© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. Dezember 2000


Kaufmann, Reeder, Patriot: Über Leben und Werk des Braunsbergers Johann Östreich
Dagmar Jestrzemski über Leben und Werk des Braunsbergers Johann Östreich

Die Erinnerung an Johann Östreich (1705–1833) und sein Braunsberger Handelshaus ist im letzten Jahrhundert durch die Veröffentlichungen von Lokalhistorikern wachgehalten worden. Später wurde die Geschichte dieser Firma durch die Erkenntnis anderer Forscher in Teilen ergänzt. Der geschäftliche Werdegang dieses seinerzeit bekanntesten Braunsberger Kaufmanns zeigt auffällige Parallelen zu demjenigen seines Altonaer Zeitgenossen Hinrich Dultz (1735–1825), der seit 1783 lange Jahre der größte Reeder in der holsteinischen Stadt Altona an der Elbe war und dessen Geschäft ebenfalls im Kriegsjahr 1807 den entscheidenden Stoß erhielt. Während die Firma "Dultz & Söhne" bald darauf zugrunde ging, hielt sich das Braunsberger Handelshaus "Östreich & Söhne" noch jahrelang in einem Schattendasein. Die Verfasserin hat ein umfassende Chronik der Reederei und Familie Dultz verfaßt, die demnächst durch das Deutsche Schiffahrtsmuseum Bremerhaven veröffentlicht werden wird. Die Ähnlichkeit des Verlaufs der beiden Firmengeschichten ist kein Zufall, sondern beruht auf den engen Verflechtungen von Kriegen und Hochkonjunktur der Jahrzehnte bis um 1802/06. Die glänzende Wirtschaftsperiode ebbte im neutralen Dänemark, mit dem Holstein durch Personalunion verbunden war, bereits mit der Elb- und Wesersperre durch Großbritannien im Jahre 1803 deutlich ab, während sie im ebenfalls neutralen Preußen mit dem Krieg gegen das übermächtige Frankreich und seine Verbündeten im Jahre 1806 ihr Ende erreichte. 1807 waren Dänemark und Preußen zwangsweise zu Verbündeten des "Länderfressers" Napoleon geworden, der in der Zeit der Nachwehen der französischen Revolution als neue "Lichtgestalt" erschienen war und sich Europa von Tajo bis zum Nordmeer untertan machen sollte. Sein "Kontinentalsystem" (erlassen im Dezember 1806) sperrte den europäischen Kontinent gegen den Handel mit dem verhaßten Gegner Großbritannien ab, erschwerte durch Einzelbestimmungen aber auch den Binnenhandel. Vollends sorgte die ungebremste Kaperei auf den Weltmeeren für den Ruin ungezählter Reeder und Kaufleute in jenen Kriegsjahren 1807/14. Der preußische und der dänische Staat gingen finanziell erschöpft und wirtschaftlich geschwächt aus den Befreiungskriegen von 1813/14 hervor. Viele Inhaber alter Handelshäuser, die sich über den Krieg hinweggerettet hatten, mußten in den nachfolgenden Jahren schließlich kapitulieren.

Bis zum Kriegsjahr 1806, dem das schicksalsschwere Jahr 1807 folgte, in dem Ostpreußen Kriegsschauplatz wurde, hat der Handel mit Flachs und Flachserzeugnissen (Garn, Leinwand, Leinsamen, Leinöl und Schiffswerg) eine Zeitlang eine überragende Bedeutung für die kleine Stadt Braunsberg an der unteren Passarge gehabt. Die Menschen der armen Bevölkerungsschicht fanden im Winter durch die Flachsbearbeitung und Garnspinnerei Beschäftigung und Auskommen. Während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1776 bis 1783) hatten Schiffahrt und Handel in allen Staaten und Städten, die in diesen Auseinandersetzungen neutral zu bleiben vermochten, enorm an Umfang zugenommen, so auch in Preußen.

