© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. April 2001


Künstler und Konzerte
Musikleben in Königsberg
von Otto Besch

Die Stadt am Pregel war von je musikliebend und musiktätig gewesen. Am Dom wirkten im 17. Jahrhundert Heinrich Albert, Johann Eccard und Stobäus, Männer, die nicht nur in der Königsberger Lokalgeschichte Bedeutung haben. Im 18. Jahrhundert Johann-Friedrich Reichardt, als Sohn Königsbergs zu verzeichnen, zu Beginn des 19. E. T. A. Hoffmann, der von allen Künsten und nicht zuletzt auch von der Musik Entflammte. Ist er doch als einer der ersten Vorkämpfer Beethovens ebenso bedeutsam wie als Komponist, dessen Werke man heute noch mit Genuß hören kann. Im 19. Jahrhundert schenkte der Königsberger Otto Nicolai der Welt mit seinen "Lustigen Weibern" eines der wenigen klassischen Musiklustspiele der Weltliteratur. Adolf Jensen und Hermann Goetz waren Königsberger Komponisten, die bis heute in ganz Deutschland ihren Ruf bewahrt haben.

Auch für das Konzert- und Theaterleben ist die historische Untermauerung bis ins 18. Jahrhundert nachweisbar. Das wäre in wissenschaftlichen Darstellungen nachzulesen. Tatsache ist, daß der Königsberger seine Konzerte, ob sie in privaten Räumen oder im Artushof stattfanden, liebte und besuchte. Er hat es immer verstanden, bedeutende Künstler nach Ostpreußen zu ziehen. Karoline Unger, die berühmte Beethoven-Sängerin und Freundin des Meisters, hat 1821 in Königsberg gesungen. Im Jahre 1819 konzertierte hier der Klaviervirtuose Franz Xaver Wolfgang Mozart, der jüngste Sohn des großen Komponisten.

Die Königsberger Oper darf in der Reihe ihrer Dirigenten auf Richard Wagner weisen, der allerdings nur für kurze Zeit in Erscheinung trat. In ihren Spielplänen war sie stets darauf bedacht, den Hörer mit allem bedeutsamen Neuen auf dem laufenden zu halten. So brachte sie 1876 unter Stägemann die deutsche Uraufführung von Bizets "Carmen". Ein besonders ehrenvolles Datum. In den Sinfonie- und Künstlerkonzerten musizierten die größten Künstler ihrer Zeit, unter denen Johannes Brahms ebensowenig fehlte, wie Franz Liszt (der Königsberger Ehrendoktor), Joachim, Sarasate, Rubinstein, Hans von Bülow und die zahllosen Gesangsgrößen von Rang und Namen. Wie fast überall in deutschen Landen war auch der Königsberger Musikfreund vorwiegend konservativ eingestellt. Ein Beethovenabend war immer ausverkauft, Konzerte mit Neuerscheinungen brachten ein Defizit. Das hing natürlich in gewisser Weise auch von der Führung durch die Presse ab. Diese hatte in Louis Köhler, dem einst berühmten Klavier-Pädagogen, und Konstanz Bernecker zwei bedeutsame Pioniere des Fortschritts. Beide waren Bannerträger der Zukunft der Musik Wagners. Bernecker auch schon für Richard Strauß.

Auf der anderen Seite stand, allerdings etwas später erst, Gustav Dömpke. Gleichzeitig mit ihm wirkte in Königsberg um die Jahrhundertwende Ernst-Otto Nodnagel, ein fanatischer Apostel des Fortschritts, einer der ersten Pioniere Hugo Wolfs. Zwischen ihm und Dömpke war sofort Urfehde angesagt. Unter dem Titel "Kannegießer als Erzieher" ließ Nodnagel eine Broschüre erscheinen, in der das "Diobskurenpaar" Dömpke und Emil Krause (damals Literaturpapst der Hartungschen Zeitung) unbarmherzig mit Spott übergossen wurde.

Dömpke ließ sich dadurch nicht im geringsten anfechten. Wagner und Bruckner wurden bei jeder Gelegenheit aufs schärfste angegriffen. Ganz zu schweigen von Richard Strauß, Reger und Pfitzner.

Mit der Gründung des "Bundes für Neue Tonkunst" durch Paul Hölzer wurde alles Neue systematisch gepflegt und zur Diskussion gestellt. Es wehte ein frischer Wind, und allzulange aufgestapelte Vorurteile wurden weggefegt, ohne daß ein gesundes kritisches Gefühl dabei Schaden litt. Der "Bund" eröffnete seine Tätigkeit zu Beginn der sogenannten Systemzeit. Die Kunst stand damals im Stadium des Gärens und zeitigte oft höchst unerquickliche Erscheinungen. Das Prinzip der Atonalität wurde in Wort und Tat durchgefochten. Generalmusikdirektor Dr. Hermann Scherchen (Symphoniekonzerte Rundfunk) und der Intendant der Oper, Dr. Hans Schüler, haben alles irgendwie Repräsentative des neueren und neuesten Musikschaffens in vorbildlichen Aufführungen dargeboten. So fanden Hindemith, Strawinsky, Alban Berg und andere schon einen ganz anderen Nährboden, als es noch wenige Jahre zuvor möglich gewesen wäre. Königsberg war in jener Zeit ein Tuskulum des musikalischen Fortschritts. Das künstlerische Niveau der Aufführungen lag so hoch, daß der Widerhall bis weit ins Reich drang. Das Tonkünstlerfest des Allgemeinen Deutschen Musikvereins 1930 gab mit seinen vorbildlichen Aufführungen neuer Orchester- und Chorwerke unter Scherchen, mit Alban Bergs "Wozzeck" und der Uraufführung von Tochs "Fächer" im Opernhaus ein Bild dieser musikalischen Hochblüte.

