© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 14. Oktober 2000


Lebendige Bühne
Leopold Jeßner – Theater als Leidenschaft

Der leidenschaftliche Theater- mann Leopold Jeßner lehnte es leidenschaftlich ab, die Welt der Bühne zu politisieren. So betonte er in seinen Schriften: "Das Theater im Sinne der heutigen Staatsauffassung führen heißt nicht Parteipolitik treiben. In seinen Spielplan gehört ebenso Kleists ,Prinz Friedrich von Homburg‘ wie Büchners ,Dantons Tod‘. Nicht um einer nationalen oder revolutionären Richtung gerecht zu werden, sondern weil sich in beiden Fällen eine menschlich-politische Idee in Dichtung umgesetzt hat. Und dies ist die erste und letzte Frage, die ein Theaterleiter an ein Werk zu richten hat."

Jürgen Fehling, einer der bedeutendsten deutschen Theaterregisseure, nannte ihn einen der "klügsten und großartigsten Leute". "Wir waren immer spinnefeind", so Fehling, "aber das hinderte mich gar nicht, ihn zutiefst zu verehren und für die größte Theaterpersönlichkeit zu halten, der ich in meiner Laufbahn begegnet bin, ich meine als Leiter." Und Fehling mußte es wissen, denn schließlich holte ihn diese große Theaterpersönlichkeit, holte ihn Leopold Jeßner 1922 an das Berliner Staatstheater, wo er bis 1944 kontinuierlich wirkte.

Jeßners Engagement für das Berliner Theaterleben habe, so erkannte kein Geringerer als Carl Zuckmayer in seinen Erinnerungen, aus dem verstaubten ehemaligen Berliner Hoftheater die erste Bühne im deutschen Sprachbereich gemacht. Überhaupt hat der Königsberger besonderes Geschick bewiesen, Theater lebendig zu gestalten. So rühmte Arnold Zweig das Neue Schauspielhaus in Königsberg, das Jeßner von 1915 bis 1919 leitete, als das "bestgeleitete, modernste, dem Leben zugewandeste nichtberlinische Theater in Deutschland".

Das Licht der Welt erblickte Jeßner am 3. März 1878 in Königsberg. Viel ist um seine Herkunft gerätselt worden. Ein Königsberger Kaufmann namens Jeßner hatte den Knaben Leopold aus einem Waisenhaus zu sich genommen, für ihn gesorgt, ihn erzogen und ihm später seinen Namen gegeben, ohne daß eine gesetzmäßige Adoption erfolgte. Ein rechtmäßiger Sohn des Kaufmanns war der spätere Sanitätsrat Samuel Jeßner. Er hatte drei Söhne: Kurt, ein Dermatologe, Max, der Ordinarius der Dermatologie in Breslau wurde, und Fritz, der 1925 Intendant des Königsberger Schauspielhauses (ab 1927 im umgebauten ,Luisentheater‘) wurde. Das vierte Kind des Sanitätsrates war Tochter Else, die Leopold heiratete, wodurch er der Schwager der drei ,jungen Jeßners‘ wurde.

Seine künstlerische Laufbahn hatte Leopold Jeßner als Schauspieler in Graudenz (1895) begonnen; zwei Jahre später folgte ein Engagement am Stadttheater Cottbus, weitere am Berliner Gesamt-Gastspiel, einem Wandertheater, am Deutschen Theater Breslau, am Ibsen-Theater, einem Tourneetheater unter der Leitung von Gustav Lindemann, schließlich am Deutschen Theater Hannover, wo Jeßner auch erste Inszenierungen übernahm. 1903/04 wirkte der Königsberger als Schauspieler und Regisseur am Residenztheater in Dresden, anschließend ging er ans Hamburger Thalia Theater, wo er von 1904 bis 1915 als Regisseur und Oberregisseur arbeitete. Gleichzeitig leitete er von 1911 bis 1914 die von der Gewerkschaft gegründeten Volksschauspiele in Hamburg-Altona.

1915 dann folgte der Ruf nach Königsberg an das Neue Schauspielhaus in der Roßgärter Passage. Vier Jahre wirkte Jeßner in seiner Vaterstadt und belebte das dortige Theaterleben nachhaltig. Auch während seiner Berliner Zeit (1919 bis 1930/33) kam Jeßner noch einmal nach Königsberg, um dort seinen "Wallenstein" zu geben. Dr. Hans Preuschoff erinnerte sich in einem Beitrag für Das Ostpreußenblatt: "Jeßners dramaturgische Strenge machte es auch möglich, den ganzen ,Wallenstein‘ zu einem einzigen Abend von gewöhnlicher Länge zu raffen, ohne daß eine Bruchstelle spürbar war. – Er brachte die Inszenierung nicht an der neuen Stätte des Königsberger Schauspiels im früheren Luisentheater auf den Hufen heraus, sondern an seiner alten Wirkungsstätte in der Roßgärter Passage, auf deren Bühne ihm – wie eine Königsberger Zeitung schrieb – jeder Quadratmeter vertraut war. Presse und Publikum bedankten sich für die Aufführung bei dem ,verlorenen Sohn‘ Jeßner mit einem Jubel, wie er ihm in Berlin nicht sehr oft zuteil geworden sein dürfte."

Jeßners Stil war gewiß für große Teile des Theaterpublikums gewöhnungsbedürftig. So zeichnete er sich vor allem durch extreme szenische Verknappung und Konzentration, durch exakte Choreographie, symbolische Gesten und Arrangements aus. Eine geballte, rhythmisierte Sprache und kahle, streng gegliederte Räume waren weiterhin typisch für Jeßners Regiestil, getreu seinem Motto: "Das Drama ist ein Dichtwerk, sein vornehmstes Mittel das Wort, es wirke durch dieses sein Urelement."

Berühmt aber wurde er durch die Jeßnersche Treppe, eine Stufenbühne, die für ihn "die resolute Wandlung des theatralischen Erlebnisses" bedeutete. "Denn jene Treppe", so erläuterte Jeßner in seinen "Schriften", Berlin, 1979, "die bislang nur als integrierender Teil einer Dekoration und nicht als selbständiger architektonischer Aufbau existierte, erwies sich bald über jede spekulative Sensation hinaus als systematisches Mittel, die Bühne von den Zufälligkeiten eines illusionsschaffenden äußerlichen Dekors zu befreien, und von nun an – als raum- und zeitlosen Schauplatz – einer Darstellung dienstbar zu machen, die ihre Gesetze lediglich aus dem innerlich Wesenhaften der Dichtung empfängt."

1933 wurde Leopold Jeßner aus seinem Amt als Leiter des Preußischen Staatstheaters entlassen, blieb dem Haus jedoch noch einige Zeit als Regisseur verbunden. Im März 1933 emigrierte Leopold Jeßner, gründete ein Tournee-Ensemble und reiste mit ihm durch Belgien, Holland und England. 1936 gastierte er als Regisseur an der Habima in Tel Aviv, danach emigrierte er in die USA, wo er sich in Los Angeles niederließ. Dort ereilte ihn am 13. Oktober (nach anderen Quellen am 13. Dezember) 1945 ein jäher Herzschlag. Silke Osman