Dies verdeutlicht am besten die Zunahme der Königsberger Schiffahrt und des Getreidehandels, insbesondere nach England. Die Landwirtschaft und die Bodenpreise erreichten einen Höchststand in diesen letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, was überall auf den städtischen Handel zurückwirkte. Auch Braunsberg nahm an der allgemeinen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung teil. Seit den Zeiten der Hanse war die sieben Kilometer vom Frischen Haff entfernte kleine Stadt an der Passarge dauerhaft vom Welthandel abgeschlossen gewesen, was in erster Linie auf die schlechte Wasserstraße und den zu kleinen Hafen zurückzuführen war. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts kam Braunsberg als seewärtiger Ausfuhrplatz von Flachs und Garn aus seinem ermländischen Hinterland wieder zu einiger Bedeutung. An diesem Handel hat das Haus von Johann Östreich den größten Anteil gehabt. Die meisten Artikel wurden mit gecharterten Königsberger Schiffen  nach Großbritannien verfrachtet, doch war  Östreich, nachweislich seit 1802,  Teilhaber von wenigstens zwei in Braunsberg beheimateten Barkschiffen, die im Seehandelsverkehr eingesetzt waren. (Wahrscheinlich besaß er aber schon seit den Jahren des nordamerikanischen Krieges Parten von Kauffahrteischiffen.) Bis um 1815/1820 scheinen nur wenige Braunsberger Schiffe den ermländischen Handel vertreten zu haben.

Wegen der Tiefenverhältnisse der Passarge war Braunsberg noch mehr als Königsberg auf flachgelegene Schiffe angewiesen. Die vollgeladenen großen Seeschiffe konnten aber, obwohl sie relativ flach und völlig gebaut waren, sicher nicht immer den Hafen Pfahlbude anlaufen, sondern sie mußten auf dem Haff in der Nähe des Katthakens vor Anker gehen, um ihre Ladung an Galler (Leichter) zu übergeben. Für das Jahr 1803 ist eine Reise des Schiffs "Vigilante" (Inhaber Barth und Östreich) von Altpreußen – wohl von Braunsberg oder Pillau – nach Dublin bezeugt. Von Dublin ging es mit Ballast nach Setubal in Portugal, von dort mit Seesalz zurück nach Altpreußen. Braunsberger Schiffe versorgten damals das ganze Ermland und die dahinterliegenden Landschaften bis nach Polen hinein mit Salz, das als Konservierungsmittel unentbehrlich war.

Aus einem kleinen Kramladen, den Magdalena von Kärpen vor 1739 in Braunsberg eröffnete, wurde unter der Regie ihres Ehemannes Franz Östreich (1711–1785) und seinem Teilhaber Schorn ein gut gehender Kaufladen, der sich stetig in Richtung auf einen Großbetrieb weiterentwickelte. 1748 erhob König August III. von Polen in Wartenburg Östreich und einen anderen bedeutenden Braunsberger Reeder und Handelsmann, Klemens Hanmann, sowie einige Ratsherren zu Patriziern. (1772 endete die fürstbischöfliche Zeit unter polnischer Oberhoheit, und das Ermland mit Braunsberg kam bei der ersten Teilung Polens an Preußen.) Östreich wählte ein Wappen mit einem springenden goldenen Löwen in blauem Feld, das an seinem Haus in der Langgasse und am Löwenspeicher angebracht wurde. 1752 brachte er die Firma in seine Alleinregie. 1750 kam sein erster Sohn Johann zur Welt, der sich zu einem wissenshungrigen Kind entwickelte; man ließ den Jungen daher im Jesuitenkloster zu Braunsberg schulisch unterweisen. Von 1758 bis 1762, während des Siebenjährigen Krieges, hielten die Russen Braunsberg besetzt, und Handel und Wandel gingen zeitweilig zurück. 1767 schickte Franz Östreich seinen Sohn auf die Albertus-Universität nach Königsberg, wo er die Rechtswissenschaften studierte.

