© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. September 2001


Zweiter Weltkrieg:
Der Kampf um die Westerplatte
Vor 62 Jahren fielen die ersten Schüsse
von Rüdiger Ruhnau

Der 14. März 1924 war ein schwarzer Tag für die Freie Stadt Danzig. Damals beschloß der Völkerbundsrat auf seiner Sitzung in Genf, daß die Halbinsel Westerplatte im Danziger Hafen der polnischen Regierung zur Verfügung gestellt und zum Einlagern und Weiterbefördern von Kriegsmaterial benutzt werden sollte. Der Danziger Senatspräsident Heinrich Sahm, der sich auf der Sitzung erbittert gegen die Einrichtung des polnischen Munitionslagers wehrte, wurde überstimmt. Sahm hatte erklärt, die Regierung der freien Stadt könnte keine Verantwortung übernehmen, wenn diese Entscheidung irgendwelche unseligen Folgen haben sollte.

In den Artikeln 102, 103 des Versailler Friedensdiktates verpflichteten sich die alliierten Hauptmächte, das Gebiet der Freien Stadt Danzig unter den Schutz des Völkerbundes zu stellen. Für alle Danzig betreffenden Probleme war der Rat des Völkerbundes zuständig, in dem die Vertreter der Großmächte saßen. Die Entscheidungen des Völkerbundsrates waren für Danzig rechtskräftig, ein hoher Kommissar mit Sitz in Danzig hatte die Anordnungen zu überwachen.

Wie schwierig die Situation Danzigs seinerzeit gewesen ist, zeigt der Vorfall mit den für Polen bestimmten Munitionsschiffen. Im August 1920 trafen zwei mit Munition beladene Schiffe im Danziger Hafen ein. Das Material war für jene polnischen Truppen bestimmt, die einen Kampf mit den russischen Bolschewisten ausfochten. Die Rote Armee stand 20 Kilometer vor Warschau und bedrohte nicht nur Polen, sondern Europa. In dieser kritischen Phase, wo die Hilfe der Alliierten im wesentlichen in der Entsendung von Kriegsmaterial bestand, weigerten sich die kommunistischen Hafenarbeiter, die Munitionsschiffe zu entladen, englische Truppen mußten die Löschung durchführen. Die Empörung des Auslands war groß. Man machte den Danzigern den Vorwurf, die Versailler Bestimmungen gebrochen zu haben und nicht fähig zu sein, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Den Polen aber zeigte der Vorfall, daß sie sich auf den Danziger Hafen nicht verlassen konnten. Die Verweigerung der Munitionsentladung ließ sie erste Pläne entwerfen, nicht nur für die Anlage des Kriegswaffendepots Westerplatte, sondern auch zum Ausbau des kleinen Fischerdörfchens Gdingen zum großen Import- und Exporthafen.

Als in der polnischen Wirtschaftszeitung „Tygodnik Handlowy“ ein Artikel mit der Überschrift „Das Schwert von Gdingen“ erschien, erkannten Danziger Wirtschaftskreise allmählich, welche Bedrohung in Form eines Hafenneubaus für die Freie Stadt in Gdingen heranwuchs. Man hat seinerzeit im Freistaat die Polen, mit ihrem Willen, Seehandelspolitik zu betreiben, unterschätzt. Mit Hilfe französischen Kapitals entstand in nur 20 Kilometer Entfernung von Danzig mit „Gdynia“ einer der modernsten Häfen. Schon neun Jahre nach Beginn der Hafenbauten lag die Warenumschlagsziffer von Gdingen höher als die des Danziger Hafens. Diese Tatsache war nicht etwa Ausdruck eines freien Wettbewerbs, sondern beruhte allein auf einem staatlichen Dirigismus, für den Fragen der wirtschaftlichen Rentabilität keine Rolle spielten.

Eine Frage von ganz grundsätzlicher Bedeutung ist zwar öfter gestellt, aber von den alliierten Siegermächten niemals beantwortet worden, die Frage nämlich, warum der Danziger Hafen überhaupt noch den Polen zur Verfügung stehen sollte. Wenn die Freie Stadt nur zu dem Zweck geschaffen worden ist, Polen einen ungehinderten Zugang zum Meer zu ermöglichen, dann war nach Erbauung des Staatshafens Gdingen diese Frage nicht mehr aktuell; ebensowenig wie das überflüssige Munitionsdepot auf der Westerplatte, für welches im Gdinger Bereich genügend Platz vorhanden gewesen wäre.

