© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 25. November 2000


Rudolfsgnad/Wojwodina:
Massengräber für Deutsche
Signale des Umdenkens aus Jugoslawien / Von Franz Hutterer

Am 5. November brachten die abendlichen Hauptnachrichten der ARD einen bemerkenswert ausführlichen und von Anteilnahme geprägten Bericht über das Gedenken an deutsche Kriegsopfer: Gezeigt wurden Bilder vom Gedenkgottesdienst des gleichen Tages am Massengrab in Rudolfsgnad (serbisch: Knicanin) im jugoslawischen Teil des Banats.

Der Kranz der "Landsmannschaft der Donauschwaben" erschien groß im Bild, ohne daß der Sprecher den ansonsten in der hiesigen TV-Landschaft schon fast obligatorischen Seitenhieb gegen die deutschen Vertriebenenorganisationen anbrachte.

Rudolfsgnad liegt etwa 50 Kilometer nördlich von Belgrad. Im Oktober 1945 wurde in diesem Dorf – wie zuvor schon an anderen Orten des jugoslawischen Banats und der Batschka sowie des kroatischen Slawoniens – ein Konzentrationslager für Angehörige der deutschen Minderheit, der sogenannten Donauschwaben, errichtet. In dieses Lager kamen vor allem Arbeitsunfähige, Alte, Kranke, Kinder und Frauen mit Kleinkindern, ab 1948 dann auch Deutsche aus Rumänien, der Tschechoslowakei sowie österreichische und deutsche Staatsbürger.

Die ehemals 3200 deutschen Einwohner von Rudolfsgnad waren geflüchtet oder vertrieben worden. In ihren leerstehenden Häusern hielten die neuen kommunistischen Machthaber Jugoslawiens in der Zeit vom 10. Oktober 1945 bis Mitte 1948 Tag für Tag durchschnittlich rund 17 000 Personen fest. Diese Internierten wurden – von der Außenwelt abgeschnitten und von Partisanen streng bewacht – dem Tod durch Hunger, Kälte, Epidemien, Ungeziefer, Erschießungen und Willkürmaßnahmen aller Art überlassen. Mehr als 11 000 Menschen kamen um.

Die Leichen beerdigte man, anfangs in Decken eingenäht, später oft kaum mehr bekleidet, in Massengräbern auf dem Gelände des örtlichen Friedhofs. Dort liegen ca. 3000 Personen. Als der Platz nicht mehr ausreichte und die Todesfälle in erschreckendem Ausmaß zunahmen, wurden die Leichen einfach in eine Grube auf der Anhöhe Teletschka gebracht, zwei Kilometer südlich von Rudolfsgnad.

Bis März 1948 kamen in dieses Gräberfeld über 9000 Deutsche. Unter allen Massengräbern auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, in denen donauschwäbische Opfer der Jahre 1945 bis 1948 liegen (Molidorf im Banat, Jarek, Gakowo, Kruschiwl in der Batschka, Kerndija und Valpowo in Slawonien u. a.), sind die in Rudolfsgnad die größten.

Lager, Massengräber und alle mit der Vertreibung der Deutschen aus Jugoslawien zusammenhängenden Ereignisse wurden nach der Methode des "streng regulierten vertraulichen Genozids" jahrzehntelang verschwiegen, tabuisiert und Versuche ihrer Erforschung verfolgt – nicht nur in Jugoslawien, sondern auch in einem Großteil der internationalen Medien.

Erst nach 40 Jahren und wohl im Zusammenhang mit neuen Massengräbern in Bosnien und dem Kosowo begann man in kleinen Kreisen in Serbien (und auch in Kroatien), die Arbeits- und Todeslager in der Wojwodina, die Vertreibung der Donauschwaben und den an diesen verübten Völkermord als Tatsachen einer weiteren Öffentlichkeit nahezubringen.

Neben der historischen Aufarbeitung und der Anteilnahme am Schicksal der einstigen deutschen Nachbarn motiviert sie das Erschrecken über die Dimension der Verbrechen, vor denen man allzu lange die Augen verschlossen hatte.

Die in Belgrad ansässige "Gesellschaft für serbisch-deutsche Zusammenarbeit" mit ihrem Vorsitzenden Prof. Dr. Zoran Ziletic hat schon vor einigen Jahren damit begonnen, in Rudolfsgnad die Fläche des Massengrabes mit Hecken abzugrenzen, Erinnerungstafeln aufzustellen und jeweils im November Gedenkgottesdienste abzuhalten. Die heutigen Bewohner des Ortes – nach 1948 dort angesiedelte serbische Kolonisten – zeigen dafür Verständnis und Hilfsbereitschaft und nehmen regelmäßig in größerer Zahl an den Gottesdiensten teil. Erste Kontakte zu vertriebenen Donauschwaben bahnen sich an und untermauern die Versuche, nach gut fünfzig Jahren eine Vergangenheit verstehen zu wollen, die mit dem eigenen Wohnort und somit auch dem eigenen Leben untrennbar zusammenhängt.

All das ist ebenso ermutigend wie die Teilnehmerliste des jüngsten Gedenkgottesdienstes. Neben Prof. Ziletic, Pfarrer Pfeiffer, der heute noch als katholischer Geistlicher in der Batschka lebt, Rudolf Weiss als Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Kirche und Gründer bzw. Leiter des "Deutschen Volksverbandes" in Maria-Theresiopel (Subotica), Andreas Bürgermayer vom "Deutschen Klub Donau" in Neusatz (Novi Sad) sowie Johann Rapp, Vorsitzender des "Banater Forums" in Pantschowa, verdient die Anwesenheit des orthodoxen Ortsgeistlichen ebensoviel Aufmerksamkeit wie die des serbischen Bürgermeisters, der den Vertreter der Landsmannschaft der Donauschwaben und dessen Frau sogar als seine persönlichen Gäste eingeladen hatte.

Politische Signalwirkung besaß die Präsenz des Vorsitzenden der Regionalregierung der Wojwodina, der Konsulin Regina Hesse von der Deutschen Botschaft in Belgrad und des österreichischen Generalkonsuls. Mit Abstand am schwersten dürfte die Erinnerung aber für jene donauschwäbischen Frauen und Männer gewesen sein, die die Schrecken der Lagerzeit überlebt hatten und für den 5. November eigens nach Rudolfsgnad kamen – zu den Gräbern ihrer Angehörigen, Nachbarn und Landsleute.

Franz Hutterer ist Vorsitzender des "Südostdeutschen Kulturwerkes e. V." in München und Mitherausgeber der "Südostdeutschen Vierteljahresblätter".