© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 24. Februar 2001


KBW:
"Unser Führer – Joscha Schmierer"
Ex-Kommunisten-Chef und Pol-Pot-Anhänger wirkt jetzt im Planungsstab des Außenamts
(Werner Olles)

Nach Ortega y Gasset ist das Leben ein einziger Schiffbruch. Für einige 68er-Protagonisten trifft dies offensichtlich nicht zu. Einer dieser Glückspilze, deren Anpassung an die bürgerliche Gesellschaft – wenn auch mit deutlicher Verzögerung – völlig klaglos funktioniert, war der Heidelberger SDS-Funktionär und spätere 1. Sekretär des ZK des "Kommunistischen Bund Westdeutschland" (KBW), Hans Gerhart "Joscha" Schmierer. Ende 1969 gehörte Schmierer zu jenen Kadern des SDS-Bundesvorstandes, die unter der Parole "Liquidation der antiautoritären Phase" die Auflösung des Verbandes zugunsten einer weitgehend unkritischen Adaption an die von den Kommunistischen Parteien Chinas und Albaniens bevorzugte Auslegung des Marxismus-Leninismus und der Mao-Tse-tung-Ideen betrieben.

Aus den Resten der im Juni 1970 vom  baden-württembergischen Innenminister verbotenen letzten aktiven Hochschulgruppe des SDS in Heidelberg gründete Schmierer die "Kommunistische Gruppe/Neues Rotes Forum" (KG/NRF) die sich drei Jahre später gemeinsam mit diversen anderen lokalen kommunistischen Zirkeln in "Kommunistischer Bund Westdeutschland" umtaufte. Im Gegensatz zu den Führern der übrigen ML-Gruppen betrachtete Schmierer den KBW jedoch nicht als Reinkarnation der alten KPD, sondern vorläufig nur als "Parteiansatz". Gleichwohl ließ man sich beim Bundeswahlleiter registrieren, um an Wahlen teilnehmen zu können und dadurch die "Klassen- und Volkskämpfe zu forcieren".

Es gelang dem KBW innerhalb kurzer Zeit dank eines üppigen finanziellen Polsters, eine relativ schlagkräftige und mobile Organisation aufzubauen. Nach der von der Führung ausgegebenen Parole "Die Kapitalisten mit dem Geldsack schlagen" wurden Kandidaten, Anwärter und Mitglieder rigide zur Kasse gebeten. Üblich war ein Mitgliedsbeitrag von mindestens zehn Prozent des Bruttoeinkommens. Gedrungen wurde aber auch auf die mehr oder weniger freiwillige Überschreibung von Erbschaften. So kamen recht stattliche Summen zusammen, die es der Organisation erlaubten, einen ansehnlichen Stamm hauptamtlicher Mitarbeiter zu beschäftigen sowie eine Flotte schwedischer Saab-Limousinen und dazu in ihrem nach Frankfurt verlegten Hauptquartier eine eigene Druckerei und Buchläden in allen größeren Städten zu unterhalten.

Klaus Theweleit, der linke Autor des Bestsellers "Männerphantasien", hat den KBW seinerzeit zutreffend als "stalinistische Sekte mit terroristischer Gruppenstruktur" bezeichnet. Daß es Schmierer und seinen Epigonen im "Ständigen Ausschuß" des Zentralen Komitees dennoch gelang, sich zehn Jahre über Wasser zu halten – auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung zählte der KBW immerhin 2600 Mitglieder, dazu kamen noch einmal ca. 2000 Mitglieder der "Kommunistischen Hochschulgruppe" (KHG) und ebensoviele der "Gesellschaft zur Unterstützung der Volkskämpfe" (GUV) –, gehört zu jenen Phänomenen, die bis heute unerklärlich sind. Intelligente und sensible Anhänger, die von dem in der Organisation herrschenden Leistungsdruck und Gruppenzwang, der bis in die Privatsphäre reichte, abgestoßen waren, verließen den KBW in der Regel bereits nach kurzer Zeit. Andere ließen sich jedoch auch von dümmlichen Parolen ("allgemeine Volksbewaffnung"), einer sektiererhaften Kadersprache ("Wenn die Arbeiter streiken, ist das gut und nicht schlecht") und den rüden Amokläufen gewalttätiger Fanatiker über Jahre hinweg nicht abschrecken.

