© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 16. Dezember 2000


Die verschwundene Stadt
Auch die Litauer feierten 275 Jahre Schirwindt

Welch hohen Stellenwert die Erinnerungen an die verschwundene Stadt Schirwindt in Neustadt/Litauen besitzen, zeigte sich an einer würdigen Gedenkfeier, die kürzlich in der Aula der Neustädter Schule stattfand. Rund 300 Personen nahmen an der Feier teil, davon ein großer Teil Schüler, der sich sehr interessiert an der Geschichte der untergegangenen deutschen Neustädter Schwesterstadt Schirwindt im Kreis Schloßberg zeigte.

Schuldirektor Romas Eikevicius begrüßte die Anwesenden. Bürgermeister Algimantas Damijonaitis überbrachte die Grüße der Stadt Neustadt in Litauen und wies ebenfalls auf die Bedeutung der einstigen grenzüberschreitenden Beziehungen zwischen Deutschen und Litauern hin. Heute pflege man wieder ausgezeichnete Kontakte zu Menschen, die aus dem Kreis Schloßberg-Pillkallen und besonders aus der Stadt Schirwindt und ihrer Umgebung stammen. Die Geschichtslehrerin Irene Spranaitiene, Gattin des Techniklehrers und eifrigen Schirwindt-Forschers Antanas Spranaitis, gab eine kurze historische Einführung in das Thema. Dann hielt der Autor dieser Zeilen in Neustadt ein Referat, das bereits beim Schloßberger Hauptkreistreffen in Winsen/Luhe als Festbeitrag vorgetragen wurde. In liebevoller Übersetzungsarbeit hat die Neustädter Deutschlehrerin Marite Simanaviciene dieses Referat vorab ins Litauische übertragen und absatzweise während der Feierstunde in der Schulaula so übersetzt.

Stadtheimatpfleger Romas Treideris, intensiver Kenner der Geschichte des Grenzraumes, sprach anschließend über die Beziehungen der beiden Städte Schirwindt und Neustadt in Litauen. Schlielich führte Antanas Spranaitis zwei Videofilme vor, von denen der eine Streifen, eine Kopie eines sowjetischen Propagandafilms aus dem 2. Weltkrieg, zum Teil sensationelle Aufnahmen von der Einnahme Schirwindts und auch Eydtkaus durch die Sowjets zeigt. Beim Schirwindt-Treffen im thüringischen Meiningen sorgte dieses Video ebenfalls für Aufsehen.

Zwei Neustädter Schülerinnen, nämlich Jurgita Kvietinskaite und Gintare Kriaucelinaite, trugen während der Feierstunde die Gedichte "Schirwindt" von M. Hakelberg und "Heimatmelodie" von H. Rauschenbach auf litauisch vor. Auf der Bühne der Aula stand im Kerzenschein das Schirwindter Stadtwappen mit alten Fotos aus dem Schirwindt der Vorkriegszeit.

Nur Stunden später, nämlich am späten Nachmittag des 14. Oktober, befanden sich Antanas Spranaitis und der Autor auf Schirwindter Boden. Diesmal hatten sie etwas Ungewöhnliches mit: Eine Ortstafel mit der Aufschrift "Schirwindt". Spranaitis bildete sie originalgetreu den üblichen leuchtendgelben deutschen Ortsschildern nach. Nach kurzer Diskussion mit dem wachhabenden russischen Offizier wegen angeblich nicht ganz stimmiger Dokumente erlaubte er dann doch die Aufstellung des großen Schildes. Spranaitis hatte auch Werkzeug dabei: Brecheisen, Vorschlaghammer, Säge, mehrere Spaten, Meißel und als Material zwei Stahlpfähle für die Halterung des Schildes. Zwei fleißige russische Grenzsoldaten gingen uns gut zur Hand, hoben die Löcher für die Haltepfähle aus und rammten diese dann in den Schirwindter Boden. Die Restarbeiten wurden beim Schein einer von Spranaitis’ Autobatterie gespeisten Lampe erledigt. Dann war es soweit: Das erste deutsche Ortsschild stand wieder auf ostpreußischem Boden! "Schirwindt" war da zu lesen. Aber anstatt des früheren Zusatzes "Kreis Schloßberg, Reg.-Bez. Gumbinnen" steht nun kleiner "Die verschwundene Stadt" darunter. Denn auch den Schloßberger Kreis und den Gumbinner Bezirk gibt es seit 1945 nicht mehr.

Der Aufstellungsplatz war gut gewählt: Unweit der Pilkaller Straße, die als Zufahrtsweg zur kleinen Grenzwachenkaserne noch besteht, steht nun das Ortsschild für Schirwindt, und zwar direkt über der verwaschenen kyrillischen Inschrift "Kutusowo", wie die Russen den heute von Zivilisten total verlassenen traurigen Rest der 275-jährigen Stadt Schirwindt nach der Eroberung tauften. Jean Charles Montigny