Gleichzeitig besuchte er aus Interesse die Vorlesungen von Kant, der 1770 seine Professur für Logik und Metaphysik antrat, und wurde auch von dem berühmten Philosophen nach Hause eingeladen. Im Jahr 1770 kehrte Johann Östreich in seine Heimatstadt zurück, um als "Handlungsdiener" in das Geschäft seines Vaters einzusteigen. Zwei Jahre später durfte er eine Bildungsreise zu den bedeutenden westeuropäischen Handelsplätzen unternehmen, um seine kaufmännischen Kenntnisse zu erweitern und die auswärtigen Partner des väterlichen Geschäfts zu treffen. Die Reise führte ihn nach Hamburg, Amsterdam, London und Hull – die ostenglische Textilstadt war eine Hauptabnehmerin für ermländisches Garn. (So verkehrte nachweislich seit 1800 ein britisches Schnauschiff namens "Braunsberg" ausschließlich in der Flachsfahrt zwischen Braunsberg und Hull.) Dies ist ein Hinweis darauf, daß Franz Östreich sich bereits damals wesentlich auf den Garn- und Flachshandel konzentriert hatte. Friedrich II. erkannte, daß die Östreichs eine zuverlässige Firma waren; er überließ ihnen die Zuckerniederlage für das ganze Ermland und die Verwaltung der Zuckerkasse – Zucker und Salz waren Staatsmonopol. Damit war die Familie von Einquartierung befreit. Johann Östreich heiratete (wohl 1779) eine Tilsiter Kaufmannstochter, Dorothea Dubinski. Seine sechs Kinder überlebte er alle. 1782 wurde er Kompagnon seines Vaters; die Firma hieß seitdem Franz Östreich & Sohn. Friedrich der Große verlieh am 13. Juni 1783 nicht dem Vater, sondern dem 33jährigen Sohn den Titel eines Kommerzienrates, und zwar "wegen seiner bezeigten Industrie und Raffinement zum Besten des Fabrik-Wesens". Der Firmenjunior soll seinem Vater diese Ehrung aus Bescheidenheit verschwiegen haben. Auch wurde er zum Vorsteher der Braunsberger Kaufmannschaft gewählt. Franz und Johann Östreich kauften 1785 noch den "Traubenspeicher" mit der vergoldeten Traube, dem Familienwappen der Familie Schorn, hinzu. Nach dem Tod des Vaters im gleichen Jahr führte Johann die Firma allein fort.

In der Hosangsgasse (später: Neuer Markt) eröffnete er eine Damastfabrik, muß aber das Unternehmen schon 1790 aus Mangel an Facharbeitern wieder schließen. Dennoch liefen die Geschäfte ansonsten gut, denn die Welle der drei Koalitionskriege zwischen den französischen Armeen sowie Großbritannien und seinen Verbündeten (von 1792–1797, 1799–1801 und 1805) brachten Johann Östreich – wie vielen Kaufleuten in den neutralen Staaten – ausgezeichnete Gewinne, wohl auch im Reedereigeschäft. Die preußischen Reeder konnten ihre Schiffe ab 1795, als Preußen sich aus dem europäischen Kriegsgeschehen zurückzog, überaus günstig einsetzen. Sein 1786 erbautes Kontorhaus in der Langgasse mußte erweitert werden, um mehr Kontor- und Speicherraum zu gewinnen. Junge Männer aus Bartenstein, Gerdauen, Frauenburg, aber auch aus dem holsteinischen Rendsburg lernten im Hause Östreich den Flachshandel, um sich später selbständig zu machen. Eine Aufstellung über den Umfang des Garnexports über das Braunsberger Handelshaus Östreich ist in einer Denkschrift gleich nach Johann Östreichs Tod veröffentlicht worden (hier ein Auszug):

