© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 17. März 2001


Die unbekannte Seite der Medaille
Annerose Matz-Donath über deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen

An diesem Buch, dem 130 Aussagen betroffener Zeugen zugrunde liegen, lassen sich die beiden furchtbaren Seiten der Medaille des 20. Jahrhunderts zwar erfassen, aber nicht begreifen. Trotz des Durchbruchs der Demokratie, des technischen Fortschritts, der Charta der Menschenrechte und anderer Segnungen wird es wohl dennoch als Zeitalter der international- und nationalsozialistischen Massenmorde in die Geschichte eingehen. Die Greuel der zwölfjährigen NS-Diktatur sind bis heute verhältnismäßig gut aufgearbeitet und dargestellt worden, obwohl es immer Leute gibt, die vieles davon leugnen oder einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Solche Personen können sogar gerichtlich belangt werden.

Die andere Seite der Medaille wurde zum Beispiel durch den Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn oder das 1998 erschienene "Schwarzbuch des Kommunismus" in seiner sogar umfangreicheren Dimension zwischen 1917 und 1989 zwar schon einigermaßen erfaßt, jedoch längst nicht auf nachvollziehbare Weise ins Bewußtsein der Zeitgenossen oder gar über Schulbücher, Filme und faszinierende Lektüre in die Vorstellungswelt der Nachgeborenen gerückt. Die Symbole der internationalen Sozialisten samt der Porträts ihrer führenden Massenmörder dürfen hingegen öffentlich und straffrei verbreitet werden.

Das Buch der Autorin Matz-Donath, die selber fast zwölf Jahre aus rein politischen Gründen in den KZ-Lagern der SBZ und den Zuchthäusern der "DDR" verbringen mußte, ist anschaulich und auf furchtbare Weise faszinierend. Man darf deshalb nicht vergessen, daß bei den hier aufgezeigten Fällen nur ein Segment aus dem Ganzen zur Sprache kommt, nämlich ein winziger Teil jener Opfergruppe von Frauen, die einst vor einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt wurden. Solche Schicksale wie die hier geschilderten gab es gleichfalls unter Männern und Frauen, die ohne jedes Urteil in sogenannte Speziallager der Russen gesperrt worden waren. Und schließlich gab es jene, die man mit oder ohne Urteil, was unter diesem roten Terrorsystem ohnehin im Bezug auf Rechtsstaatlichkeit, Fairneß, Schuld und Wahrheit ohne Bedeutung war, ans Ende der Welt, also nach Sibirien, verschleppt hatte. Zu Tode kamen die meisten dort auch ohne Todesurteil.

Damit soll nur darauf hingewiesen werden, daß es viel aufzuarbeiten oder zumindest ins öffentliche Bewußtsein zu bringen gilt. Das vorliegende 550-Seiten-Buch dürfte Maßstäbe setzen, selbst wenn aus verständlichen Gründen die überlebenden Opfer oft nur bereit waren, anonym über ihre erlittene Haftzeit zu sprechen. Zumal es nur einer selber Betroffenen gelingen konnte, so viele ehemalige Haftkameradinnen zum Öffnen dieser oft verdrängten, verschlossenen Erinnerungen zu bringen, die folglich wieder tiefe, schmerzhafte Wunden aufrissen. Weiterhin wird dieses Buch unweigerlich den Vergleich mit den Opfern der NS-Diktatur herausfordern. Das ermöglicht, Spezifisches, also Unterschiedliches festzustellen, doch leider wohl mehr Gemeinsamkeiten, was freilich nur diejenigen erschrecken wird, die nie die totalitäre Wirklichkeit einer der beiden Diktaturen aus der Opferperspektive erleben mußten.

Wir hatten zum Beispiel eine Russin in der Zelle, die hatte auch die Nummer vom KZ auf dem Arm. Die sagte immer, nicht nur einmal: "Mein Gott, gegen hier ist es mir ja in Deutschland im KZ geradezu blendend gegangen!"

