© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. September 2001


Wolfskinder:
Ein Leben zwischen den Welten …
Der Verein »Edelweiß-Wolfskinder« feierte in Kaunas sein zehnjähriges Bestehen

Die Kunstschule in Kaunas ist mit Fahnen und Wappen geschmückt, lange Stuhlreihen sind aufgebaut. Ein Schild mit der deutschen und der litauischen Fahne und der Aufschrift „Edelweiß-Wolfskinder - 1991-2001“ schmückt das Rednerpult. Immer mehr Menschen strömen in den Saal. Daß viele von ihnen kein problemloses, leichtes Leben führen konnten, verraten die Gesichter - und ihr Name. Sie werden „Wolfskinder“ genannt. Sie alle stammen aus Ostpreußen. Die meisten wurden im Kindes- und Kleinkindalter durch den Krieg und die Flucht zu Vollwaisen. Sie mußten sich alleine durchschlagen, mußten sehen, wie sie überlebten. Viele gelangten nach Litauen, wo sie sich bei Bauern ihren Lebensunterhalt erarbeiteten. Eine Schulbildung blieb den meisten verwehrt, ein Großteil kann weder schreiben noch lesen. In der Regel erhielten die Kinder neue litauische Vor- sowie Nachnamen und wurden Litauer. Sie hatten keine Wahl, war es doch verboten, sich als Deutsche zu erkennen zu geben. Und doch wußten sie, daß das Leben als Litauer nicht ihr wirkliches Leben war - Wanderer zwischen den Welten. Erst seit Litauen seine Unabhängigkeit wiedererlangt hat, können sich auch die Wolfskinder zu ihrer Abstammung und zu ihrem Herkunftsland bekennen. Sie gründeten 1991 ihren Verein „Edelweiß“. Was das für sie bedeutet haben mag, kann man - auch wenn man ihre Geschichte kennt - wohl nur erahnen.

Luise Quitsch-Kazukauskiene, die Vorsitzende des Vereins, begrüßte herzlich den deutschen Botschafter in Litauen, Detlof v. Berg, den Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, Bundestagsmitglied Prof. Dr. Wolfgang v. Stetten sowie die frühere Bundestagsabgeordnete, Aussiedlerbeauftragte der CDU/CSU-Fraktion und Parlamentarische Staatssekretätin Gertrud Dempwolf.

In ihrer deutsch/litauischen Ansprache hob die Vorsitzende hervor, wie wichtig und wohltuend es sei, von deutscher Seite Verständnis und Hilfe zu erhalten: „Wenn unsere Mitglieder nach Deutschland übersiedeln möchten oder ihre Staatsangehörigkeit wiedererhalten möchten, stoßen sie auf Schwierigkeiten. Die Bürokratie und die Institutionen in Deutschland wollen unser schweres Schicksal nicht verstehen. Aber Gott hat uns geholfen: Wir wurden mit Prof. Dr. Wolfgang Freiherrn v. Stetten bekannt. Er verstand uns von Anfang an und wußte, daß wir Opfer des Krieges sind. Er half uns, unsere nicht einfachen Probleme zu lösen. Dank seines nie müde werdenden Bestrebens gelang es ihm, war wir uns schon lange wünschten - daß wir von Deutschland endlich als Deutsche anerkannt wurden. Wir kamen in guten Kontakt mit der Landsmannschaft Ostpreußen und ihrem Vorsitzenden Wilhelm v. Gottberg. Wir wissen jetzt, daß unsere Landsleute, die in Deutschland leben, uns nicht vergessen haben. Wir freuen uns, daß die Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Vilnius das schwere Schicksal der Wolfskinder verstehen und - so gut sie können - helfen, unsere Angelegenheiten zu unterstützen ...“ Nach Jahrzehnten der Vergessenheit und der Namenlosigkeit ist es jetzt ein endlich ausgelebtes Bedürfnis, sich zu treffen, zu reden, die Vergangenheit aufzurollen, die deutsche Sprache und Kultur zu pflegen. Auch die Verbindung zu Verwandten in der Bundesrepublik kann heute wesentlich problemloser gepflegt werden. Zu Zeiten des kommunistischen Regimes war es mit enormen Schwierigkeiten verbunden, Familienmitglieder überhaupt ausfindig zu machen. Bis zum heutigen Tag finden sich Wolfskinder und Angehörige wieder, die seit 1945 nichts voneinander wußten. Von den ursprünglich 250 registrierten Wolfskindern leben noch rund 130 in Litauen. Die restlichen 120 sind entweder verstorben oder in die Bundesrepublik übergesiedelt. Der Verein Edelweiß setzt sich aus sechs regionalen Gruppen zusammen: Tauroggen, Schaulen, Kaunas, Memel, Mariampole und Vilnius. Regelmäßige Treffen werden dadurch erschwert, daß die Mitglieder über ganz Litauen verstreut leben. Doch so gut es geht, hält man zusammen.

