© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. September 2001


Unerschöpfliches Wirken
Ausstellung in Stuttgart: Der Zeichner Michael Willmann

Als Maler ist er allgemein be-
kannt: Michael Willmann aus Königsberg, der im schlesischen Leubus wirkte. Seine Werke sind heute in Warschau, Breslau und Prag, aber auch in München, Nürnberg, Augsburg, Berlin und Graz zu finden. Gemeinsam mit Schülern und Helfern schuf er immerhin im Laufe seines Lebens die beachtliche Zahl von mehr als 500 Gemälden und Fresken. Daß der Königsberger auch ein hervorragender Zeichner war, das zeigt eine Ausstellung, die, nachdem sie im Salzburger Barockmuseum zu sehen war, jetzt in der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart präsentiert wird. Vom 15. September bis 18. November ist dort die Ausstellung „Michael Willmann (1630-1706) - Zeichnungen. Eine Künstlerwerkstatt des Barock in Schlesien“ zu sehen. Vom 1. Dezember 2001 bis 13. Januar 2002 wird sie schließlich auch in Breslau (Muzeum Narodowe we Wroclawiu) gezeigt. Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher Katalog mit dem gesamten zeichnerischen Œuvre des Künstlers, das aus konservatori-schen und räumlichen Gründen nicht auf allen drei Ausstellungen zu sehen ist (176 Seiten, 80 Kat.-Nr., 13 Farbabb., 106 sw Abb.; zu bestellen bei Salzburger Barockmuseum, Postfach 88, A-5024 Salzburg). Grundlage der Ausstellung sind die Forschungen von Andrzej Koziel, der seine Dissertation zum zeichnerischen Werk Willmanns an der Universität von Breslau vorlegte und der auch den Umkreis des Meisters berücksichtigte. So sind auf der Ausstellung auch Werke seiner Mitarbeiter Johann Eybelwieser, seines Stiefsohnes Johann Liska, seines Sohnes Michael Leopold Willmann d. J. und seines Enkels Georg Wilhelm Neunhertz zu sehen.

Nicht zuletzt diesen Mitarbeitern ist es zu verdanken, daß Willmann mit seiner Werkstatt einen solchen Erfolg feiern konnte. Doch auch im 17. Jahrhundert gehörte zum Erfolg ein wenig Werbung. Willmann mußte seine Werke unters Volk bringen, und so schuf er immer wieder Entwürfe für Grafiken, die von anderen Kupferstechern ausgeführt wurden. Auf diese Weise demonstrierte er seine schöpferische Erfindungsgabe. Auch besaß seine Werkstatt eine große Sammlung von „Prototypen“, also Zeichnungen von Händen, Füßen, Köpfen und anderen Körperteilen, die immer wieder in eine andere Arbeit „eingebaut“ werden konnten. Andrzej Koziel erläutert im Katalog die Vorgehensweise: „Die in dieser Werkstattsammlung enthaltenen Musterzeichnungen sicherten die kompositorische Grundlage für die Arbeit des Meisters, und auf ihrer Anwendung fußte gewiß auch das Modell der Übermittlung fundamentaler Entwurfsinformationen an die Mitarbeiter, welche erst die gemeinsame Bearbeitung eines Gemäldes ermöglichten.“ Koziel nennt die beachtliche Zahl von mindestens 418 Bildern, die Willmann gemeinsam mit seiner Werkstatt in den Jahren 1660 bis zu seinem Tode 1706 schuf - „zum überwiegenden Teil Staffeleigemälde von ansehnlicher Größe - sowie 54 Fresken. Die bemalte Fläche allein jener Werke, die in Leubus nach der Aufhebung des Klosters verblieben, belief sich auf 300 Quadratmeter bei den auf Leinwand ausgeführten Gemälden und 620 Quadratmeter bei den Fresken“.

„... es verging wohl kaum ein Tag in seinem Leben, an dem er nicht gezeichnet hat“, schrieb Hubertus Lossow in seiner vorzüglichen Monographie „Michael Willmann 1630-1706, Meister der Barockmalerei“ (Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn, Würzburg, 1994). Koziel hält dem entgegen und schreibt, daß Willmann kaum ein leidenschaftlicher Zeichner war. „Die Zahl der Zeichnungen ... können wir lediglich auf ein paar hundert schätzen ... Wenngleich das Zeichnen höchstwahrscheinlich keine alltägliche Form der Beschäftigung Willmanns war, heißt das jedoch nicht, daß die Zeichnung eine unwesentliche Rolle in seinem Schaffen spielte. Im Gegenteil - ohne die Anfertigung von Zeichnungen wäre es für Willmann schwieriger gewesen, die Grundlagen für seine künstlerische Ausbildung zu bekommen, seine an Mitarbeitern reiche Malerwerkstatt hätte nicht funktionieren können, er selbst wiederum hätte mit Gewißheit den überregionalen Ruhm eines ‚schlesischen Apelles’ nicht erlangt.“ Os