© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. September 2000


Klassisch und zeitlos modern
Vor 85 Jahren wurde die Bildhauerin Maria Ewel geboren

Ein Tiger lauert in geduckter Haltung auf seine Beute, ein tapsiger Bär hält in seinen mächtigen Pranken einen Ball, ein Artgenosse trollt sich auf allen vieren vondannen, während ein quicklebendig wirkendes Fohlen erstaunt seinen Schweif betrachtet. Tiere, als würden sie in einer Momentaufnahme festgehalten, und doch sind sie von Menschenhand gestaltet und aus Bronze, geschaffen von der Bildhauerin Maria Ewel.

"Die Natur kann nur ein Mittel sein, nicht Selbstzweck. Ein Bild ist eine Dichtung, eine Schöpfung eigener Art, und Form und Farbe und das ganze Universum mit all seinen Erscheinungsformen dienen dem, der sie in den Dienst seiner Idee zwingt", hat der Maler Otto Ewel, Professor an der Königsberger Kunst- und Gewerkschule von 1917 bis zu seiner Pensionierung 1933, einmal über die Malerei gesagt. Seine Tochter Maria, die jüngste von vier gleichfalls künstlerisch begabten Schwestern, hat diese Erkenntnis in ihre bildhauerischen Werke umgesetzt. Neben eindrucksvollen Bildnissen und Kinderfiguren hat Maria Ewel vor allem Tierplastiken geschaffen, die sich heute in privatem und öffentlichem Besitz befinden, so in Bremen, Ludwigshafen, im Tierpark Duisburg, im ostfriesischen Leer und im pfälzischen Frankenthal sowie im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg.

"Maria Ewel", so der Kunsthistoriker Dr. Günter Krüger bei der Eröffnung einer Ausstellung mit Werken von Vater und Tochter Ewel 1983 im Kulturzentrum Ostpreußen im Deutschordensschloß Ellingen, "gelingt es stets, das Wesen des jeweils dargestellten Tieres einzufangen, seine charakteristische Haltung und Bewegung formal, technisch und kompositionell in Einklang zu bringen und so ein in seinem Ausdruck geschlossenes Kunstwerk zu schaffen."

Die Künstlerin wurde vor 85 Jahren, am 30. September 1915, in Königsberg geboren. Bereits mit 13 Jahren nahm sie Unterricht in der Keramikklasse bei Professor Franz Andreas Threyne an der Kunst- und Gewerkschule in ihrer Vaterstadt. 1936 ging sie nach Dresden, wo sie drei Jahre lang die Bildhauerklasse der Kunstgewerbeschule besuchte. 1939 als Luftwaffenhelferin eingezogen, mußte sie bis zum Kriegsende ihre künstlerisches Wirken ruhen lassen.

An der Kunstschule Bremen nimmt sie 1946 ihr Studium wieder auf, wo sie vorwiegend bei Professor Herbert Kubica arbeitet. Während des Studiums und auch später (bis 1956) beteiligt sie sich mit einer Studentengruppe am Wiederaufbau Bremens und restauriert historische Gebäude. 1955 geht die Königsbergerin nach Salzburg und nimmt an der Sommerakademie teil, wo Professor Ewald Mataré die Bildhauerklasse leitet. Nach einem Studienaufenthalt in Florenz läßt sich Maria Ewel 1956 als freischaffende Bildhauerin in Bremen nieder. Bereits drei Jahre später erkrankt sie an schmerzhaftem Gelenkrheumatismus, der ihr immer mehr zu schaffen macht und die Steinbildhauerei zunehmend einschränkt. Die Künstlerin wendet sich schließlich der modellierten Plastik zu; die meisten dieser Arbeiten sind dann in Bronze gegossen worden. 1982 gestaltet sie, die am 27. Januar 1988 in Bremen stirbt, ihre letzte Plastik, eine Raubtiergruppe, die in der Halle des Postamtes in Rastede aufgestellt wird.

Maria Ewel, die 1985 mit dem Ostpreußischen Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen ausgezeichnet wurde, gehörte zu den Künstlern, die sich nicht haben beirren lassen und ihrem Stil treu geblieben sind. "In den Jahrzehnten ihres Schaffens", so Professor Gert Duwe in dem Verzeichnis ihres plastischen Gesamtwerkes über die Bildhauerin aus Königsberg, "hat Maria Ewel eine Vielzahl unterschiedlichster Stile und Strömungen überdauert, Richtungen, die sich zum Teil sehr ausschließlich gebärdeten und nicht immer zur künstlerischen Toleranz bereit waren. Maria Ewel ist sich in der ganzen Zeit treu geblieben; das modische Mitvollziehen entspricht nicht ihrer Art, sie hat in einem kontinuierlichen Schaffensprozeß alle künstlerischen Möglichkeiten ihres Stils ausgeschöpft und zur letzten Reife geführt. – Eine der Besprechungen, die sich mit ihren Arbeiten beschäftigt, trägt die Überschrift ,Ich bin Ihnen wohl nicht modern genug?‘" (Übrigens im Ostpreußenblatt vom 3. Juni 1969, d. Verf.) "Wir können eine solche Frage beantworten: Maria Ewel ist klassisch, zeitlos modern, und darum haben ihre Werke über alle Richtungen hinweg Bestand und Gültigkeit." Silke Osman