Wolfgang v. Stetten erinnerte in seinem Grußwort an seine erste Begegnung mit den Wolfskindern. Für den Bundestagsabgeordneten stand von jenem Augenblick an fest, daß er sich dafür einsetzten werde, den Wolfskindern die deutsche Staatsangehörigkeit zu verschaffen. Dabei betonte er, daß der deutsche Staat seinen Verpflichtungen auf Wiedergutmachung für die Wolfskinder nicht nachgekommen sei. „Was ich in Deutschland an Bürokratie erlebt habe, hätte ich nicht für möglich gehalten“, so v. Stetten. Daß heute ein Teil der Wolfskinder in der Bundesrepublik leben kann, ist seinem Einsatz zu verdanken. Auch Gertrud Dempwolf erinnerte sich an ihr erstes Zusammentreffen mit den Wolfskindern. Seitdem sei viel wichtige Arbeit geleistet und bereits viel erreicht worden. Sie versprach, sich auch weiter um die Wolfskinder zu kümmern, und appellierte an sie, Deutsch zu lernen. Das sei die Eintrittskarte, um in die Bundesrepublik übersiedeln zu können.

Der deutsche Botschafter in Litauen, v. Berg, richtete in seinem Grußwort den Blick in die Zukunft. Er verwies auf die Offenheit Litauens: „Die Litauer haben keine Angst vor Ausländern - die Deutschen sind willkommen.“ Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes hätten sich Wege für eine Verständigung und für ein Miteinander aufgetan. Dies unterstrich auch eine Vertreterin des litauischen Innenministeriums in ihrem Grußwort. Besonders positiv sei es, daß die Deutschen nun wieder ihre Kultur und Sprache pflegen könnten. Dies sei auch eine Bereicherung für Litauen.

Der Sprecher der LO, Wilhelm v. Gottberg, gab seiner Freude Ausdruck, daß er viele bekannte Landsleuten wiedersehe, die er bei früheren humanitären Hilfsaktionen bereits kennengelernt habe. Er überbrachte herzliche Grüße des Bundesvorstandes der LO und aller Ostpreußen, die in der Landsmannschaft organisiert sind. Wilhelm v. Gottberg betonte, daß „die Ostpreußen ihre in Litauen lebenden Landsleute nicht vergessen haben“. Herzliche Grüße sprach er auch im Namen der Präsidentin des BdV, Erika Steinbach, aus. Sie nehme großen Anteil am Schicksal der Wolfskinder, denn auch sie seien Vertriebene und von einem besonders harten Lebensschicksal betroffen. Der LO-Sprecher dankte der litauischen Administration für die Mithilfe bei der Durchführung der Jubiläumsfeier. Schließlich erinnerte v. Gottberg daran, daß Ostpreußen und Litauen Jahrhunderte friedlich und harmonisch als Nachbarn miteinander und nebeneinander gelebt haben. Daran gelte es anzuknüpfen, „wenn in hoffentlich naher Zukunft Litauen europäischer Partner wird“. Die LO nahm das Jubiläumsfest zum Anlaß, eine finanzielle Unterstützung an die Wolfskinder auszuzahlen. Ebenso förderte der deutsche Botschafter die Veranstaltung finanziell - wie auch Wolfgang v. Stetten, der zudem noch jedes der Wolfskinder mit einer Geldspende bedachte.

Weitere Grußworte kamen u. a. von dem 2. Vorsitzenden des Deutschen Vereins in Memel, von einem früheren litauischen Parlamentsabgeordneten und von dem 2. Vorsitzenden des Kulturverbandes der Deutschen in Kaunas. Letzter schenkte dem Verein für dessen Museum „ein kleines Stück Deutschland“: einen Teller mit dem Brandenburger Tor.

Für fröhliche Stimmung sorgte der Auftritt des Chores der Edelweißgruppe Kaunas: begeistert wurde mitgesungen. Als ein Teilnehmer sich mit der Mundharmonika vor das Publikum stellte und ein bekanntes Volkslied vorspielte, war es zunächst ganz still im Saal. Leise zunächst, doch dann immer deutlicher summten die Wolfskinder die Melodie mit. Es war ein anrührender Moment, der deutlich werden ließ, wie stark sie - auch wenn viele von ihnen kaum noch Deutsch können - doch in der deutschen Kultur verwurzelt sind.

Der Verein hatte nach dem offiziellen Teil alle Gäste und Mitglieder zu einem Empfang eingeladen. Groß- zügig waren von der Direktorin der litauischen Schule Räumlichkeiten und Küche zur Verfügung gestellt worden. Bei einem reichhaltigen Imbiß konnten Gespräche geführt und die frischen Eindrücke der Festverstaltung ausgetauscht werden.

Die seelischen Verletzungen, das erlebte Leid, das die Wolfskinder ihr Leben lang begleitet hat, konnten auch bei dieser festlichen Jubiläumsveranstaltung nicht verdrängt werden. So hatten neben dem Lachen und der Freude über das Zusammensein auch Tränen und schmerz- liche Erinnerungen ihren Platz.

Mit der Gründung ihres Vereins konnten die Wolfskinder zu sich selbst und zu ihren Wurzeln zurückkehren. Eine Teilnehmerin drückte es so aus: „Wir haben 50 Jahre gewartet, um zu wissen, wer wir sind.“ Auch das machte diese Jubiläumsveranstaltung zu einem ganz besonderen Fest. CvG

 

Fototext: Bewegende Ansprache: Die Vositzende des Vereins „Edelweiß“, Luise Quitsch-Kazukauskiene, mit Erika Sauerbaum-Kaziuriene (links), die beim Übersetzen half Fotos (3): vG

Unterstützten die Wolfskinder und ihre Jubiläumsfeier: Wolfgang v. Stetten, Gertrud Dempwolf, Detlof v. Berg und Wilhelm v. Gottberg (von links)