© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. September 2001


Preußen-Jahr:
Siegreiche Esel
Was sagt das Erbe Friedrichs des Großen den Deutschen von heute? - Eine nüchterne Bilanz
von Gottfried Loeck

Inwieweit Rainer Blasius mit seiner mutmachenden These im Leitartikel der „FAZ“ zum 18. Januar 2001 unter der Überschrift „Nach der Entpreußung Deutschlands“ recht behält, daß „Preußen wieder gefragt ist“, bleibt spannend und nicht zuletzt abhängig auch von unserem Verhalten. Wenn das politische Establishment glaubt, daß mit der Herausgabe einer schlichten, aber eindrucksvollen Sondermarke und einigen Ausstellungen eines Staates ausreichend gedacht wird, dessen Herrscher sich vor 300 Jahren in Königsberg zum König in Preußen krönen ließ, sollten nicht zuletzt wir Preußen gegenüber der dumpfen Masse freudig bekennen.

Dabei geht es um einen Staat, dessen Charakterbild und Würdigung in der geschichtlichen Interpretation erheblich schwankte. Offiziell versetzte der Alliierte Kontrollrat im Februar 1947 dem Staatswesen den Todesstoß, als er Preußen als „Hort der Reaktion und des Militarismus“ bezeichnete und den Staat kurzerhand durch das Kontrollratsgesetz Nr. 46 auflöste. Golo Mann interpretierte dieses Vorgehen pointiert als „Fußtritt, den siegreiche Esel einem längst toten Löwen gaben“.

Im übrigen Staatsgebiet schien man erleichtert, weil es offenbar nur Preußen war, das so viel Unheil über das Land gebracht hatte. Auch wenn man den Vertretern des Kontrollrates nicht gerade historische Bildung attestieren sollte, waren sie bei weitem nicht die einzigen, die Preußen nach Idee und Inhalt ablehnten. Erinnert sei beispielsweise an Konrad Adenauer, der noch am 30. November 1946 in der „Welt“ freimütig bekannte: „Wir im Westen lehnen vieles, was gemeinhin preußischer Geist genannt wird, ab.“ Das Urteil war gesprochen, ohne daß ein Verteidiger dagegen plädiert hätte. Aber wen interessierte das damals wirklich im geschlagenen, zerstückelten, besetzten Deutschland außer ein paar nicht zu überzeugenden Preußenfans? Marlene Dietrich, die sich zur Zeit des Dritten Reiches immer wieder scharf von Deutschland distanzierte, hatte keine Hemmungen zu bekennen: „... I am the last Prussian.“ Die alte Schulweisheit „vae victis“, „wehe den Besiegten“, zeigte seine volle Bestätigung, obwohl sich nach Aussage von Marion Gräfin Dönhoff kein einziger Preuße in nächster Umgebung von Hitler befand, aber 70 Prozent der im Widerstand Umgekommenen aus Preußen stammten.

Daß man in Deutschlands We-sten und Mitte unterschiedlich mit der verordneten Entpreußung umging, bedarf kaum besonderer Untermauerung. Die deutschen Kommunisten tilgten soweit wie möglich die steinernen Spuren, sprengten Schlösser und Herrensitze, verurteilten und liquidierten und verbannten selbst Daniel Rauchs Reiterstandbild Friedrichs des Großen, das seit 1851 „Unter den Linden“ gestanden hatte, in den Park von Sanssouci.

Auch im Westen unseres Vaterlandes hielt man sich gerne und lange an Churchills Verdikt, daß Preußen die „Wurzel allen Übels“ war, nutzte jedoch andererseits gerne von Anfang an den Sachverstand vieler untadeliger preußischer Beamter, ihre Leistungsbereitschaft, Selbstdisziplin, Ver- fügbarkeit, ihr ungebrochenes Pflichtbewußtsein beim Wiederaufbau. Nur „preußische“ Primärtugenden durfte sie keiner mehr nennen.

