© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 14. Oktober 2000


Wer ist der große Unbekannte?
Mutmaßungen einer britischen Zeitschrift über einen Meisterspion im Auswärtigen Amt

Unter dieser Überschrift berichtete Das Ostpreußenblatt am 7. Juli vorigen Jahres über die Suche nach einem möglichen Topspion in der engsten Umgebung des ehemaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher vor und nach seinem Rücktritt. Gerade dieser war es, der den Verdacht so plausibel machte, weil es nach der Meinung vieler informierter Beobachter keinen absolut einsichtigen und nachvollziehbaren Grund für den urplötzlichen und alle Welt völlig überraschenden Rückzug des Vollblutpolitikers Genscher im Mai 1992 gab.

Eine kürzliche Information in der auf nachrichtendienstliche Erkenntnis spezialisierten Londoner Publikation "Soviet Analyst", die von dem ehemaligen britischen Diplomaten Christopher Story (kein Pseudonym!) herausgegeben wird, ist der aktuelle Anlaß, die Angelegenheit noch einmal aufzugreifen. Dort heißt es, Zitat: "der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher soll vom sowjetischen Chef der Einflußagenten Moskaus, Alexandr Bessmertnych, geführt worden sein." Weiter heißt es übrigens in diesem Bericht, wieder Zitat: "Es gäbe auch begründete Annahme dafür, daß der jetzige Bundeskanzler Gerhard Schröder unter der Leitung oder gar direkt von Vladimir Putin rekrutiert worden sein soll, als dieser in der ehemaligen DDR für die sowjetische Geheimpolizei KGB tätig war."

Wer also war der große Unbekannte an der Seite des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher? So jedenfalls fragten sich die deutschen Sicherheitsbehörden auf der Suche nach einem angeblichen Meisteragenten in der engsten Umgebung Genschers im Auswärtigen Amt. Immer wieder wurden in Artikeln, in Zeitungen und Zeitschriften Andeutungen über die nicht plausibel klingende Begründung für den urplötzlichen Rücktritt gemacht, so u. a. in der "Welt" im Dezember 1995, wo von dem "bis heute rätselhaften Abgang Hans-Dietrich Genschers" die Rede war. "Focus" ging dieser Frage gleich zweimal nach, am 25. Mai und 21. Juni 1999 auch den "Spiegel" beschäftigte dies am 28. Juni 1999, und die "Welt" schrieb darüber noch einmal am 28. Juni 1999. Auffallend ist, daß dieses Thema aufgegriffen wurde im zeitlichen Zusammenhang mit der Diskussion über die Rückgabe der Kopien der Klarnamen-Dateien der Spionage-Hauptabteilung der Stasi, die sich im Besitz der Amerikaner befinden.

Schon lange vor der Herstellung der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 gab es immer wieder Vermutungen über eine bestens informierte Quelle als "Leck" im Auswärtigen Amt, das wegen der Präzision der im Osten aufgetauchten Informationen in der engsten Umgebung Genschers angenommen werden mußte. Insbesondere die Amerikaner ließen ihr Mißtrauen deutlich werden, so daß als sicher anzunehmen ist, sie verfügten über detailliertes Hintergrundwissen. Washington ging immerhin so weit, Genscher von Gesprächen des amerikanischen Präsidenten Bush mit Bundeskanzler Kohl im Februar 1990 in Camp David über Fragen im Zusammenhang mit einer möglichen Wiedervereinigung Deutschlands ausdrücklich auszuschließen. Man benutzte die Formel, die beiden Chefs wollten unter vier Augen ohne die Außenminister sprechen – aber der amerikanische Außenminister James Baker war dann doch immer dabei.

In der Zeit der sogenannten "Neuen Deutschen Ostpolitik", die in Wahrheit wohl besser als Teil der sowjetischen Westpolitik zu charakterisieren ist und in der Egon Bahr mit zwei sowjetischen KGB-Generälen konspirierte, prägten hochrangige Amerikaner den Begriff "Genscherismus". Sie meinten damit die ihrer Auffassung nach zu weit gehende Aufgeschlossenheit der deutschen Außenpolitik gegenüber Moskau. "Focus" berichtete in den bereits erwähnten Artikeln detailliert über Indizien, die zu dem begründeten Verdacht einer Agententätigkeit auf höchster politischer Ebene im Auswärtigen Amt Anlaß gaben. So tauchten erstklassige Informationen über geheime Gespräche Genschers mit Nato- und östlichen Regierungschefs bis hin zu Genschers privater Sicht der Dinge in kürzester Zeit im Osten auf. In den "Focus"-Artikeln ist auch die Rede von der Unterdrückung jeder Information zum "Fall Genscher" in den achtziger Jahren. Auch dem zuständigen Ausschuß des Bundestages, der Parlamentarischen Kontrollkommission für die Nachrichtendienste, wurde nichts über die Verdachtsmomente der CIA mitgeteilt. Ebensowenig wurde in der deutschen Publizistik – von Ausnahmen abgesehen – das Thema Genscher aufgegriffen.

Allerdings regt der Lebenslauf Genschers zum Nachdenken an. Er durfte zu einer Zeit sein Jurastudium in der DDR beginnen, als nur zum Studium zugelassen wurde, wer entweder von den Nazis verfolgt worden war, also als "OdF", d. h. Opfer des Faschismus, anerkannt war, aus einer "Arbeiter- und Bauernfamilie" stammen mußte oder als einer der Linientreuesten im Sinne der SED galt. Weder Kategorie 1 noch 2 trafen im Falle Genscher zu. Im Jahr 1946 trat er der Liberal-Demokratischen Partei bei, folgte er womöglich einem Auftrag jener, die ihm das Studium ermöglicht hatten? Hans-Dietrich war ehrgeizig und fleißig. Nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland wurde er 1954/55 zum Rechtsanwalt zugelassen, blieb aber nicht in einer lukrativen Bremer Anwaltssozietät, sondern ließ sich als kleiner Assistent bei der FDP-Fraktion anstellen – der kleinsten Fraktion, in der der Weg an die Spitze in kürzerer Zeit als anderswo zu erreichen war. So gelang mit dem ihm eigenen Fleiß und Ehrgeiz sein politischer Aufstieg: Ab 1959 Fraktionsgeschäftsführer, 1962 Bundesgeschäftsführer der FDP, 1965 Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion, 1968 schließlich stellvertretender Bundesvorsitzender der Partei –  Macht und die Mittel der Bonner FDP-Fraktion und Partei standen ihm nunmehr zur Verfügung. Im Jahr 1969 schließlich erreichte er den Gipfel: Er wurde Innenminister.

Alle Denkansätze im "Fall Genscher", wenn es diesen denn geben sollte, es könnte Wissenswertes darüber in Stasi-Unterlagen zu finden sein, gehen allerdings in die Irre. Es ist in einer anderen Zielrichtung zu suchen, nämlich in Moskau. Die Bestätigung für diese These findet sich in der zitierten Ausgabe des Londoner Informationsdienstes "Soviet Analyst". Gerhard Löwenthal