Wer sich bei bestem Willen trotzdem schlecht vorstellen kann, was hier in diesem Buch authentisch geschildert wird, sollte vielleicht einmal den Überlegungen des jüdisch-russischen Dichters Joseph Brodsky nachsinnen. Der deutsche Schriftsteller Hans Christoph Buch schrieb in seinem Suhrkamp-Büchlein "An alle!": Auf einer Podiumsdiskussion in Amherst, Massachusetts, überraschte mich der russische Dichter Joseph Brodsky mit der Frage, wo ich lieber ermordet worden wäre: in Auschwitz oder im GULag? Er selbst, fügte Brodsky hinzu, hätte den schnellen Tod in einem deutschen KZ dem langsamen Dahinsiechen in einem sowjetischen Straflager vorgezogen. Der Literaturnobelpreisträger Brodsky ist ein unverdächtiger Zeuge: er ist jüdischer Herkunft, "ein Teil seiner Familie fiel dem Terror der SS-Einsatzgruppen zum Opfer", und wurde in der Sowjetunion zu Zwangsarbeit und Verbannung verurteilt, bevor er 1972 nach New York ausreisen durfte, wo er seither lebt. In seiner Rede zur Entgegennahme des Nobelpreises hat er Stalin, im Vergleich zu Hitler, als das größere Übel bezeichnet, weil der georgische Despot länger geherrscht und mehr Menschenleben auf dem Gewissen habe ...

Dieser Satz aus seiner Nobelpreisrede wurde in der deutschen Übersetzung einer großen deutschen Wochenzeitung gestrichen. Und solche Zensur hält in Deutschland noch immer an, nein, sie ist sogar schlimmer geworden. Deshalb darf sich keiner wundern, daß so ein Manuskript mit den grausamen Erinnerungen unschuldig verurteilter Frauen viele Verlage abgelehnt hatten, sogar der ansonsten mutige Verleger Herbert Fleissner.

Tausende durch Stalins Satrapen verurteilte Frauen kamen nach ihren Foltertorturen erst in das Nazi-KZ Sachsenhausen, das die "Befreier" neben Buchenwald nun ihren Zielen und Bedürfnissen unterstellten, bevor 1300 unschuldig Verurteilte anschließend unter Ulbrichts Verantwortung in die sächsische Burg Hoheneck gepfercht wurden. Nicht nur der bekannte Schriftsteller und Herausgeber der "Hohenecker Protokolle", Ulrich Schacht, war dort unter unsäglichen Bedingungen "zur Welt" gekommen, wie es so schön wie falsch heißt. Insgesamt wurden etwa 1000 Kinder ihren Müttern entrissen, ebenso viele Kinder und Jugendliche von neun Jahren an wurden von den Sowjets allein im KZ Buchenwald eingesperrt. Dazu Annerose Matz-Donath: Noch niemand schrieb bisher auf, was diese Kinder litten, deren Müttern heute in Moskau bescheinigt wird, daß sie seinerzeit "ohne Grund und Ursache" und "aus politischen Motiven" verhaftet und zu so hohen Strafen verurteilt wurden, als wolle man sie lebendig begraben.

Bis zur Gründung der "DDR" kamen mehr als 10 000 Jugendliche in sowjetische KZs, auch Spezial- oder Schweigelager genannt. Mindestens 3424 dieser halben Kinder ("drei und ein halbes Tausend!") haben, ebenfalls laut sowjetischer Aktenauskunft, die Haft nicht überlebt. Die Blutorgien der französischen Revolution, die sich in den beiden Weltkriegen fortsetzten, kamen selbst zu Friedenszeiten in beiden deutschen Diktaturen nicht zum Stillstand. Die sowjetischen Befreier wüteten so, wie sie es seit Lenins Ära im eigenen Land gewohnt waren, und erfüllten leider alle schlimmen Voraussagen der Nazi-Propaganda. Als 1946/47 fast die gesamte Jugend eines Dorfes von den Sowjets wegen angeblicher Werwolftätigkeit verhaftet worden war, fragten sich später die überlebenden Opfer, wer den Russen die Namen der Jugendlichen zugespielt haben mag: Ja, es ist auch rausgekommen, wer die Liste gemacht hat. Aber als wir nach vielen Jahren wieder nach Hause kamen, was hat uns das genutzt? Heute (nach der Wende) leben die alle nicht mehr. Es waren Deutsche, alles Deutsche! Alte Nazis. Keine Flüchtlinge etwa, alles Ansässige hier, die man all die Jahre kannte. Die waren jetzt sooo russenfreundlich. So, haben die nun gedacht, sie können uns ordentlich eins auswischen, der Jugend. Und dann ging es denn los mit Verhaftungen.

