© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. Juni 2001


Kleine Kolonie, große Prominenz:
Daheim bei Heinz Erhardt
Hirschenhof – eine deutsche Bevölkerungsinsel in Lettland
von Gustav Gangnus

Die Ostseemetropole Riga feiert dieses Jahr ihr 800jähriges Bestehen. Jahrhundertelang war die Stadt an der Dünamündung ein bedeutendes Mitglied der Hanse, von deutscher Kultur geprägt, von deutschen Kaufleuten dominiert. Das aktuelle Jubiläum lenkt unseren Blick auf diese und andere deutsche Einflüsse im Baltikum.

Zu den fast vergessenen Spuren zählt eine ländliche Siedlung, die in diesem Jahr, wenn sie noch existierte, 235 Jahre alt würde: Hirschenhof. Es soll im weiteren aber nicht nur an diese "Kolonie" selbst erinnert werden, die nie mehr als 2000 Einwohner gezählt haben dürfte, sondern auch an ihre Nachkommenschaft. Diese belief sich schließlich auf das Zehnfache und machte einen beträchtlichen Anteil der Deutschbalten aus, die 1939 "freiwillig gezwungen" (Dietrich Loe-ber sprach von "diktierter Option") ihre Heimat verlassen mußten.

Nach dem Regierungsantritt der deutschblütigen Zarin Katharina II. im Jahre 1762 wurde von der russischen Krone eine aktive Einwanderungspolitik betrieben, um "human capital", wie der englische Osthistoriker Roger Bartlett es nannte, aus dem Westen ins Land zu holen.

Das Humankapital, im Zeitalter des Merkantilismus als wesentlicher Wirtschaftsfaktor eines Staates erkannt, wurde zur "Peuplierung", das heißt Auffüllung schwach besiedelter Landschaften angeworben, die durch Kriege und Seuchen entvölkert oder von Natur aus in Folge der Ungunst des Klimas und der schwachen Bonität des Bodens nicht erschlossen waren.

An die 30 000 Menschen folgten den Werbemanifesten der Zarin aus den – vor allem deutschen – Territorien, die noch keinen Auswanderungsstop erlassen hatten. Sie sammelten sich 1765-67 vor den Toren Lübecks. Die Kaufmannsstadt wurde durch den Ansturm einer großen Belastungsprobe unterzogen und in ihrer Aufnahmekapazität und Logistik regelrecht überfordert.

Monatelange Wartezeiten mußten in Kauf genommen werden, bis Segelschiffe die Menschen über die Ostsee brachten und man sie in Oranienbaum gegenüber dem russischen Inselhafen Kronstadt in Gruppen einteilte, die dann konkrete Siedlungsverträge mit Rechten und Pflichten abschlossen.

Unter den Neuankömmlingen befand sich eine Gruppe von Kurpfälzern, die gerade fünf Jahre lang im Auftrag des dänischen Königs Heide und Moor in Jütland und Holstein zu kultivieren versucht hatten, aber an den ungünstigen Bedingungen gescheitert waren. Jetzt stand ihnen tiefgründiger, unerschöpflicher Boden, wie ihn die Werber ausmalten, in unbegrenzter Fülle und Qualität vor Augen.

Etwa 90 Prozent dieser Rußlandeinwanderer wurden in der Steppe an der unteren Wolga um Saratow angesiedelt – die späteren sogenannten Wolgadeutschen. Ein Teil fand Verwendung in Ingermanland um die Hauptstadt St. Petersburg herum. Rund 300 Seelen wurden nach Livland geschickt, auf die menschenarme Krondomäne Hirschenhof-Helfreichshof, hundert Werst (107 Kilometer) dünaaufwärts bei Kokenhusen.

Keiner weiß heute so recht, warum es ausgerechnet dorthin ging. Ob noch Zar Peter III., der exzentrische Gemahl Katharinas II., dahinter gesteckt hatte? Er stammte ja selbst aus Holstein, hatte ein Faible für deutsche Soldaten und hätte an den "dänischen Pfälzern" ein besonderes Interesse haben können, um aus ihren Reihen regelmäßig Nachwuchs für ein Garderegiment zu rekrutieren. Aber das ist nur ein mögliches Motiv unter vielen, mit denen sich 1934 Werner Conze, der spätere renommierte Sozialhistoriker und Dekan an der Universität Heidelberg, in seiner Dissertation auseinandergesetzt hat.

Jedenfalls scheint Katharina II. für dieses Siedlungsprojekt schon bald kein näheres Interesse mehr gezeigt zu haben. Es wurde zwar der Oberaufsicht einer Tutelkanzlei für Ausländer unterstellt, aber von den deutschbaltischen Gutsbesitzern mehr schlecht als recht betreut, bis sich die Kolonisten 1830 eine Selbstverwaltung (Schulzenverfassung) erstritten, die bereits im Siedlungsvertrag von 1766 vorgesehen war.

Aus den Kirchenbüchern geht hervor, daß die Kolonistensöhne früh heirateten – nach Möglichkeit Kolonistentöchter, als zweite Wahl Polinnen. Denn nach der dritten Teilung Polens 1795 kamen polnische Familien als russische Staatsangehörige – und nicht leibeigen – über die Düna und suchten Arbeit. Eine nationale Diskriminierung gab es noch nicht, dafür aber ständisch motivierte Überlegungen.

