© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 28. Juli 2001


Tragisches Ende am Lenin-Denkmal
Verzweifelter Russe setzt mit seinem Freitod in Tilsit ein Fanal
von Hans Dzieran

Von einem aufsehenerregenden Ereignis in Tilsit berichtet ein Gewährsmann, das leider in höchstem Maße symbolträchtig ist.

Sonntägliche Stille lag über der Stadt. Im frischen Maiengrün prangten die Bäume auf der Hohen Straße, der Uliza Popjedy. Die Menschen waren froh, daß der lange Winter vorbei war, und die Aussicht auf ein verlängertes Wochenende gehörte zu den kleinen Freuden ihres Daseins. Man rüstete nämlich zum 56. Jahrestag des Sieges.

Die Mittagsruhe an diesem 6. Mai wurde jählings unterbrochen. Ein dunkelgrauer Audi raste mit laut heulendem Motor aus Richtung Schenkendorfplatz kommend die Hohe Straße entlang. Fußgänger sprangen verschreckt zur Seite. Am Hohen Tor gab der Fahrer Vollgas und schoß wie eine Rakete auf das Lenindenkmal zu. Mit fürchterlichem Krachen prallte er gegen den Sockel. Der Crash stauchte den Wagen zusammen und setzte ihn sofort in Brand. Zwei Busfahrer eilten herbei, versuchten den Brand zu löschen und den Fahrer zu bergen. Als die "Skoraja Pomosch", die Dringliche Hilfe, eintraf, konnte der Notarzt nur noch den Tod feststellen.

Verstörte Schaulustige sammelten sich am Denkmal. Lenin blickte unerschüttert von seinem Postament. Er hatte dem Rammstoß widerstanden. Einige der Herumstehenden legten Frühjahrsblumen am Denkmal nieder. Sie galten – so konnte man hören – wohl weniger Lenins Rettung, als vielmehr dem Gedenken des Fahrers und seinem Fanal des Protestes. Viele kannten den Toten. Es war der 48jährige Bauingenieur Nikolai Konzewoi. Nach der Tschernobyl-Katastrophe kam er mit seiner Frau Tanja und den Söhnen Andrej und Dimitri aus dem Gomeler Gebiet nach Ostpreußen. Auf der Sowchose Kraupischken wurde er als Bauleiter eingestellt. Nikolai gefiel es hier. Er entdeckte die Schönheit der Regionen Inster und Memel. Ihr Verfall tat ihm weh. Als er in Raudonatschen den verwilderten Schloßpark mit uralten Baumriesen und seltenen Gehölzen sah, begann er mit einigen Helfern, Wildwuchs zu beseitigen, Wege freizulegen und den Park wieder nutzbar zu machen. Sein Treiben stieß auf Verständnislosigkeit. Als eines Tages die Unterstützung des Sowchosdirektors ausblieb, holte sich die Natur den Schloßpark wieder. Nikolai wandte sich einem neuen Projekt zu. Weil das Baden in der Inster wegen der Abwasserverschmutzung nicht mehr möglich war, staute er mit einer Mauer das Flüßchen Almonia an und schuf einen paradiesischen Badesee.

Als Anfang der neunziger Jahre die ersten Deutschen wieder in ihrem Heimatdorf auftauchten, empfing Nikolai sie mit offenen Armen und begleitete sie auf den Spuren ihrer Kindheit. Erschüttert von diesen Begegnungen schrieb er an die Deutsche Welle in Köln: "Ich habe Tränen in den Augen der Menschen gesehen und ich konnte selbst weinen, wie sie zum ersten Mal sahen, was aus ihrer Heimat geworden ist. Doch sie weinten nicht um den Verlust ihres Eigentums, sie weinten um das schreckliche Wiedersehen mit ihrem alten Zuhause."

Verwurzelt im christlichen Glauben träumte er von einer besseren Zukunft ohne Lenin. Der war für ihn der Antichrist. Als Nikolai nach Tilsit zog, ließ er nicht locker, bis das weithin sichtbare Leninbildnis auf dem Hochhaus am Fletcherplatz demontiert wurde. Nicht alle Pläne gingen auf. Zu oft lief er gegen Mauern. Enttäuschung und Verbitterung machten sich breit. War Lenin an allem schuld? Mit der Wut der Verzweiflung wollte er ihn an jenem 6. Mai 2001 vom Sockel stoßen. Was blieb, ist Trauer, Nachdenken und eine schockierende Begebenheit in den Annalen der Tilsiter Regionalgeschichte.