© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Oktober 2000


Sphinxe in würdevoller Ruhe
Von ESTHER KNORR-ANDERS

Was war es, daß den Sphinxen über Jahrtausende hinweg Faszination verlieh, die bis heute ungebrochen wirksam blieb? Unbewußt mögen wir rastlos umtriebigen Erdbewohner uns von der souveränen Reglosigkeit, würdevollen Ruhe der Sphinxe angezogen fühlen. Selbstbeherrschung, Achtung gebietende Distanz ausstrahlend, schweiften die Blicke der Sphinxe durch die Zeitläufte. Ihrem ausdruckslosen Antlitz nach zu schließen berührte weltliches Schicksal sie nie, geradeso als wüßten sie um die Brüchigkeit alles Vergänglichen. Könnten sie die Vordertatze heben, würden sie wahrscheinlich die finale Handbewegung vieler Sterbenden machen, die ausdrückt: wegschieben, nicht mehr wichtig, schon vorbei.

Im Gegensatz zu anderen Fabelwesen, an deren reale Existenz durchaus geglaubt wurde, hat kein Mensch je angenommen, daß es Sphinxe wirklich gäbe. Sie waren reines Phantasiegebilde, lebten ausschließlich im Mythos und als Kunstwerke – und zwar unvergänglich. Diese Fabelgeschöpfe mit Menschenkopf und Löwenkörper veränderten in den verschiedenen Jahrhunderten ihr Aussehen, wurden dem herrschenden Zeitgeschmack angepaßt. Es zierten sie geringelte Schwänze, wallende Haarflut, die Brüste weiblicher Sphinxe umhüllten Rüschen; einzelne lächelten sogar – im alten Ägypten unvorstellbar.

Von Urzeiten an gab es männliche und weibliche Sphinxe. Meistens wurden sie liegend dargestellt, die Vorderbeine flach gestreckt, die Hinterbeine untergeschlagen. Aber es gibt sie auch stehend, schreitend, mit riesigen Schwingen versehen. Bis auf eine Ausnahme gaben sie nie ihr Geschlecht dem Anblick preis. Das tut der in hoheitsvoller Erhabenheit weit ausschreitende Sphinx aus dem Adad-Tempel zu Damaskus. Sein Haupt schmückt die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten.

In Ägypten wurden Sphinxe stets männlich dargestellt. Handelte es sich um eine Königinskulptur in Sphinx-Symbolik – zum Beispiel Hatschepsut – trug sie den Zeremonialbart, Zeichen der Herrscherwürde. Griechenland hingegen kannte nur weibliche Sphinxe. Der Orient, Kleinasien gelten als Entstehungsgebiete des Mythos. Der erste Dichter, der über eine Sphinx schrieb, war der Grieche Hesiod im 8. Jahrhundert v. Chr. Er überlieferte die unsterbliche Sage von der Sphinx zu Theben. Wo und wie sie entstand, blieb, wie jeder Mythos, ungeklärt.

Die thebanische Sphinx war ein Menschen vernichtendes Ungeheuer, Tochter der Schlange Echidna, das jedem Gebirgswanderer auflauerte und ihm Rätsel zu lösen gab. Fand der Befragte die Lösung nicht, stieß sie ihn in den Abgrund. Das Rätsel lautete: Welches Geschöpf bewegt sich am Morgen auf vier Füßen, am Mittag auf zweien, am Abend auf dreien? Niemand erriet es. Dann kam Ödipus des Weges daher. Ohne viel Gedankenartistik beantwortete er die Rätselfrage: der Mensch ist es, der als Kleinkind auf allen vieren kriecht, als Erwachsener auf zwei Beinen wandelt und am Lebensabend einen Stock zu Hilfe nimmt. Die Sphinx stürzte sich vom Felsen; Theben war von ihr befreit.

Die Rateszene hielt der französische Maler Jean Ingres (1781–1867) in einem Gemälde von 1808 fest. Es gilt als sein Hauptwerk. Die Sphinx kauert auf Gestein, vor ihr verharrt Ödipus, den Fuß auf einen Felsbrocken gestützt. Gleich wird er des Rätsels Lösung nennen …

In Ägypten fanden Sphinxe eine bleibende Heimat, wurden gewissermaßen Hoheitszeichen des Pharaonenreiches. Man sah in ihnen die mystischen Beschützer der Tempel und königlichen Totenbehausungen, als welche die über 80 Pyramiden entlang des Nils erbaut worden waren. Der Große Sphinx von Gizeh, Bewacher von drei Pyramiden-Grabmälern, ist nicht nur der älteste, sondern auch der größte und darüber hinaus der bekannteste. Er ist 73,8 Meter lang, 15 Meter breit und 30 Meter hoch. Die Frage, ob der kolossale Sphinx den Pharao Cheops (2500 v. Chr.) oder dessen Sohn Chephren darstellt, beschäftigt die Ägyptologen noch heute. Aber ist das wichtig?