Die Jahre des verklärten "Aufbaus des Sozialismus" in der "DDR", in Wirklichkeit ein wahres Horrorgemälde, wenn man heute die Zeugnisse derer zur Kenntnis nimmt, die nicht Geschichte machen wollten, sondern sie erleiden und bis zum Ende des Regimes sogar verschweigen mußten. Diese geballte Ladung furchtbarer Erinnerungen an die stalinistische Hoch-Zeit auf deutschem Boden wird durch die Autorin kenntnisreich moderiert, ansonsten könnte man oft diese infernalischen Verbrechen, die an den Frauen begangen wurden, kaum aushalten. So wird übrigens einige Male über das Motto "Verraten und verkauft" reflektiert. Das Ungeheuerliche, was nicht im Buch steht, ist das Verhalten des frei gewählten Bundestages, des Bundesrates und der Bundesregierung: Sie ließen es an verantwortlicher Stelle geschehen, daß die Opfer dieser zweiten deutschen Diktatur erst einmal nur die Hälfte jener sogenannten "Haftentschädigung" erhielten, die man solchen Verbrechern wie Willi Stoph und Erich Mielke zum Beispiel ohne Skrupel sofort auszahlte. Von der offiziellen Anerkennung der NS-Opfer, die sich berechtigterweise durch angemessene Entschädigungs- und Versorgungsleistungen sowie besondere Fürsorge ausdrücken, können die Opfer des Kommunismus als Opfer dritter Klasse nur träumen. Ansonsten scheint sich die bundesdeutsche Gesellschaft samt ihrer Justiz eher zum Täterschutz zu bekennen, denn sie hat die KGB- und Stasi-Opfer rechts abgestempelt und links liegen gelassen, zumindest zu jämmerlichen Bittstellern degradiert.

Gestorben wurde in sowjetischer, kommunistischer Haft auf vielerlei Weise: an Hunger, Entkräftung, an unbehandelter Krankheit. Oft waren die Lebensbedingungen als perfekte Sterbeverhältnisse organisiert.

Schnell sind die Linken mit der Singularitäts- oder Faschismuskeule zur Hand, um jeden Vergleich der NSDAP- mit der SED-Diktatur abzuwürgen. Auch wenn es unter den Kommunisten in diesem europäischen Bürgerkrieg im Vergleich zu den Nazis im Kriegszustand keine so perfekte Massentötung gegeben haben mag, so gibt Annerose Matz-Donath dennoch die plausible Antwort: Nein, das hat es in den Sowjet-KZs Sachsenhausen und Buchenwald und im Spezlag Bautzen nicht gegeben. Aber die völlige Isolierung "so total, wie sie selbst die Nazi-KZs nie kannten!", dazu keine Arbeit und mindestens zwei Jahre lang bis auf die Knochen hungern und frieren, da tut die Natur ganz allein ihr trauriges Werk.

Selbstverständlich finden solche Bücher keine Fürsprecher in einem "Literarischen Quartett" oder auf Bestsellerlisten; doch gerade diese Bücher sind und bleiben immer das Gewissen unserer dezimierten, auf den Hund gekommen Nation. Die Überlebenden dieser Torturen erkennen: Die bürgerliche Gesellschaft wählt lieber die Versöhnung mit der Lüge, als daß sie sich zu Reflexionen aufschwänge, die nach Václav Havel ein "Leben in der Wahrheit" ermöglichten. Die metaphysischen Interessen der Menschen bedürfen, so Adorno, der ungeschmälerten Wahrnehmung ihrer materiellen. Solange sie besonders den Opfern der kommunistischen Gewaltherrschaft und dem ehemals Widerstand Leistenden vorenthalten werden, leben die demokratisch gewählten Machthaber wie Hehler in schuldhafter Verstrickung. Nur das, was sich zu entschuldigen sucht, selbst wenn es außerstande ist, es einzulösen, ist das, was entschuldigt werden kann, allein schon der Hoffnung wegen. Siegmar Faust

Annerose Matz-Donath: "Die Spur der roten Sphinx – Deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen". Verlag Siegfried Bublies, Schnellbach, 2000, ISBN: 3-926584-11-4, 480 Seiten und 48 Seiten Fotodokumentation im Anhang, 48 Mark