Wie schizophren bestimmte politische Kreise und die sie fördernden Medien beim Thema Preußen reagieren, wurde 1991 gegenüber dem früheren Bundeskanzler Kohl überdeutlich, dem schon wegen seiner Teilnahme als Privatmann an der Beisetzung Fried-richs des Großen im engsten Kreis der Hohenzollern-Familie unterstellt wurde, in Deutschland „Nationalismus und Militarismus schüren zu wollen“. Fragt man heutige Abiturienten nach Preußen, ist man über die verbreitete Unkenntnis erschüttert. Über den „Emanzipationsanspruch der Frau in Soweto“ oder „die heterosexuelle Willfährigkeit sozialkritischer Reformer“ zu plaudern, ist zur Zeit weitaus gefragter, als sich mit der preußischen Geschichte auseinanderzusetzen. Insofern dürfen uns die Antworten sogenannter „Eliten“ nicht wundern. Auf die allgemein gehaltene Frage: Was stellen Sie sich unter Preußen vor, kommen nach zumeist längerer Bedenkzeit Antworten wie diese: Junker mit Reitstiefeln und Peitsche, die jährlich maximal ein Buch kaufen, elend ausgestattete Schulhäuser, Leutnante mit schnarrender Stimme, überall Kommiß, stramme Haltung, Schnoddrigkeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Typ Piefke, jeder zweite Preuße trägt Uniform, eiserner Fleiß, Treue gegenüber dem gnädigen Herrn, Roggenbrot und dicke Milch, Rückständigkeit in jeder Beziehung, übertriebener Gehorsam ... vereinzelt hört man auch Namen wie beispielsweise Friedrich den Großen, Kant, Fichte, Arndt, Gebrüder Grimm, Schinkel, Menzel, Clausewitz, Moltke, die man Preußen zuordnet, ohne jedoch in den meisten Fällen deren besondere Leistung zu kennen. Daß die Vorstellungen von Preußen allenfalls bruchstückhaft bleiben, ist politisch gewollt und bei vielen nachkriegs-geformten bzw. geläuterten Ge- schichtslehrern nicht verwunderlich. Um die eigenen Kinder aus Karrieregründen nicht in Widerspruch zu den „modernen“ Lehrern zu bringen, dem Zeitgeist ist scheinbar zu entsprechen, bleiben Wissensträger oft stumm. Die Willfährigkeit, mit der sich das gebildete Volk oder seine bedeutenden Bildungsschichten von Preußen getrennt haben, entspricht einer Art „Geschichtsfeindlichkeit“, die zum Wesen des modernen Deutschen gehört.

Daß die Wirklichkeit Preußens sich keineswegs mit einem Blick erschöpft, sondern auch Widersprüche ausweist, gehört zu den Charakteristika aller Staaten. Als Abiturient aber so wenig von der Geschichte Preußens zu wissen, unterscheidet uns überdeutlich von allen unseren Nachbarn, bei denen die Rückbesinnung bzw. der Rückgriff auf die vollständige eigene Geschichte Selbstverständlichkeit ist. Die bewußte Eingrenzung der deutschen Geschichte auf zwölf Jahre Nazi-Diktatur, der Verfall unserer Sprache, die Aufweichung der Kirchen, die Politisierung der Justiz, die Heraus- bildung ethnischer Parallel- gesellschaften zeigen, daß eine Rückbesinnung auf die preußischen Ideale wünschenswert wäre. Wenn man die heutigen Primärtugenden Emanzipation, Selbstverwirklichung, Spaß in Form vieler Affären, Lügen, Betrügereien und die anscheinend sättliche Selbstbedienung in Politik und Wirtschaft tagtäglich verfolgt, sehnt man sich nach preußischer Zucht und Ordnung, nach mehr preußischem Pflichtgefühl.

