschaftliche Modell der Gegenwart, das sich auf Liberalismus und Sozialismus als Wertpfeiler stütze und von einem kontinuierlichen Wirtschaftswachstum als Legitimation allen staatlichen Handelns ausgehe, habe in der heutigen Form keine Zukunft mehr, weil seine geistespolitischen Grundlagen verbraucht seien. Das kollektive Wohlstandsdenken, das das Individuum mit seiner Vielzahl von Rechten verbinde, haben den Bürger nämlich vereinsamen lassen, weil es die Gemeinschaftstugenden habe verkümmern lassen, die mit der Bejahung von Pflichten verbunden seien. Da unser Staat innerlich erschöpft und unfähig sei, die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft aufzunehmen, flüchte er in eine selbstzerstörerische, immer geistloser werdende Vergangenheitsbewältigung, in eine immer stärkere Bürokratisierung und "nach Europa", um dort die harten Fragen der Politik lösen zu lassen. Die EU aber entwickele sich immer mehr zu einem bürgerfernen, zentralistischen Konstrukt. Weder mit zentralistischen noch mit bürokratischen Methoden aber könne ein Miteinander der Nationen in Europa, das sich jenseits von Kommerz verstehe, erreicht werden.

Rohrmoser sieht die Antwort in der Ausformulierung und Durchsetzung eines historisch und christlich begründeten modernen Konservativismus. Die Notwendigkeit, christlich und historisch, konservativ und marktwirtschaftlich zu denken, könne man nirgendwo besser ausmachen als dort, wo die Völker durch die Ausrottung der Werte durch den jahrzehntelangen Sozialismus und dessen Zusammenbruch eine Neufundierung geistiger Werte dringender denn je bedürfen. Aber ohne die christliche Fundierung gebe es die Gefahr des nationalistischen Überschwangs. Den aber gelte es zu verhindern, um eben die demokratischen Freiheiten zu bewahren. Moderner Konservativismus bedeute aber nicht das Vermeiden notwendiger Veränderungen, sondern im Gegenteil die konsequente und kompetente Veränderung von Strukturen, um die Kultur und das Volk, auch als ethnische Gruppe, zu bewahren.

Rohrmoser weiß natürlich, daß eine Rückkehr zum "alten Konservativismus", der stillschweigend auf dem Christentum und der Aufklärung aufbaute und ansonsten sich einer blühenden Wirtschaft verbunden fühlte, vor dem Hintergrund des Abschreckungsbildes des sowjetischen Sozialismus, nicht möglich und auch nicht wünschenswert ist. Dieser "Strukturkonservativismus" sei in 16 Jahren CDU-Herrschaft für die schweren Bürden der Gegenwart verantwortlich: Schrankenloser Egoismus, Massenarbeitslosigkeit, organisierte Kriminalität, ungezügelte Einwanderung kulturfremder Völker, Geburtenabsturz, Entchristlichung des Volkes und ideologisch verblendeter Selbsthaß auf die eigene Nation, in Vollzug einer durch die Antifa vorgegebenen Vergangenheitsbewältigung. Auch die Ausdehnung der antibürgerlichen "Grünen" sei ein Spätprodukt der 68er Kulturrevolution.

Was setzt er dagegen an? Rohrmoser verficht die Wiederkehr des geschichtlichen Denkens, die Wiederherstellung der Familie und eine entsprechende Kinder- und Familienpolitik. Er plädiert leidenschaftlich für die Verschlankung des drastisch überwucherten Staates, vor allem aber für die konsequente, heute in weiten Teilen nicht mehr gegebene Durchsetzung des Rechtsstaates, durch die unbedingte Wahrnehmung seines Gewaltmonopols. Der Staat könne aber nur eine geistige Legitimation beanspruchen und einfordern, wenn der Bürger sich mit ihm identifiziere, was nur möglich sei, wenn der Staat ein christlich gegründeter Rechtstaat sei, der die Demokratie als Verbindung von Nation und Staat verstehe.