So galten die leibeigenen lettischen Bauern der Umgebung lange Zeit nicht als ebenbürtige Partner. Im gemeinsamen Gotteshaus des Kirchspiels Linden predigte der Pfarrer in getrennten Gottesdiensten, einmal in deutscher, das andere Mal in lettischer Sprache.

Der Kinderreichtum der Hirschenhöfer war sprichwörtlich, wenn auch bei den ersten Generationen hohe Sterberaten die Bevölkerungsexplosion begrenzten.

Ausdehnungsmöglichkeiten der Kolonie gab es keine. Knecht auf den Gütern der baltischen Freiherren wollte man auch nicht werden. Nachdem die Landreserven aufgebraucht waren, stand den Zweit- und Drittsöhnen (und -töchtern), die nicht in die Nachbarschaft heiraten oder erben konnten, also nur die Abwanderung in die Städte – vor allem nach Riga – offen, wo sie als Handwerker Arbeit fanden.

Diese Leute wurden aber nicht mit offenen Armen aufgenommen, sondern im Gegenteil von den organisierten Zünften beargwöhnt, die ihre Arbeitskonkurrenz fürchteten. Gleichwohl fanden sie schrittweise Zugang zu den städtischen Berufen, wenn auch durch ein Paßsystem behindert. Dieses schränkte die Bewegungsfreiheit der Kolonisten ein, indem sie durch Meldewesen und Steuerpflicht an Hirschenhof gebunden blieben.

Auf diese Weise entwickelte sich der Name "Hirschenhöfer" geradezu als ein Begriff, der illustrierte, wie die traditionellen ständischen Strukturen durch ein mobiles Element bereichert wurden.

Erst wenn ein Kolonist über eine Gesellenprüfung Mitglied einer Zunft und Stadtbürger geworden war, nabelte er sich von der agrarisch geprägten Kolonie ab, auch wenn die verwandtschaftlichen Beziehungen oft länger andauerten.

Die Industrialisierung der Städte ging mit einem wachsenden Arbeitskräftebedarf einher. Die Entwicklung der Eisenbahnen schuf Arbeitsplätze etwa in der Waggonfabrik von Riga, aber auch in den Verkehrsbetrieben selbst und schlug die Brücke zu anderen Dienstleistungsberufen. Schließlich sind die Hirschenhöfer Namen aus dem Geschäftsleben der Stadt nicht mehr wegzudenken.

Nachkommen der Siedler fassen auch im Bankwesen, in Lehrberufen oder im Gesundheitswesen Fuß. Am Ende der Zarenzeit und in der Ära der jungen Republiken der Zwischenkriegszeit schlagen sie zunehmend akademische Ausbildungsgänge ein, erreichen anerkannte Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft und vollenden familienweise ihre Integration.

Diese Integration ist auch ethnisch zu verstehen. Durch Studium und Heirat in baltischen und innerrussischen Großstädten erfolgte allmählich eine sprachliche Abkopplung, mitunter ein nationaler Identitätswechsel, wie es ihn teils auch beim deutschbaltischen Adel gab.

Die Hirschenhöfer sind ein gutes Beispiel dafür, daß Geburt und Herkunft nicht das Schicksal bestimmen müssen. Aus ihren Reihen gingen viele Persönlichkeiten hervor. Nur einige seien hier genannt:

– Dr. Robert Erhardt (1874-1940), Ältester der Großen Gilde, erst Dumaabgeordneter in Riga, wurde Finanzminister im zweiten und dritten lettischen Kabinett.

– Der Enkel des nach Moskau verschlagenen Mathematikers und Lehrbuchautors Rudolf Gangnus (1883-1946), Jewgenij Jewtuschenko (geb. 1932; den Familiennamen hat er von seiner Mutter übernommen), erlangte nach dem post-stalinistischen Tauwetter als Dichter und Schriftsteller Berühmtheit, wobei er zwischen Dissidententum und Anpassung pendelte; heute lehrt Jewtuschenko als Professor für russische Literatur in den USA.

– Im Schatten der sowjetischen Ära gelang auch Otto Schmidt (1891-1956), dessen Eltern nach Weißrußland und in die Ukraine abgewandert waren, trotz einer deutsch geschriebenen Dissertation eine naturwissenschaftliche Karriere (Astrophysik, Polarforschung); ein Eisbrecher wurde später auf seinen Namen getauft, und er selbst avancierte zum Vizepräsidenten der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion.

– Zum Schluß ist der in Deutschland populärste Nachkomme aus Hirschenhof zu erwähnen: Heinz Erhardt (1909-79), Neffe Robert Erhardts (s. o.). Als Komiker und Filmemacher ist er aus der deutschen Nachkriegsgeschichte und TV-Unterhaltung nicht wegzudenken.

Auf dem Boden der ehemaligen Kolonie ließen sich nach 1939 vorwiegend katholische Lettgaller nieder; nach 1945 wurden eine Kolchose und eine Sowchose mit einer zentralisierten Arbeitersiedlung eingerichtet. Im Jahre 1992 fand schließlich ein Festakt mit Hirschenhöfern aus Lettland, Rußland und Deutschland statt, und man enthüllte in Anwesenheit des lettischen Bischofs und des nationalen Fernsehens einen Gedenkstein, der nachfolgende Generationen an die 173 Jahre währende deutsche Präsenz in Hirschenhof erinnern soll.