© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. Dezember 2000


Ausgewählte Wahrnehmung
Erinnerungen an den "Roten Holocaust"

Als der Verleger den Autor Hans-Uli Sonderegger bat, Gazetten zu nennen, denen er ein Besprechungsexemplar des Buches über die "Erinnerungen an den Roten Holocaust" senden könne, war die Ratlosigkeit zunächst groß. Darf hier doch derjenige, der das Wort Holocaust in den Mund nimmt, zwischen Information und Meinung nicht trennen. Der Begriff stammt aber aus dem Griechischen und bedeutet "Massenvernichtung, Tötung einer großen Anzahl von Menschen, eines Volkes, vor allem die Vernichtung der Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft". Daß es auch einen "Roten Holocaust" gibt, haben erst jüngst wieder nach den Forschungen von Robert Conquest und Stéphane Courtois gerade auch russische Historiker eindeutig bestätigt.

Die Herausgeber betrachten es als ihre intellektuelle Pflicht, die Massenvernichtungen des zwanzigsten Jahrhunderts überhaupt ins Visier zu nehmen. Eine öffentliche Diskussion über den Roten Holocaust in seiner umfassenden und geographischen Dimension entstand im Grunde erst 1997 mit dem Erscheinen des "Livre noir du communisme" ("Schwarzbuch des Kommunismus", deutsche Ausgabe 1998 mit zwei zusätzlichen Kapiteln über die DDR), doch wurde es bald wieder still um den Roten Holocaust. "Nach einer inoffiziellen Statistik", so die Herausgeber Rothenhäusler und Sonderegger, "steht die Zahl der Publikationen über den Braunen Holocaust und den Roten Holocaust im Verhältnis 500:1". Erheblich beliebter als der Rote Holocaust seien bei den Medien auch Themen wie Kolonialismus, Sklaverei, "Verbrechen des Vatikan" und so fort.

Daß dem Schwarzbuch eine umfangreiche Gegenliteratur folgte, etwa das "Schwarzbuch des Kapitalismus" oder der Sammelband "Roter Holocaust?", in dem 17 Marxisten den Versuch unternahmen, das "Schwarzbuch des Kommunismus in Bausch und Bogen zu verreißen und die Existenz eines Roten Holocaust am Schluß explizit zu verleugnen, konnte nicht verwundern. So kam es zu dem hier in Rede stehenden Titel "Erinnerungen an den Roten Holocaust". Mit dem Wort Erinnerung, so die Autoren, sei angedeutet, "daß wir neben dem Bestreben einer historischen und intellektuellen Vergangenheitserforschung Texte von Menschen in den Mittelpunkt stellen, welche den Holocaust stellvertretend für Millionen am eigenen Leib und an der eigenen Seele erlebt und erlitten haben". Man kann dieses Wort Erinnerung in einem zusätzlichen Sinn verstehen: Erinnerung daran, sich jedenfalls die Fakten auch des Roten Holocaust zu vergegenwärtigen und seinen politischen Gusto bei der Inventur dieses seit 1917 währenden Massenverbrechens außen vor zu lassen – was ein wer-tefreies Zur-Kenntnis-Nehmen wäre.

Diese Erinnerung ist den Herausgebern aus verschiedenen Gründen eindrucksvoll gelungen. Hier scheint ein Stück schweizerischer Demokratietradition hindurch. Die zu Wort kommen, haben viel zu sagen. Kurzbiographien begleiten sie. Und der Leser weiß sich hinsichtlich des Ausgewählten in guten Händen. Der erste Teil faßt den Roten Holocaust von 1917 bis 1999 zusammen. Von Rußland über Polen, die baltischen Staaten, die DDR, Rumänien, Ungarn, die Tschechoslowakei bis nach China, Kuba, Vietnam, Kambodscha und nach Nordkorea, der "letzten Bastion des Stalinismus", reicht die Beschreibung. Den zweiten Teil bestreiten drei Zeuginnen in drei Kapiteln: Erschütternde Tagebuchblätter von zwei Frauen und einem Mädchen (Alja Rachmanowa, Tagebücher 1916–1924; Margarete Buber-Neumann, In Stalins und Hitlers KZ; Ruta Upite – eine lettische Anne Frank). Zu Recht sehen die Herausgeber diesen Teil als das eigentliche Kernstück des Buches an.

Der mit "Faszination – Desillusion – Desinformation" überschriebene dritte Teil des Werkes enthält Zeugnisse gewendeter Ex-Kommunisten. Berühmt sind Beispiele wie Manès Sperber, Arthur Koestler oder George Orwell. Er erörtert die "rot-braunen Verwandtschaften" ebenso wie die "Farbenblindheit der Massenmedien". Die selektive Wahrnehmung der Völkermorde von Armenien, Tibet bis Ruanda bildet ein weiteres Kapitel dieses kenntnisreichen Buches. Dieser schweizerische Beitrag zur aktuellen Debatte kommt zu einer Zeit, da die vorgefertigten Meinungen in den Medien auf den demokratischen Prüfstand gehören.

Gunter v. Bronsart / HBvS

Paul Rothenhäusler / Hans-Ueli Sonderegger (Hrsg.): Erinnerung an den Roten Holocaust. Der Jahrhundertverrat der Intellektuellen, 415 Seiten, br., 77 Fotos, 8 Lagerkarten, Rothenhäusler Verlag, Stäfa (Schweiz) 2000, 34 Mark.