Wind umtoste den Sphinx, Sand umwehte, Sonne bestrahlte ihn, nachts glitzerten Sterne. Napoleon erspürte 1798 den Bann von Ort und verstrichener Zeit. In der Ebene von Gizeh, beim Anblick von Pyramiden und Sphinx, soll er ausgerufen haben: "Soldaten, 4000 Jahre blicken auf euch herab." Der spätere Kaiser unterlag der archaischen Eleganz der Sphinxe. Unter seiner Ägide schmückten sie Brunnen, Kaminsimse, Spiegelrahmen, Bettpfosten – und das nicht nur in Frankreich. Die Stilrichtung des Klassizismus hatte die antike Welt entdeckt, ihre Ornamentik hielt sich bis in den Jugendstil und Art déco hinein.

Aber schon lange vorher, eigentlich durch alle europäischen Stilepochen, war der weibliche Sphinx zum Begleiter dekorativer Architektur geworden. Die Begeisterung begann mit den ersten Nahostreisenden und deren Erzählungen, wiederentdeckte klassische Texte weckten Interesse, Zeichnungen der Pyramiden und Sphinxe kursierten. Die geheimnisvoll anmutenden Ungeheuer tauchten plötzlich überall auf; Schloßgärten, Parkeingänge, ganze Alleen wurden mit ihnen bestückt. Italien, England, Frankreich traten als Vorreiter in Erscheinung.

Europas Sphinxe sollten schön und vor allem feminin sein. Das hatte die Verfälschung des ägyptischen Originalbildes zur Folge. Ferdinand Dietz (1708–1777) entwarf für den Trierer Schloßpark zwei Sphinxe, die an Versüßlichung der mythologischen Urgestalt alles bisher Dagewesene überboten. Sie liegen auf einer Barke und sind gerade noch an den Löwengliedmaßen als Sphinxe zu erkennen. Ihr Lächeln ist berückend, Blütenkränze dekorieren die Locken, und die zierlich geschwungenen Schwänze, Armreifen, Ohrringe, Halsschmuck, das Spitzengewand mit Quasten lassen sie einer fürstlichen Kurtisane ähnlich sehen. Sphinxe blieben aber auch, ihrem ägyptischen Ursprung gemäß, Grabwächterinnen. Der Sarkophag der auf Schloß d’Anet bestatteten Diane de Poitiers, Mätresse Heinrichs II. von Frankreich (1519–1559) wird von vier vollbusigen Sphinxen getragen, deren Zeremonialperücken zeigen Sonnenscheiben und Mondsicheln.

1791 komponierte Wolfgang Amadeus Mozart seine Oper "Die Zauberflöte", in deren Handlung er altägyptische Rituale – so es solche tatsächlich waren – einflocht. Mozart war Freimaurer, Mitglied der Loge "Zur neugekrönten Hoffnung". Zweifelsfrei wollte er die Wertvorstellungen der freimaurerischen Gemeinschaft, die der Baukultur verbunden war, einer großen Anzahl Unwissender mittels einer Parabel vertraut machen. Das ist ihm gelungen. Die unausräumbare Fama, die Mozarts Tod mit der "Zauberflöte" in Verbindung bringt, entbehrt schon deshalb der Glaubwürdigkeit, weil er die Oper mit Wissen der Loge schrieb. 1816 schuf der Baumeister und Maler Karl Friedrich Schinkel für eine in Berlin stattfindende Aufführung ein fantastisches Bühnenbild. Auf einer von Palmen umsäumten Insel im Nil erhebt sich ein Tempelbau, über den sich der Körper der Sphinx streckt. Langmähnig, gespenstisch bleich, blickt sie ins Nirgendsland. Es ist Nacht, greller Vollmond geistert, Wolken ziehen. Schinkel beschwor mit diesem übersteigert theatralischen Bühnenbild zielscharf den Urmythos der Sphinx herauf: ihre Unheimlichkeit, unbestimmbare Wesensart …

Wo immer Sphinxe zu finden waren, sie prägten ihre Umgebung, verliehen ihr Magie. Auf den Menschen lösten sie verschiedene Wirkung aus. Sie konnten als bedrohend, schauerlich, rätselhaft, erotisch, auch als komisch empfunden werden. Nie aber gingen sie ihrer Würde, Unberührbarkeit verlustig. Im Grunde waren sie höchst sensible Snobs.