© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 25. August 2001


Suche nach Freiheit
Ein Ostpreuße erlebt die Schrecken der jungen DDR
von HORST BOGDAHN

Nach Flucht und Vertreibung wollte es das Schicksal, daß meine Mutter, zwei Schwestern und ich nach unseligen Strapazen in Chrimmitschau/Sachsen landeten. Meine größeren Brüder hatte der Krieg gefordert.

Bauern aus der Umgebung erwarteten die Vertriebenen mit ihren Gespannen. Wir wurden dem Bauern, Herrn Ahnert, zugewiesen. Freundlich sagte er zu uns: „Ihr werdet bei mir wohnen“, und half uns auf den Anhänger. Auf seinem Hof angekommen, wies er uns ein Zimmer mit zwei Betten, einem Tisch und zwei Stühlen zu, das für uns vier Personen viel zu klein war. Eine Kochstelle gab es nicht. Gekocht wurde im Flur. Aber wir sagten nichts, denn wir waren viel zu froh, endlich eine Bleibe zu haben. Schon bald bekamen wir eine andere Wohnung; ein Zimmer und ein zweites im Nebengebäude, so daß wir wenigstens in eigenen Betten schlafen konnten.

In Blankenhain/Sachsen beendete ich meine Schulzeit. An einen Beruf war überhaupt nicht zu denken, denn es gab keinen, den man erlernen konnte. Meine Mutter überredete mich, in die Landwirtschaft zu gehen. Endlich wurde ich satt! Ab und an konnte ich meiner Mutter etwas zustecken, so daß wir bescheiden überleben konnten.

Die Jahre vergingen. Meine Mutter und Schwestern machten sich Sorgen über meine Zukunft. Was soll aus Horst werden?

Mit 17 Jahren trat ich in die Organisation „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) ein. Für mich war es etwas Großes, Einmaliges! Neben dem Gefühl der Freiheit, dem Gefühl dazu zu gehören, waren die Treffen geprägt von einer tiefen Verbundenheit. Ich war nicht mehr allein! Im Laufe der Zeit kamen zu unseren Treffen aber auch Fremde aus der Stadt hinzu. Sie stimmten uns eindringlich auf die deutsch-russische Freundschaft ein.

Bei einer dieser Zusammenkünfte wurden wir gefragt, ob wir Interesse am Polizeiberuf hätten. Voraussetzung war das 18. Lebensjahr. Diejenigen, die sich freiwillig melden, so wurde uns mitgeteilt, würden erfaßt und zu einem Offizierslehrgang geschickt. Da ich immer noch keinen Beruf hatte, war das meine große Chance, so glaubte ich.

Am 10. März 1950 rückte ich in die Kaserne der Stadt Zittau ein. Die ganztägige Aufnahmeprüfung hatte ich bestanden. Ich war nun Offiziersanwärter! Die Zivilkleidung wurde eingezogen. Die Ausbildung war sehr hart und an der Grenze des Erträglichen. Der politische Drill stand mit im Vordergrund. Auch ehemalige junge Wehrmachtsangehörige, die sich mit uns beworben hatten, waren der Meinung, daß eine Ausbildung nicht schlimmer sein könne.

In Zittau war eine russische Kommandantur stationiert. Die Russen, an deren Gesichter man sich wohl oder übel gewöhnen mußte, kamen oft in den Kasernenbereich zur Inspektion. Es war nicht leicht für mich, ihnen zu begegnen, wußte ich doch, was sie angerichtet hatten. Ich unterdrückte meinen Schmerz und meine Verachtung.

Freiheit? Warum der Drill in der Kaserne so gut geklappt hat, wurde mir eines Tages deutlich: Russische Offiziere, die sich in unserem Kasernenbereich aufhielten, gingen zur russischen Kommandantur und verließen diese wieder in deutscher Uniform, um ihre Spitzeltätigkeit aufzunehmen. Unsicherheit und Angst machten sich breit! Wem konnte man noch vertrauen? - Freiheit? Nein, wir waren nicht frei! Unsere Devise hieß daher: nur nicht auffallen.

Zur Zeit der Wahlen in der damaligen DDR wurden die Machthaber immer von weit über 90 Prozent der Wahlberechtigten bestätigt. Wie kam es dazu?

Auch wir durften/mußten wählen. Es gab zwar geschlossene Wahlkabinen, aber keiner traute sich, zur geheimen Wahl in die Kabine zu gehen. Wer dies tat, wurde als Volksfeind verdächtigt, wurde ausgemustert und war nach einigen Tagen nicht mehr zu sehen. Am Vorabend der Wahl wurden wir als Rollkommando in die Häuserblocks geschickt mit dem Ziel, von der dortigen Bevölkerung eine Stimmabgabe zu erlangen - unter Aufsicht. Zur Wahl selbst durften die Bewohner dann nicht mehr gehen. Alle wurden erfaßt.

Freie, geheime Wahl - wo ist sie? Freie deutsche Jungend - wo ist sie? Mich plagten entsetzliche Zweifel, aber der tägliche Dienst fraß die Gedanken auf.