Graf Manfredo Gravina, von 1929 bis 1932 Hoher Kommissar des Völkerbundes in Danzig, legte im November 1931 folgenden Kompromißvorschlag zur Lösung der Danzig- und Korridor-Frage vor: Das Territorium der Freien Stadt sollte auf etwa den vierfachen Umfang, im Westen bis zur deutschen Grenze reichend, erweitert werden. Der so vergrößerte Freistaat sollte ein tatsächlich souveräner Staat sein, das heißt, eine Kontrolle der auswärtigen Angelegenheiten sowie von Bahn und Zoll durch Polen, sollte wegfallen. Wie bisher würde der Völkerbund den Schutz übernehmen. Für Polen blieb nach den Vorstellungen Gravinas ein nördlicher Ostseezipfel mit Gdingen bestehen. Sowohl Deutschland als auch Polen müßten ungehindert Bahnlinien durch den erweiterten Freistaat benützen können, und der polnische Staat sollte weiterhin über den freien Zugang zum Danziger Hafen verfügen können. Kein schlechter Plan, aber einer, der von den Polen Opfer verlangt hätte. Der Hohe Kommissar hatte wenig Kenntnis vom polnischen Nationalcharakter, und so wanderte der gutgemeinte Vorschlag zu den Akten.

Werfen wir einen Blick auf die Entstehung der Westerplatte: Die Weichsel lagerte an ihrer Mündung in die Danziger Bucht Sinkstoffe ab, außerdem spülte die See große Mengen Sand heran. Im Laufe der Zeit wuchsen die Sandbänke westlich der Mündung zusammen, es entstand die „Westerplatte“, direkt bei der Hafen- einfahrt, in Gestalt einer Halbinsel mit etwa zwei Kilometern Länge und einer durchschnittlichen Breite von 500 Metern. Die Westerplatte wurde zu einem der beliebtesten Seebäder der Danziger Bevölkerung. In einem herrlichen Park standen Kurhaus und andere Unterhaltungsbetriebe, ein 115 Meter langer Seesteg erstreckte sich ins Meer hinaus. Damit war es nach den unseligen Versailler Bestimmungen vorbei, polnische Arbeitskommandos änderten radikal den einst so lieblichen Charakter des Seebades. Anstelle der Erholungsstätten wurden Bunker gebaut, Ausschachtungs- und Planierungsarbeiten begannen, bald umgrenzte eine mächtige Ziegelmauer die hermetisch abgeschlossene Halbinsel.

Allen Protesten Danzigs zum Trotz hatte der Völkerbundsrat den Polen die Aufstellung einer militärischen Wachmannschaft in Stärke von zwei Offizieren, 20 Unteroffizieren und 66 Mannschaften für die Westerplatte genehmigt. Ausgerüstet mit Maschinengewehren und Geschützen, hatte man das Munitionslager systematisch festungsartig ausgebaut. Zu Beginn des Jahres 1933 stellte die Danziger Polizei fest, daß die Wachmannschaft um mindestens 100 Mann verstärkt worden war. Polen begründete seine Maßnahme mit angeblichen Drohungen der Danziger SA, das Munitionslager in Brand zu setzen. Die Erregung in der Stadt war ungeheuer, wiederholt schon hatte die polnische Presse zur militärischen Besetzung der Freien Stadt aufgefordert. Wieder einmal kam der Streit um die Westerplatte auf die Tagesordnung des Völkerbundsrates. Vor dem Auftreten des Danziger Senatspräsidenten Dr. Ziehm in Genf (er war der Nachfolger Sahms) brachte die internationale Presse sensationelle Berichte über den „Polnischen Coup auf Danzig“. Überraschenderweise lenkte aber der polnische Außenminister Beck ein. Nach der Erklärung Ziehms, der Senat könne für Ruhe und Ordnung in Danzig garantieren, antwortete der Pole, sein Land würde die aus Sicherheitsgründen verstärkte Militärwache auf der Westerplatte zurückziehen. Kennzeichnend für die vom Völkerbundsrat geschaffene Kompliziertheit der Verhältnisse war, daß die Westerplatte nach wie vor Hoheitsgebiet der Freien Stadt war, das der Danziger Polizeipräsident allerdings nur nach vorheriger Anmeldung betreten durfte. Ähnlich verhielt es sich mit den Kosten für das Munitionsdepot, die nicht etwa zur Gänze Polen angelastet wurden, auch hier mußte der Danziger Senat mit drei Millionen Gulden zum Unterhalt des polnischen Kriegslagers beitragen. Immerhin gab der polnische Außenminister Beck in einer Unterredung 1938 mit dem Völkerbundskommissar seiner Meinung Ausdruck, daß die „hybride Gründung“ der Freien Stadt mit der Absicht stattgefunden hat, zwischen Polen und Deutschland dauernde Unstimmigkeiten zu schaffen.

