© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 04. November 2000


Ein kurzes gleißendes Leben
Renate Ewert – vor 65 Jahren in Königsberg geboren

Als eifersüchtige Freundin, durchtriebenes Biest oder bildhübsche junge Dame war sie eine Augenweide auf der Leinwand und poinierte Filme wie "IA in Oberbayern", "Lumpazivagabundus", "Die verpfuschte Hochzeitsnacht", "Der müde Theodor", "Nachts im grünen Kakadu" und "Das blaue Meer und du". Doch sie wollte weg von diesem Image und sich nicht länger damit begnügen, ein Sweet-Girl des Kinos zu sein; sie wollte ins dramatische Fahrwasser einschwenken.

Renate Ewert wurde 1935 in Königsberg geboren. Dort ging sie auch zur Schule, bis sie das Los aller unserer Landsleute teilte und mit den Eltern und Bruder aus der geliebten Heimat flüchten mußte. Als sich die Zeiten wieder etwas normalisiert hatten, waren die vier Ewerts wieder heimisch geworden. Diesmal in Hamburg.

Die energische Renate hatte es sich in den Kopf gesetzt, auf jeden Fall Schauspielerin zu werden. Und so sprach sie eines Tages bei Ida Ehres Hamburger Kammerspielen vor, blieb jedoch im Text stecken und mußte unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen. Sie holte das theoretische Bühnenrüstzeug im Schauspielseminar der Eva Fiebig nach und legte ihre Prüfung ab. Wie sie zum Film kam? Die Ewert erzählte einmal: "Ich begann mit kleinen Rollen, bin also keine Zufallsentdeckung. Kein Regisseur oder Produzent hat mich auf der Straße angesprochen, um mich zum Film zu holen. Die Berührung mit dem Film bekam ich als Synchronsprecherin. In München suchte Paul May nach einer Schauspielerin für die Rolle der ,Barbara Bruks‘ in ,08/15‘ (dritter Teil). Das war mein erster Versuch, er glückte."

Renate Ewert ist es im Leben nie leicht gemacht worden, mühsam mußte sie eine Sprosse nach der anderen auf der Leiter der Karriere nehmen, manchmal fiel sie zurück, dan wiederum erklomm sie zwei mit einem Schritte. Sie war das typische Kinde der damaligen Zeit: selbstbewußt, zielstrebig und anlehnungsbedürftig, ein guter Kerl, manchmal jedoch kritiklos – sich selbst gegenüber und anderen. Und immer wieder Männer. Sie kannte viele: Paul Hubschmid, "Konsul" Weyer, Günther Pfitzmann, Gunther Philipp und Regisseur Franz Marischka. Ihre Romanzen haben Renate Ewert beruflich sehr geschadet. Einen internationalen Touch schien ihre Kinokarriere zu bekommen, als sie in Frankreich "Auf Euren Hochmut werde ich spucken" und in "Angélique" spielte, dann drehte sie immer weniger Filme. Die Angebote für die aparte Ostpreußin blieben aus, immer häufiger griff sie zu Betäubungsmitteln, sie magerte zum Skelett ab. Renate nahm laufend Tabletten. Sie war dadurch so geschwächt, daß sie keine Rolle mehr hätte durchstehen können! Durch Alkohol und Tabletten war sie zum Wrack geworden.

Am 10. Dezember 1966 wurde Renate Ewert von ihrer Freundin, der Schauspielerin Susanne Cramer (gestorben 1969), tot in ihrer Münchener Wohnung aufgefunden. "Man hat sie sterben lassen wie ein Tier", äußerte Susanne Cramer damals. Ein kurzes gleißendes Leben, ein einsamer Tod. Zwei gebrochene Menschen blieben zurück: Ihre Eltern Paul und Helene Ewert. Sie kamen über den Tod ihrer Tochter nicht hinweg. Paul Ewert, Großhändler, nahm selbst Schlaftabletten. 17 Monate nach dem Tod ihrer Tochter nahm auch Helene Ewert Tabletten und starb.

Am 9. November hätte Renate Ewert aus Königsberg ihren 65. Geburtstag begehen können. kai-press