Monate später wurde ich Polizeioffizier der Volkspolizei. Ich hatte mein Ziel erreicht, aber so recht freuen konnte ich mich darüber nicht.

Die Werbung aus dem Westen hatte auch mich erreicht und verunsichert, wurde doch über irgendwelche Radiosender der Aufruf verbreitet, daß die Volkspolizisten in den Westen überlaufen sollten. Aber was war wahr an diesen Geschichten? Es wäre ein gefährliches Unterfangen, da ein Angehöriger der Volkspolizei mit einer Haftstrafe von sieben Jahren zu rechnen hatte, wenn er westdeutsches Gebiet oder den Westsektor Berlins betrat. Diese Droh-Regelung haben wir damals alle unterschreiben müssen.

Zwischenzeitlich (1951) hatte ich geheiratet und dachte zunächst nicht mehr daran, die DDR zu verlassen. Aber die Werbung aus dem Westen wurde intensiver. Ich entschloß mich, mit meiner Frau nach Berlin zu fahren, wo im Westen und Osten der Stadt Verwandte von mir lebten. Die Sektoren waren ja noch offen. Trotz des Verbotes und in der Hoffnung, daß uns niemand erkennt, besuchten wir Onkel und Tante in West-Berlin. Ich wollte nun endlich die Wahrheit von Onkel Max erfahren.

Er fuhr mit mir zu einer Dienststelle, in der ich mich genau informieren sollte. Die Hilfe dieser Dienststelle bestand darin, mich als Spion, der im Osten tätig sein sollte, zu werben. Aber was sollte ich schon spionieren? Der Westen war ja über alles informiert. Wir vereinbarten ein Kennwort mit dem Hinweis, daß ich eines Tages von jemandem angesprochen werden würde. Ich habe diesen Mann niemals wieder gesehen. Was ich nicht wußte, war die Tatsache, daß jede westliche Dienststelle von der kommunistischen Seite überwacht wurde.

Ohne Argwohn fuhr ich mit meiner Frau nach Zittau zurück. In der Schreibstube meiner Dienststelle hatte ich einen wirklich guten Freund sitzen, dem ich voll vertraute. Als er mich erblickte, rief er mir zu: „Hau sofort ab! Die wissen, daß du in West-Berlin gewesen bist! Nimm den nächsten Zug und verschwinde!“

Ich rannte sofort nach Hause, holte meine Frau - den Koffer hatten wir noch nicht ausgepackt - und schon waren wir wieder am Bahnhof. Wir nahmen den Abendzug, der direkt nach Berlin fuhr. „Ausweis- und Gepäckkontrolle!“, hallte es in unser Abteil. Mir blieb fast das Herz stehen. Hatte ich doch im Koffer umgearbeitete Uniformteile, die ich im Westen als Zivilkleidung anziehen wollte. Wenn sie kontrollierten, war alles aus. Man würde in meinen Kleidungsstücken die Uniform erkennen. Als sie auf mich zukamen, sprang ich auf und bot ihnen an, mein Gepäck zu kontrollieren. Sie gaben sich damit zufrieden und wünschten noch eine gute Reise.

Am Bahnhof „Berlin Ostbahnhof“ war Endstation. Alle Mitreisenden verließen den Zug, nur wir nicht. Als ich aus dem Fenster blickte, wurde ich von einer Frau angeschrieen und gewarnt: „Steigen Sie aus! Alle, die jetzt noch im Zug sitzen, fahren in den Westen. Die nächste Haltestelle ist im Westen. Die nächste Haltestelle ist im Westen der Zoologische Garten.“ Nach endlosen Sekunden setzte sich der Zug in Bewegung. Kurze Zeit später waren wir tatsächlich im Westen der Stadt. Wir hatten es geschafft!

Unterkunft und Verpflegung erhielten wir von unseren Verwandten, so daß uns ein Lagerleben erspart blieb. Ich meldete mich bei einer Polizeidienststelle und beantragte die Ausreise nach Westdeutschland. Ich wurde erfaßt und an die Kripo weitergeleitet. Stundenlange Verhöre in britischen, französischen und amerikanischen Dienststellen folgten. In meiner Begleitung befand sich stets ein West-Berliner Polizist. Von dem allgemeinen Flüchtlingsstrom wurde ich ausgeklammert.

War das die ersehnte Freiheit?

Die Monate gingen ins Land, aber wir durften noch immer nicht nach Westdeutschland ausreisen. Ich wollte arbeiten, neu anfangen, aber wir durften nichts!

Von der Stadtverwaltung bekam ich eine Arbeitskarte und sollte städtische Arbeiten verrichten. Ich sammelte Papier in den Anlagen des Tiergartens auf. Mein monatliches Einkommen betrug 135 DM für zwei Personen. Meine Verwandten waren uns in dieser schweren Zeit sehr behilflich.

Wir hatten auch in Westdeutschland Verwandte, mit denen wir ständig in Kontakt waren. Wiederholt versuchte ich, das Ausreiseverfahren nach Westdeutschland zu beschleunigen und suchte öfters West-Berliner Dienststellen auf, die für eine Ausreise zuständig waren. Aus Sicherheitsgründen konnte die Ausreise nur mit dem Flugzeug geschehen.