In die schlimmsten Selbstzweifel wurden jene Mitglieder und Sympathisanten, die sich trotz der üblichen Gehirnwäsche noch Reste ihres eigenen Verstandes bewahrt hatten, durch die blinde Verehrung der kambodschanischen Massenmörder um Pol Pot und seine Clique durch die KBW-Führung gestürzt. Als überall schon längst bekannt war, daß die "Roten Khmer" nach vorsichtigen Schätzungen fast ein Drittel – etwa zwei Millionen Menschen – ihres eigenen Volkes ausgerottet hatten, besuchte eine Delegation unter der Leitung Hans Gerhart Schmierers das "Demokratische Kampuchea" und war nach ihrer Rückkehr voll des Lobes über den "Aufbau des Sozialismus" durch die dortigen Genossen. Auf den Massenmord der "Steinzeitkommunisten" angesprochen, reagierte man sehr aggressiv: dies seien "alles Lügen der bürgerlichen Medien". Im übrigen würden, wo gehobelt wird, auch Späne fallen, und um die paar notorischen Volksfeinde sei es ohnehin nicht schade. Neben Pol Pot gehörte auch der damalige Zanu-Chef in Rhodesien, Robert Mugabe, der heute Zimbabwe endgültig ruiniert, zu den ausgesprochenen Favoriten des KBW und wurde mit Millionen unterstützt. Ein weiterer Adressat der "internationalen Solidarität" des KBW war der blutrünstige zairische Diktator Mobutu.

1983 läutete auch für den KBW endlich das Totenglöcklein. Zuvor hatten Schmierer & Co. jedoch noch einmal kräftig abgesahnt und ihr verrottetes Hauptquartier samt Grundstück für 30 Millionen Mark an die Commerzbank verscherbelt. Anschließend feierten die Funktionäre in Frankfurt mit Schampus ihren Abschied von der "Jeunesse dorée", begleitet von den höhnischen Sprechchören der Sponti-Linken: "Unser Führer – Joscha Schmierer". Der mutierte ohne größeres Aufsehen zum linksliberalen Grünen und warnte 1989 in der von ihm redigierten "Kommune" vor einem "Zusammenschmeißen der beiden deutschen Gesellschaften", das "aus Gründen der Demokratie und der Chance einer zivilen Entwicklung vermieden werden muß".

Als letzte Utopie erschien dem sich nun wieder Joscha nennenden Schmierer "der europäische Gedanke". Der Euro "schließe den Spannungsbogen zwischen dem Alltag der Individuen und der großen europäischen Politik". Fragen nach der Identität Europas, seinen Grenzen und seinem kulturellen und historischen Raum bügelte er als "Euro-Philosophie mit Spenglerschen Neigungen" kurzerhand ab. Und jene "DM-Fetischisten", die nicht an den speziellen Schmiererschen Internationalismus, an die Globalisierung der Menschenrechte und an die Uno glauben wollten, bescheinigte er, "Gefahr zu laufen, sich mit rot-brauner Sauce zu bekleckern".

Derartige Gesänge prädestinieren einen offenbar für einen schönen Posten im – von Insidern geradezu ehrfürchtig "Gehirn" genannten – elfköpfigen Berater- und Planungsstab des Auswärtigen Amtes. Dorthin berief ihn nämlich 1999 unser Bundesaußenminister, und seitdem leuchtet dieser verglühte Stern des Marxismus-Leninismus und der Mao-Tse-tung-Ideen nun über der deutschen Hauptstadt. Daß Schmierer bis heute große Mühe hat, die damals entworfenen Problembezüge kritisch zu betrachten, dokumentieren seine aktuellen nostalgisch-blassen Rechtfertigungstexte im "Tagesspiegel" ("Demokratie ist kein Deckensticken") und der "FAZ" ("Wer wir waren") anläßlich der Debatte um die dubiose Vergangenheit seines Dienstherrn. Kein einziges Wort der Entschuldigung für die von ihm mit zu verantwortende politische Schauerromantik der siebziger Jahre mit ihren angedrohten "Revolutionsgerichten" und "Knieschüssen" für "Abweichler" und "Kleinbürger". Kein Wort über die unter seiner Ägide angerichtete psychische Zerstörung naiver junger Menschen, die an ihn und den von ihm propagierten Irrsinn glaubten, den er jetzt im nachhinein zum "Happening" stilisiert.

So gesehen haben wir also noch einmal Glück gehabt, daß diese Figuren, in deren Köpfen die Stacheldrahtzäune für alle Andersdenkenden längst ausgerollt waren, damals noch nicht an die Macht gekommen sind. Aber allein die gruselige Vorstellung reicht, um sich schlaflos im Bett zu wälzen.

(Abruck erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Gegengift")