Unzweifelhaft war Polens starre Haltung im Frühjahr 1939 gegenüber deutschen Verständigungsvorschlägen eine Folge des britisch-polnischen Garantieabkommens. Am 6. April gab der englische Premierminister bekannt, daß Großbritannien und Polen sich gegenseitigen Beistand für den Fall gewährleisten, daß die Unabhängigkeit eines der beiden Staaten direkt oder indirekt bedroht würde. Man gab Polen eindeutig zu verstehen, daß, falls es sich zum bewaffneten Widerstand gegen Deutschland entschließen sollte, insbesondere auch hinsichtlich Danzigs, dies dann Englands Beistand nach sich ziehen würde.

Schon vor längerer Zeit war der Freundschaftsbesuch eines deutschen Kriegsschiffes in Danzig angekündigt worden. Am 25. August 1939 traf das veraltete Linienschiff „Schleswig-Holstein“, nun zum Schulschiff für Kadetten umgerüstet, im Hafen ein und legte am Kai, gegenüber der Westerplatte, an. In der vergangenen Nacht, auf hoher See, hatte das Schulschiff eine Marinestoßtruppkompanie an Bord genommen, die eine Minensuchflotille aus Pillau heranbrachte. In Scharen pilgerten die marinebegeisterten Danziger zu der Anlegestelle, wo zur Begrüßung ein Musikkorps an Bord spielte. Es durfte aber niemand das Schiff besichtigen, nur offizielle Besucher wurden vom Kommandanten empfangen: Senatspräsident Greiser, der polnische diplomatische Vertreter in Danzig Chodacki und der Völkerbundskommissar Burckhardt. Carl J. Burckhardt schildert in seinem Buch „Meine Danziger Mission 1937-39“ den Gegenbesuch des Kommandanten der „Schleswig-Holstein“, Kapitän zur See Kleikamp. Dabei ist folgende Stelle Burckhardts interessant: „... mit verstörtem Gesichtsausdruck vertraute (Kleikamp) mir an ‚Ich habe einen furchtbaren Auftrag, den ich vor meinem Gewissen nicht verantworten kann‘“. Es erscheint sonderbar, daß ein Eliteoffizier wie Kleikamp, der in der Marine den Spitznamen „Eiserner Gustav“ trug, den nach Angaben seiner Offiziere Ruhe und Selbstbeherrschung auszeichneten, sich zu der oben genannte Äußerung gegenüber dem Schweizer Burckhardt hat hinreißen lassen.

Am Abend des 26. August 1939 erschien der polnische Vertreter Chodacki bei Burckhardt. Er beschwor den Hohen Kommissar, seine Frau in Sicherheit zu bringen, da jederzeit mit dem Ausbruch von Kampfhandlungen zu rechnen sei. Inzwischen war auf der „Schleswig-Holstein“ der Befehl zur Herstellung der vollen Kriegsbereitschaft gegeben worden. Das Schiff hatte den Auftrag, den Schutz des Danziger Hafens zu übernehmen und im Kriegsfall mit seinen Geschützen die Befestigungen von Gdingen, Hela und Oxhöft zu bekämpfen. Am Abend des 31. August gab Kapitän z. See Gustav Kleikamp den Angriffstermin für den nächsten Tag bekannt, gleichzeitig erfolgte die Ausschiffung der Sturmkompanie nach der Landseite. In der Morgendämmerung des 1. September 1939, 4.30 Uhr, donnerten die ersten Geschützsalven des Schulschiffes gegen die befestigte Westerplatte.

Erstaunlicherweise besaß die Schiffsführung nicht einmal einen Lageplan der Westerplatte mit genauer Einzeichnung der Bunker und Schießstände. Da auch hohe Baumgipfel die Sicht versperrten, hatte der Beschuß wenig Wirkung. Das zeigte sich beim Angriff der Sturmkompanie, die wegen schwerer Verluste ihr Vorgehen bald einstellen mußte; 13 Gefallene und 58 Schwerverletzte waren zu beklagen. Nun sollten Stukas (Ju 87) die Polen zermürben. Mit infernalischem Sirenengeheul bombardierten sie die Befestigungsanlagen. Dennoch kapitulierten die Verteidiger zunächst nicht, ein Zeichen dafür, daß sie mit Befreiung von außen rechneten. Pioniere mit Flammenwerfern, dazu die 28-cm-Granaten der „Schleswig-Holstein“ brachten endlich die Entscheidung. Am 8. September zeigten die Polen die weiße Fahne, sechs Offiziere und 206 Unteroffiziere und Mannschaften war die Besatzung stark. In Anerkennung der tapferen Gegenwehr durfte der polnische Befehlshaber den Degen behalten.