Man kann lange darüber streiten, wann man das Ende Preußens absehen kann: 1871, als es die alleinige Verfügung über seine Außenpolitik ans neu gegründete deutsche Reich abtrat, 1918, als das preußische Königtum erlosch, 1920, als die preußische Armee in der Reichswehr aufging, 1932, als der Reichskommissar Franz von Papen die preußische Regierung Braun-Severing weitgehend widerstandslos absetzte; nach der öffentlich wirksamen Inszenierung des Tages von Potsdam am 21. März 1933, bei dem der Nationalsozialismus das Preußentum durch die Macht der Bilder vereinnahmte oder doch erst 1945, als völkerrechtswidrige Annexion, Flucht und Vertreibung die preußischen Kernprovinzen mit Ausnahme Brandenburgs entvölkerten? Gewiß, Preußen ist auf heutigen Landkarten verschwunden, der einstige Rechtsstaat hat sich als Gegenstand des Denkens bei vielen Zeitgenossen weitgehend abgeschafft.

In einer Spaßgesellschaft ein neues Preußen schaffen zu wollen, ist utopisch. Nur an seine Inhalte zu erinnern dürfte schon manchen Zeitgenossen irritieren; zumal von keinem anderen Staatsgebilde Deutscher Nation derart starke Strömungen und Impulse ausgegangen sind wie von dem vielfach geschmähten Preußen. Der Verfall des Reichs begünstigte Preußens Aufstieg. Was es seinen Nachbarn lange Zeit unheimlich machte, sie manchmal ängstigte, war meistens weniger die Schlagkraft seiner Armee, die Beharrlichkeit seiner Grenadiere oder die Verwegenheit seiner Husaren, sondern die Qualität seiner Staatlichkeit, seine unbestechliche Verwaltung und unabhängige Justiz, seine religiöse Toleranz und aufgeklärte Bildung. In der klassischen Epoche, dem 18. Jahrhundert und übergreifend ins 19. Jahrhundert galt Preußen als der modernste Staat Europas. Erlaubt sei, an zwei Anekdoten zu erinnern, die vielleicht mehr über diesen Staat und seine Bürger aussagen als manche geistvolle Betrachtung: In Potsdam saßen zwei friderizianische Grenadiere im Wirtshaus zusammen, und mit zunehmender Alkoholmenge stieg auch der Mut, über den König herzuziehen. Sie schimpften über die strenge Ausbildung, über die Engstirnigkeit manches Vorgesetzten, überhaupt über die Armee. Besonders über den Alten Fritz rissen sie ihr Mundwerk weit auf. Er galt ihnen als Inkarnation des Tyrannen: An einem Nebentisch aber hörte ein scheinbar Ortsfremder dem Gespräch zu, und als die Grenadiere ihrem Herzen lautstark genügend Luft gemacht hatten, trat er zu ihnen, um die Schimpfkanonade auf seine Weise fortzusetzen. Die Grenadiere hörten eine Weile verwundert zu, standen dann aber auf, pack-ten den Mann und verprügelten ihn tüchtig. Als er endlich wieder auf die Beine gekommen war und sich von der Überraschung erholt hatte, fragte er, weshalb sie ihn so schlecht behandelt hätten, er habe doch nur das gleiche über den preußischen König geäußert wie sie, die Herren Grenadiere. Worauf er die knappe Antwort bekam: Wir dürfen das, wir sind seine Kinder!

Weitaus bekannter dürfte die historisch belegte Geschichte aus dem Siebenjährigen Krieg sein, nach der Friedrich der Große 1760 dem Kommandeur seines Regiments Gendarmes den Befehl gab, das Schloß Hubertusburg zum Ausgleich für die Verwüstung des Charlottenburger Schlosses durch sächsische Truppen zu plündern, später zu zerstören. Oberst von der Marwitz führte den Befehl jedoch nicht aus.

Als der König ihn darauf zur Rede stellte, antwortete von der Marwitz: „Weil sich dies allenfalls für Offiziere eines Freibataillons schicken würde, nicht aber für den Kommandeur Euer Majestät Gendarmes.“ Auch wenn von der Marwitz in Ungnade fiel, überlebt haben die Worte auf seinem Grabstein in Friedersdorf: „... wählte die Ungnade, wo Gehorsam keine Ehre brachte.“