© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 14. Oktober 2000


Kämpfer für Recht und Menschlichkeit
Gedenkveranstaltung zum 50. Todestag des Schriftstellers Ernst Wiechert in Wolfratshausen

Die Gedenkveranstaltung zum 50. Todestag des Schriftstellers Ernst Wiechert, bei der Dr. Hans-Martin Pleßke, Vorsitzender der Internationalen Ernst-Wiechert-Gesellschaft e. V. (IEWG), die Festrede hielt, fand in der Loisachhalle Wolfratshausen statt.

Die Stadt Wolfratshausen richtete zusammen mit der Ernst-Wiechert-Gesellschaft einen Festakt aus, für den die Stadt einen überaus würdigen Rahmen schuf. Der 1. Bürgermeister Rainer Berchtold gab in seiner Begrüßung der Bedeutung Ausdruck, die die Gemeinde Wolfratshausen darin sieht, den Dichter Ernst Wiechert zu ihren Bürgern zählen zu dürfen. Die IEWG hieß er herzlich willkommen und sprach ihr für ihr Bemühen um das Werk und das Andenken des Dichters seine Anerkennung aus. Der Bayerische Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber hatte ein schriftliches Grußwort gesandt, in dem er Ernst Wiechert einen unbestechlichen Kämpfer für Recht, Menschlichkeit und abendländische Werte nannte.

Die Lebenszeit Ernst Wiecherts, der bereits mit 63 Jahren starb, und die Rezeption seines Werkes zu seinen Lebzeiten und in dem halben Jahrhundert nach seinem Tode fügte Dr. Hans-Martin Pleßke in die Geschichte des ganzen Jahrhunderts ein. "In Ernst Wiechert verkörpert sich ein Stück Schicksal und Gewissen seines Volkes", so Pleßke. Sein in mehr als 20 Fremdsprachen übersetztes Werk umfaßt u. a. 13 Romane, 50 Erzählungen und Novellen, Gedichte und 40 Märchen – die "fast ausnahmslos nur in einer Landschaft spielen, nämlich der seiner ostpreußischen Heimat", betonte Pleßke, um diesen Aspekt dahingehend zu vertiefen: "Und immer wieder klingt dieses Leitmotiv an: Wem die innere Bindung an Landschaft und Natur versagt bleibt, dem wird es nicht gelingen, ein sinnvolles Leben zu führen."

Pleßke wies auf die vermehrten polnischen und russischen Übersetzungen von Wiecherts Werken hin, die den heutigen Bewohnern Ostpreußens "ein Stück kulturelle Identität Masurens nahebringen", und sah eine aktuelle Bedeutung Wiecherts in der ethischen Desorientierung unserer Zeit.

Die musikalische Umrahmung des Festaktes erfolgte durch das Bach-Trompetenensemble München unter Leitung von Arnold Mehl sowie durch das Kammerensemble Isartal unter Leitung von Prof. Dr. Günther Weiß. Angela Röders rezitierte Wiechert-Texte und überzeugte durch einen klaren und feierlichen, aber nicht pathetischen Vortrag. Minori Urano, Bariton, am Klavier begleitet von Rume Urano, trug Vertonungen von Rudolf Suthoff-Gross vor, u. a. "Jahresende" und "Es geht ein Pflüger übers Land".

Die Mitglieder der IEWG tagten und wohnten größtenteils im "Haus Wiedemann" in Ambach, in einem der Orte also, wo Wiechert die Jahre 1933–1948 zugebracht hat. Drei Jahre lang wohnte er in Ambach im "Waldschlößl", das heute sozusagen die "Kernzelle" des Kurhotels Wiedemann bildet. Der Vormittag war dem Besuch der Wiechert-Orte auf einer Rundfahrt gewidmet. Ein Gottesdienst in der Kirche von Degerndorf, der Wiechert seinerzeit drei Glocken aus dem Verkaufserlös des Buches "Der Totenwald" gestiftet hat, wurde von dem katholischen Gemeindepfarrer Dr. Gotthard Schulz und dem Mitglied der IEWG Prof. Dr. Jürgen Fangmeier, einem evangelischen Theologen, gemeinsam gestaltet.

Nach dem Gottesdienst wurde ein Kranz auf das Grab von Frau Lilje Wiechert auf dem Kirchhof von Degerndorf niedergelegt. Der 2. Vorsitzende der IEWG, Klaus Weigelt, verlas einen Brief Wiecherts an seine Frau aus dem KZ Buchenwald, aus dem Rücksicht und Sorge für die Angehörigen selbst in dieser verzweifelten Lage sprachen.

Ein besonderes Erlebnis war sodann der Besuch auf dem Hof Gagert, den Wiechert seinerzeit außerhalb von Wolfratshausen erbauen ließ und bis 1948 bewohnte. Seit sieben Jahren sind Haus und Grundstück im Besitz der Familie Schilwat, die dem Andenken Wiecherts aufgeschlossen ist. Die Mitglieder der IEWG wurden herzlich empfangen und durften den großzügigen und herrlich gestalteten Garten und Hof besichtigen und die weite Aussicht, die wirklich an Ostpreußen erinnert, genießen.

Am Nachmittag trug der Schauspieler Karl Michael Vogler, auch er Mitglied der IEWG, Texte aus dem Werk vor. Die öffentliche Veranstaltung in der Panorama-Halle des Kurhotels wurde auch von Kurgästen gut besucht. Auszüge aus der "Hirtennovelle", den "Jerominkindern" und aus "Das einfache Leben" standen unter dem Leitwort "Zu den Liebenden kehrt alles zurück".

Auch die Arbeitsphasen der Tagung wie Mitgliederversammlung und Vorstandssitzung wurden zu einem Erlebnis in dem kultivierten Ambiente des Hauses, das in einer reizvollen ländlichen Umgebung liegt. Die Mitglieder dankten allen Organisatoren, besonders dem Vorsitzenden Dr. Hans-Martin Pleßke, für diese gelungenen Wiechert-Gedenktage. Bärbel Beutner