© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Oktober 2001


Politische Theorie:
»Marx und Marxismus«
Konrad Löw konfrontiert die Marxisten mit Karl Marx’ eigenen Zitaten

Wir sind Zeugen, wie sich zwei feindliche Brüder, die SPD und die SED - unter ihrem Etikett PDS -, in mehreren deutschen Ländern erneut zu verbrüdern beginnen und vertrauensvolle Kooperationen eingehen. Als sie untereinander noch spinnefeind waren, warfen sie sich gegenseitig vor, ihren Stammvater Karl Marx verraten zu haben. Noch heute wird gerätselt, ob Marx für Totalitarismus und Terror oder für eine freiheitlich demokratische Ordnung steht. Oder ist er so vieldeutig, daß sich jeder und am Ende keiner auf ihn berufen darf? Alle Verantwortlichen der im „Schwarzbuch des Kommunismus“ aufgelisteten 85 bis 100 Millionen Verbrechensopfer verstanden sich als Marxisten. Zu Recht oder zu Unrecht?

In den meisten Publikationen wird noch immer versucht, Marx in Schutz zu nehmen, ihn als Humanisten darzustellen. Der als Jurist angetretene und mittlerweile als Politikwissenschaftler emeritierte Professor Konrad Löw erhebt gegenüber diesen Marx-Adoranten den Vorwurf, systematisch alles Belastende auszublenden. Wer Marxens Schriften wirklich studiert, muß rote Balken im Auge haben, um die schwarzen Abgründe nicht zu entdecken. Löw hat sich der angeblichen Philosophie des Karl Marx genähert und es mittlerweile zu einem der bedeutendsten Kenner dieser Materie gebracht. Oft hat man ihn schon als „Marx-Töter“ belächelt, wütend beschimpft oder im kommunistischen Prag einst sogar verhaftet.

Doch langsam trägt seine Arbeit Früchte. Einige namhafte MarxVerehrer konnte er schon nachdenklich machen, andere weichen seinen Aufdeckungen noch immer hilflos, zuweilen sogar arrogant aus, doch einige konnte er bereits umstimmen, so zum Beispiel Günter Schabowski, ehemaliges Politbüro-Mitglied und früherer Chefredakteur des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“. Er bekennt heute: „Jedenfalls bin ich bei meinem eigenen mühevollen Bemühen, die Wurzeln des realsozialistischen Desasters - also auch meines eigenen - zu finden und zu erfassen, an Löw wie ein blindes Infusorium vorbei- oder um ihn herumgeirrt. Gesucht wurde vor allem in der Ecke der linken ‚Kritiker‘. Vielleicht war das auch ganz gut so. Vielleicht hätte mich die Radikalität von Löw in einer früheren Phase dieser Suche abgeschreckt und entmutigt. Es war eine notwendige Stufe der Ent-Täuschung. Einmal in Gang gekommen, führt sie allerdings unaufhaltsam zu der Konsequenz, die mich heute sagen läßt, nicht erst mit Stalin, sondern mit dem Freundespaar aus Trier und Wuppertal begannen Misere und Höllensturz der ‚wissenschaftlichen‘ Weltverbesserung.“

In Bremen stellte sich der linke Historiker Imanuel Geiss einem Streitgespräch mit Löw, das jedoch als solches nicht zustande kam, weil Geiss in der Vorbereitung darauf in Löws Schriften gelesen hatte und sogleich einräumte, daß er sein Marx-Bild grundlegend revidieren mußte, also Löw nur noch zustimmen könne.

Wodurch überzeugt Löw? Es sind gewissermaßen die nackten Fakten, denn er läßt die beiden Freunde Marx und Engels ausführlich zu Wort kommen - Zitat um Zitat lediglich unter einzelne Stichworte zusammengefaßt: „Amerika, Amerikaner“, „Arbeit“, „Arbeiterbewegung“, „Arbeitsteilung“, „Arbeitszeit“, „Ausbeutung“ - und so geht das durchs ganze Alphabet bis „Zwangsarbeit“. Kein wichtiges Stichwort fehlt, weder „Demokratie“ oder „Ehe“, „Eigentum und Familie“ noch „Gewalt“, „Humanismus“, „Judentum“, „Menschenrechte“ oder „Religion“.

Vorab bietet er einen Überblick über Leben und Lehre der Freunde, wobei Marx im Vordergrund steht. Einleitend zitiert er namhafte Persönlichkeiten, Richard von Weizsäcker, Marion Gräfin Dönhoff und Michail Gorbatschow, die auf bezeichnende Weise dem Marxkult Vorschub leisten, so die Herausgeberin in der „Zeit“ mit den Worten: „Vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg gab es ein gemeinsames europäisches Bewußtsein: Montesquieu, Rousseau, Voltaire, Goethe und Diderot, Hegel und Marx hatten es geschaffen. Jeder kannte des anderen Werke. Jeder las jeden.“ „Respekt, Respekt!“ ist man versucht zu sagen. Wahrheit ist jedoch: Keiner las Marx. Als Marx mit dem Schreiben begann, waren alle anderen schon tot. Auch andere Marx-Verehrer argumentieren leider auf ähnlichem Niveau. Wer das erkannt hat, ist aufgeschlossen für eine andere Betrachtungsweise.