Nach 1933 ging das Königsberger Musikleben mehr in die Breite als in die Tiefe. Bei der oft wechselnden Leitung im Opernhaus war nicht mehr die Sicherheit des kulturellen Instinkts bemerkbar, die kurz zuvor so schöne Früchte zeitigte.

Der jahrzehntelangen Kulturarbeit des städtischen Orchesters darf nur mit größter Dankbarkeit gedacht werden. Unter Max Brode, Ernst Wendel, Paul Scheinpflug, Rudolf Siegel, Wilhelm Sieben, Ernst Kunwald, Hermann Scherchen, Bruno Vondenhoff und Wilhelm Franz Reuss hat es in zahllosen Konzerten den Klassikern gedient, doch ebenfalls alles irgendwie bedeutungsvolle Neue den Königsbergern unterbreitet. Nicht minder rege war die Pionierarbeit des Rundfunkorchesters, das unter Erich Seidler, Leo Borchardt, Hermann Scherchen und Wolfgang Brückner ebenfalls ein Riesenmaß von Arbeit geleistet hat und u. a. der instrumentale Hauptträger des Tonkünstlerfestes 1930 war.

Bemerkenswerter noch als die Existenz von zwei Orchestern war die Tatsache, daß Königsberg 1923–25 zwei Opernhäuser besaß. Anstatt, wie es mancher wohlhabende Mann zu tun pflegt, sich einen Rennstall zu halten, ritt Bruno Dumont du Voitel (ein Königsberger Großkaufmann) das Steckenpferd des Opernintendanten. Seiner ganz privaten Initiative, seinem Privatkapital war die "komische Oper" zu danken, in der ein sehr interessanter Spielplan in beachtlichen Aufführungen abrollte. Leider war dem Unternehmen nur eine kurze Lebensdauer beschieden.

In hoher Blüte stand in Königsberg von je das Chorwesen. Die beiden ältesten gemischten Chöre, Musikalische- und Singakademie, schlossen sich nach 1933 zu einer Vereinigung zusammen. Ihre vorbildlichen Aufführungen der großen Meisterwerke von Bach, Beethoven und Brahms klingen über das Trümmerfeld Königsberg in der Erinnerung ebenso nach wie die Konzerte des Domchors, die stets Kammermusik waren, und die programmatisch oft sehr anregenden Abende des Bachvereins und des Lehrergesangvereins.

Eine stille, innige Liebe hatte der Königsberger Musikfreund von je zur Kammermusik. Sie wurde schon im 18. Jahrhundert in den Stadtpalais einiger Aristokraten im Kerzenschimmer der Rokokozeit gehegt und gepflegt. Diese private Pflege, von der nur wenige wußten, hielt bis ins 20. Jahrhundert an und gedieh in den Häusern einiger Königsberger Ärzte bis zu höchster künstlerischer Reife. Öffentlich trat sie in Erscheinung in den Konzerten des Brode-Quartetts und des Wendel-Quartetts (mit Ernst Wendel, Hedwig Braun, Paul Binder, Fritz Herbst). Diese Abende im kleinen Saal des Deutschen Hauses wird niemand vergessen, der sie miterlebt. In späteren Jahren haben das Königsberger Trio mit Sophie Arnheim, Hedwig Hulisch und Kurt Wieck, das Königsberger Streichquartett mit August Hevers und das Peter Esser-Quartett diese Tradition fortgesetzt.

Seit 1919 war der lange verwaiste musikwissenschaftliche Lehrstuhl an der Universität wieder besetzt und durch die Initiative Prof. Müller-Blattaus mit einem musikwissenschaftlichen Seminar und einem Institut für Kirchen- und Schulmusik verbunden. Diese blieben auch für die weitere Dauer die einzigen musikalischen Bildungsstätten auf staatlicher Grundlage. Die beiden Konservatorien – zu denen später noch ein drittes sich gesellte – lagen in privaten Häusern. Der immer wieder unternommene Versuch der Gründung einer staatlichen Hochschule für Musik scheiterte. Man folgte wohl der richtigen Einsicht, daß Königsberg auf die Dauer in gesamtkultureller Beziehung kein so anziehender Mittelpunkt gewesen wäre wie Berlin, Leipzig, Köln oder Frankfurt a. M., ganz abgesehen von seiner exponierten geographischen Lage.