Auf einer Dienststelle, bei der ich öfter wegen meiner Ausreise vorgesprochen hatte, traf ich einen vertrauenerweckenden Mann. Der Leiter der Dienststelle empfahl mir, zum Flughafen Tempelhof zu fahren, um nachzufragen, ob in einer Maschine wenigstens noch ein Platz frei war. Der sympathische Mann bot mir an, mich nach Tempelhof zu bringen. Ich stieg in seinen Wagen ein, in dem ein zweiter Mann saß. Wir fuhren los. Ich wurde unruhig, weil die Fahrt nach meinem Gefühl viel zu lange dauerte. Plötzlich erblickte ich das Schild „HO“. Ich war erschrocken! Wo hatte man mich hingebracht? Ich verlangte eine Erklärung. Statt dessen zog der sympathische Mann seine Pistole und fauchte mich an: „Du Verräterschwein! Jetzt haben wir dich wieder!“

Ich wurde in ein Kellerverlies in der Nähe des Alexanderplatzes gebracht, in dem sich zwei weitere Inhaftierte aufhielten. Der Boden der Zelle stand zwei Zentimeter unter Wasser - nasse Füße unvermeidlich. In dem Raum befand sich ein Schemel. Hier verbrachten wir die ganze Nacht. Der 18jährige Mitinhaftierte schrie die ganze Nacht und verlangte nach seiner Mutter. Zunächst wurde er, dann auch wir anderen, von einem Wachmann brutal geschlagen. Ich war entsetzt und fühlte mich in die Vergangenheit versetzt, als die Russen über Ostpreußen herfielen. Ohne ersichtlichen Grund wurden wir mißhandelt.

Das Verhör! „Aufstehen“, schrie der Wachposten. Das brauchten wir nicht zu tun, denn wir standen bereits, weil eine Sitzmöglichkeit fehlte. „Du wirst jetzt verarbeitet.“ Er zeigte auf mich. Er packte mich an der Schulter und schleuderte mich gegen die gegenüberliegende Wand. Wirkungsvoll wehren konnte ich mich nicht, aber bei dem Gerangel trat ich ihm bewußt auf seine Füße. Er wurde nur noch brutaler, und auf dem Weg zum Vernehmungszimmer im ersten Stock des Gebäudes trat er immer wieder gegen meine Unterschenkel. Ich wurde in das Zimmer gestoßen. Der Vernehmungsposten brüllte mich an: „Setzen!“ Der Wachposten wurde weggeschickt.

Nach Überprüfung meiner Personalien und meines Standortes läutete das Telefon. Der Mann nahm den Hörer ab und sprach leise ins Telefon, so daß ich nichts verstehen konnte. Dabei sah er mich immer wieder vielsagend an. Ohne ersichtlichen Grund oder Erklärung erhob er sich plötzlich und verschwand hinter der Zwischentür. Nachdem er verschwunden war, ging ich zur Tür Richtung Ausgang. Niemand hielt mich auf. Kein Wachposten oder andere Personen waren zu sehen. Meine Chance! Ich lief die Treppe hinunter auf den Hof. Im Hofausgang standen zwei Wachposten - das Ende? Wieder eine Schikane? Raschen Schrittes ging ich auf sie zu, zog meinen Hut und wünschte ihnen einen schönen Tag.

Ich war wieder frei! Mein Herz wollte zerspringen! Aber jetzt keinen Fehler machen! Ich durfte nicht schnell laufen, ich durfte nicht auffallen. Eine Frau wies mir den Weg nach West-Berlin. Ich schaute mich noch einmal um, aber es waren keine Verfolger in Sicht.

Nach einigen langen Minuten erblickte ich einen West-Berliner Polizisten. Mit letzter Kraft sprintete ich auf ihn zu und fiel im weinend in die Arme. Ich hatte die Freiheit zum zweiten Mal erreicht!

Die folgenden Tage verliefen für uns positiv. Unbürokratisch wurde unsere Ausreise per Flugzeug genehmigt. Mein Verfahren wurde in Westdeutschland weiter bearbeitet. Nach einiger Zeit waren wir als politische Flüchtlinge anerkannt und voll integriert.

Jetzt hatte ich die lang ersehnte Freiheit - aber was nun? Arbeiten, arbeiten, aber was? Dann bin ich schließlich in den Steinkohle-Bergbau gegangen, wo ich elf Jahre unter Tage gearbeitet habe. Ich habe meine Gesellenprüfung als Hauer abgelegt. Nach einem weiteren Jahr wurde ich Sprengmeister. Die Arbeiten im Bergbau waren nicht leicht, aber ich war frei. Mit der beginnenden Krise im Bergbau bewarb ich mich 1965 als Polizeibeamter für das Land Nordrhein-Westfalen. Treu und verantwortungsbewußt habe ich meinen Dienst bis zu meiner Pensionierung wahrgenommen.