Im Anschluß prüft der Autor die Stichhaltigkeit jener Verdienstzuweisungen, die Engels am offenen Grab seines Freundes vernahm. Zwei Großtaten verdanke die Menschheit Marx, nämlich das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte und das der heutigen Produktionsweise. Es gelingt Löw nachzuweisen, daß „das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte“ nichts als ein Hirngespinst ist, das nur die heißersehnte Revolution beflügeln sollte. Nirgendwo ist es zu der von Marx immer wieder vorhergesagten proletarischen Revolution gekommen, weder in Rußland noch sonstwo. Das zweite „Gesetz“ hat dieselbe Funktion wie das erste, nämlich die Revolution als unvermeidlich vor Augen zu stellen.

Marx war, und darin stimmen Engels und Löw überein, vor allem ein Revolutionär. Schon als junger Mann schwärmte er ziellos und auffallend häufig vom Vernichten, bis er dann ein konkretes Ziel ins Auge faßte, den „Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung“. So wörtlich im Kommunistischen Manifest und sinngemäß an zahlreichen anderen Stellen, die der Autor unter dem Stichwort „Vernichtungsdrang“ zusammenstellte. Denen, die da behaupten, humanitäre Gefühle hätten den Lebensweg Marxens bestimmt, hält Löw entgegen, daß sich solche Annahme auf einen einzigen, dazu aus dem Zusammenhang gerissenen Satzteil stützt. Immer wieder werde der „kategorische Imperativ“ zitiert, während alle kontradiktorischen Aussagen ausgeblendet blieben. Wer sich vergegenwärtigt, daß Marx mit Blick auf eine größere Anzahl völlig unbescholtener Menschen mehrmals von „Menschenkehricht“, „Menschenmaterial“, „Gesindel“, „Halbmenschen“ spricht, wird an diesem Menschenfreund zu zweifeln beginnen. Auch seine Rücksichtslosigkeit den Eltern, den Geschwistern, der Gattin, den eigenen Kindern und den Freunden gegenüber schließt jeden Gedanken an Nächstenliebe als Handlungsmaxime aus. Löw spricht von einem Egomanen, der in Verfolgung eigener Interessen über Leichen geht.

Damit ist die Frage angeschnitten, ob es zwischen Marx und dem Stalinismus eine Verbindung gibt. In dem kürzlich erschienenen Buch „Karl Marx“ des englischen Autors Francis Wheen heißt es einleitend: „Nur ein Narr kann Marx für den GULag verantwortlich machen, aber leider gibt es solche Narren mehr als genug.“ Keines der Zitate, die den „Narren“ als Beweise dienen und die Löw unter „Diktatur des Proletariats“, „Gewalt“, „Moral“, „Rache“, „Revolution“, „Terror“ zusam-menfaßt, wird von Wheen aufgegriffen und auf seine Gefährlichkeit hin untersucht.

Weiterhin drängt sich die Frage auf, wie sich der Welterfolg von Marx erklären läßt. Löws Antwort, auf zehn Seiten näher begründet, lautet stichwortartig aufgezählt: „Dialektik“, „rücksichts-

lose Kritik“, „wunderbare Verheißung“, „Religionsersatz“, „Arbeitswerttheorie“, „Engels“, „das liebe Geld“. Was meint zum Beispiel „Arbeitswerttheorie“? Nach Marx ist der Proletarier der einzige wertschaffende Faktor, so daß alles ihm gehören müßte. Also hat er das Recht, sich alles anzueignen. Sind das nicht Schalmeienklänge in den Ohren arbeitender Massen? Auch das Geld hat einen nicht geringen Anteil an Marxens Reputation, da der kinderlose, verwitwete Unternehmersohn Engels durch Zuwendungen an die SPD und an einzelne ihrer Führer Einfluß erkaufen konnte.

„Ist Marx für immer tot?“ lautet die Überschrift des vorletzten Kapitels. Löw nennt eine Reihe von Gründen, die sowohl dafür als auch die dagegen sprechen. Resümee: Zumindest in den nächsten Jahrzehnten ist nicht damit zu rechnen, daß Marx aus den Schlagzeilen verschwindet. Abschließend geht es um die Kernfrage: Wie ist es möglich, daß die freiheitlich organisierte Bundesrepublik Deutschland Monumente kultiviert, die sowohl von der KPdSU als auch der SED beschlossen und von Erich Honecker eingeweiht worden sind? Konrad Löw im Original: „Es kann doch nicht sein, daß Freiheit und Knechtschaft dieselben Denker und Agitatoren ihr eigen nennen. Ist es nicht höchst Zeit, zu den Quellen zu gehen, um zu klären, wer sich mit besserem Recht auf das Freundespaar Marx/Engels sowie ihresgleichen berufen kann, die Täter oder die Opfer des Kommunismus?“

Solange Marx und Engels nicht nur im Herzen Berlins, sondern zusätzlich auf sieben weiteren Denkmalen in der Bundeshauptstadt thronen und insgesamt zu Hunderten allein in Straßennamen deutscher Städte verehrt werden, muß das Thema „Marx und Marxismus“ wohl noch immer aktuell sein. Siegmar Faust

 

Konrad Löw: „Marx und Marxismus. Eine deutsche Schizophrenie. Thesen, Texte, Quellen“, Olzog Verlag München 2001, 424 Seiten, ISBN 3-78928051-8. Preis: 58,- DM / 29,65 Euro