1774–1779: 318 000 Bunde

1786–1791: 546 000 Bunde

1798–1803: 600 000 Bunde

1804–1809: 336 000 Bunde

1810–1815: 204 000 Bunde

Die letzten Zahlen spiegeln den Rückgang der Kriegsjahre wider. In 41 Jahren sind es, ins metrische System umgerechnet, 3 784 193 280 Kilometer Garn gewesen. Selbst im Winter, wenn die Schiffahrt ruhte, beschäftigte Östreich bis zu 250 Arbeiter in seinen Speichern. Sie hatten das Garn zu sortieren, zu binden und zu verpacken. Der Gegenwert des exportierten Garns waren Auslandswaren aus erster Hand, die Östreich dementsprechend billig abgeben konnte und die zumeist im Ermland weiterveräußert wurden. Auch an der Ausfuhr nach Amerika soll Östreich teilgehabt haben, wenn er auch keine direkten Verbindungen über den Atlantik hatte. Johanns Söhne Johann Franz und Friedrich Östreich erhielten von 1799 bis 1803 ihre kaufmännische Ausbildung im Hamburger Handelshaus Reimarus Busch, um dann weiter nach England, Schottland, Frankreich und in die Schweiz zu reisen. Dies läßt darauf schließen, daß Handelsverbindungen nun auch mit Partnern in der Alpenrepublik angeknüpft wurden. Noch im Jahre 1805 wurden insgesamt 299 239 Bunde Garn über Braunsberg seewärts verschifft. Doch waren dies die letzten Zeiten des Friedens und Wohlstands. Wegen des allgemeinen Wohllebens begrüßten es die Menschen in Ostpreußen nach wie vor, daß die "aufgeklärte" preußische Regierung und der friedliebende König Friedrich Wilhelm III. auch in den unruhigen Zeiten der napoleonischen Kriege weiter um jeden Preis den Frieden bewahrten. Auch wegen der preußischen Gebietserweiterungen und aufgrund der sich anbahnenden inneren Reformen war der Blick für die bedrohliche außenpolitische Situation in gefährlicher Weise verstellt.

Johann Franz Östreich starb 1805, sein Bruder wurde Kompagnon des Vaters. In den Kriegsjahren 1807/14 haben die Reeder Heinrich Barth, ehemals Prokurist bei Östreich, und Johann Östreich ihre beiden Barkschiffe nicht im Braunsberger Hafen Pfahlbude versteckt, sondern – in der Not der Zeit – wenn irgend möglich zum Einsatz gebracht. Die Schiffe "Vigilante" und "Fama" verschwinden 1808 bzw. 1812 aus den Registern, was in jener Zeit fast immer auf den Raub von Kapern zurückgeht. Da die Braunsberger Flachs- und Garnladungen hauptsächlich – verbotenerweise – nach England gingen, bildeten sie einen besonderen Anreiz für französische Kaper. 1811 reiste Franz Östreich nach Böhmen und Schlesien, um mit den dortigen Webereien als Garnlieferant Kontakte aufzunehmen. Nach Kriegsende besuchte er 1814 England. Während des Krieges waren viele Handelsverbindungen abgebrochen, und es gelang trotz der Werbereisen nicht mehr, die alten Fäden wieder anzuknüpfen. Die ermländische Garnproduktion bewegte sich seitdem dauerhaft auf einem schwankenden, niedrigen Niveau. In Englang waren Textilmaschinen eingeführt worden; dies bedeutete, daß die Qualität des von Hand gearbeiteten ermländischen Garns den ehemaligen Käufern nicht mehr genügte. Die im Ermland angebauten Flachssorten scheinen außerdem eine vergleichsweise schlechtere Qualität gehabt zu haben, und der Flachsanbau nahm ab, da er relativ mühselig war. Mit Getreide konnte der Landmann leichter Geld verdienen. Der Braunsberger Flachshandel schleppte sich noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hin, um dann ganz aufzuhören.

Friedrich Östreich verstarb bereits 1828, so daß Johann Östreich in seinen letzten Lebensjahren allein dastand. Für 1828 ist bezeugt, daß die Firma Östreich & Söhne mit Getreide, Erbsen und Bohnen handelte. Johann Östreichs Lebensgeschichte ist im wesentlichen von Schulmännern geschrieben worden, da er sich in seiner zweiten Lebenshälfte für das Schulwesen in Braunsberg eingesetzt hat.