Weil aber nur das Christentum den inneren Ausgleich zwischen der Freiheit des Einzelmenschen und der Gemeinwohlverpflichtung darstellte, was weder Liberalismus noch Sozialismus vermögen , sieht Rohrmoser im Christentum die unverzichtbare Grundlage unserer Kultur. Dann habe der wertgebundene Staat auch das Recht, ethische Forderungen an die Gemeinschaft und an den einzelnen Staatsbürger zu stellen, denn nur im Gleichgewicht von Pflichten und Rechten könne ein Volk die Zukunft gewinnen. Es versteht sich, daß in diesem Erneuerungsmodell eines christlichen, patriotischen modernen Konservativismus der Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft ein zentraler Platz zukommt, wobei "sozial" vor allem der Unternehmer zu nennen sei, der Arbeitsplätze schaffe.

Der moderne Konservativismus lehnt einen "dumpfen Nationalismus" ab; er bekennt sich aber zu einem aufgeklärten Patriotismus, der die besten Werte und Traditionen unseres Volkes bewahren will und muß. So könne man ein übersteigendes Nationalbewußtsein als Antwort auf den derzeitigen Zeitgeist verhindern. Denn ein aggressiver und zerstörerischer Nationalismus sei immer auch die Folge der Verleumdung, der Verdrängung und der Unterdrückung der Idee der Nation gewesen (Seite 65). Dann würden wir auch mit Würde und Anstand mit den uns benachbarten Nationen und mit den in Deutschland wohnenden Fremden zusammenleben können.

Ohne Religion gebe es keine Sittlichkeit, dies habe schon Dostojewski festgestellt. Rohrmoser stellt fest, daß an der Frage der Religion sich alles entscheiden werde, so wie auch jeder um seine eigene Erneuerung bemühte Konservativismus in die verhängnisvollen Bahnen zurückfallen werde, wenn er nicht begreife, daß die Ideologien des 20. Jahrhunderts, Nationalismus, Sozialismus, Kommunismus, Nationalsozialismus, Fäulnisprodukte eines überzogenen Liberalismus und Kapitalismus letztlich des Nihilismus der spätbürgerlichen Gesellschaft seien. Ein moderner Konservativismus werde erst dann also eine wirkliche Chance haben, wenn wir die Ursachen der modernen Ideologien in der zutiefst atheistischen und dann nihilistischen Aufklärung erkennten. Ob es gelingen wird, einen modernen religiös und geistig tiefgegründeten Konservativismus nicht nur zu formulieren, sondern auch in den Blutkreislauf des politischen Systems, darüber hinaus des ganzen Volkes wieder einzuführen, ist eine Frage, die unbeantwortet bleibt. Die Träger solch einer Erneuerung sind kaum vorhanden; sie müßten sich aus ihrer Wirkungslosigkeit, aus ihrer Randexistenz befreien und nachhaltig in den Mittelpunkt allen politischen Gestaltens und der Kultur vordringen.

Rohrmosers Werk ist eine tiefgegründete souveräne Analyse unserer gesellschaftlichen Gegenwart und eine weit in die Zukunft reichende Synthese. Es blendet – diese Kritik muß allerdings angebracht werden – die internationalen Einflüsse und Wirkungsmechanismen auf Deutschland weitgehend aus, die seit 1945 unser Land in viel größerem Ausmaß steuern, als der Allgemeinheit bewußt wird, so zum Beispiel die aus den USA reimportier- te verhängnisvolle "Frankfurter Schule". Den dadurch bedingten kulturellen und geistigen Souveränitätsverlust Deutschlands, der erst die Voraussetzungen für den "Erfolg" der 68er Kulturrevolution schuf, im Wirkungsgefüge unseres politischen Systems zu verorten, wäre ein dringendes Erfordernis an eine erweiterte Auflage dieser Streitschrift, die man ansonsten jedem Politiker als Vademecum an die Hand geben sollte. Sie ist, jedem Zweifler sei dies gesagt, keine Begründung für die Rückkehr zu reaktionären Denkformen, sondern versteht sich als Schrift für die Wiedergewinnung des christlich gegründeten, modernen Staates, der im Gleichgewicht von Pflichten und Rechten dem Bürger wie der Nation das größtmögliche Maß an Freiheit in Bindung sichert, jenseits aller Ideologien. Albrecht Jebens

Günter Rohrmoser: Kampf um die Mitte – Der moderne Konservativismus nach dem Scheitern der Ideologien, München, Olzog Verlag, 1999, ISBN 3-7892-8023-2, 352 Seiten, 48 Mark