© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. November 2001


204. Todestag:
Friedrich Wilhelm II.
Abenteuerliche Geschichte eines königlichen Sarkophags / Teil I
von Heinrich Lange

In der Hohenzollerngruft des Berliner Doms fällt ein Zinnsarg durch seine weitgehende Zerstörung ins Auge. Die Reste sind über einem Sarggerüst montiert, so daß der in die schwarz-weiße Preußenfahne gehüllte neue Innensarg aus Eichenholz sichtbar ist. Es sind die Reste des Prunksarges des nach schwerer Krankheit am 16. November 1797 im Alter von 53 Jahren in seinem Marmorpalais in Potsdam verstorbenen Königs Friedrich Wilhelm II. Der Neffe Friedrichs des Großen, der Sohn dessen Bruders August Wilhelm, folgte seinem Onkel 1786 auf den Thron. Er ist der letzte regierende Hohenzoller, der im Berliner Dom beigesetzt wurde.

In Hans-Joachim Neumanns 1997 zum 200. Todestag Friedrich Wilhelms II. erschienener Biographie über den König heißt es: „Im Zweiten Weltkrieg hat sein Sarkophag durch einen Treffer schwer gelitten, so daß heute in der Gruft nur noch Reste gezeigt werden können.“ Bei Führungen in der Gruft vernimmt man, daß der Sarg in diesem desolaten Zustand „als Mahnmal gegen Krieg“ belassen werden soll. Die ganze Wahrheit darf jedoch nicht verschwiegen werden. Richtig ist zwar, daß am 24. Mai 1944 die Domkuppel durch eine Brandbombe, die den Fuß der Laterne traf, in Brand geriet. In dessen Folge verglühte der obere Kranz der Kuppel und die Laterne mit der Eisenkonstruktion stürzte in das Innere des Gotteshauses und durchschlug die Decke der Gruft. Durch den brennenden Phosphor ist unter anderem das Staatswappen an der rechten Langseite des Sarges größtenteils verschmolzen.

Dieter Brozat berichtet aber in „Der Berliner Dom und die Hohenzollerngruft“ (1985), daß die Zerstörungen auch das Werk von Grabräubern waren. Zum Sarg Friedrich Wilhelms II., von dem er aufschlußreiche Aufnahmen der Reste von 1960 beifügt, und zu den sterblichen Überresten des einst in der Paradeuniform seines ersten Bataillons Garde in den Sarg gelegten Königs erfährt man: „Die Zerstörung ist nur zum geringeren Teil auf Kriegseinwirkungen zurückzuführen. Die Art der Beschädigungen zeigt deutlich, daß die Deckelplatte herausgetrennt und die Seitenteile aufgeschnitten worden sind“, und zwar offensichtlich mit einem Bajonett, wie mir der Autor in diesem Sommer mitteilte. „Der Innensarg aus Zink ist ebenfalls erbrochen, die sterblichen Überreste des Königs fehlten bei der Untersuchung des Sarkophags. Bei den Nachforschungen in der Domgruft konnte die herausgetrennte Deckelplatte wiedergefunden werden. Ebenso wurden in mühevoller Kleinarbeit Skelett-Teile gefunden, teils im Schutt des Domes, so der Kopf mit Haaren [...]. Das Gewebe der Füße war noch voll in der Einbalsamierung vorhanden. Die anderen Skelett-Teile weisen in ihrer Beschaffenheit und in der Färbung deutlich auf eine Einbalsamierung hin. Da in Preußen in der Regel nur die regierenden Fürsten einbalsamiert wurden, ist der Verfasser überzeugt, daß es sich bei den Knochenfunden um die Überreste König Friedrich Wilhelms II. handele. Eine genaue medizinische Untersuchung war bisher nicht möglich.“

Der Grund dafür, daß der Zinnsarg des Königs nicht wiederhergestellt werden soll, scheint mit der überwiegend negativen Beurteilung des Königs in der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts zusammenzuhängen. Bekanntermaßen nahm man dem König seine Mätressen und Nebenfrauen übel, seine aktive und hochrangige Mitgliedschaft im gegen die Aufklärung gerichteten Orden der Gold- und Rosenkreuzer, seine ausgeprägte Neigung zur Mystik und zum Spiritismus bis hin zu Auswüchsen in Form von Geisterbeschwörungen sowie das neue Religionsedikt und Zensur-edikt von 1788 - die Außenpolitik einmal außer Betracht lassend. Von der Einschränkung der Geistesfreiheit waren auch die beiden wichtigsten Organe der Berliner Aufklärung betroffen, die „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ und die „Berlinische Monatsschrift“, für die auch Immanuel Kant zahlreiche Beiträge lieferte. Mit seinem Aufsatz „Erneuerte Frage: Ob das menschliche Geschlecht im beständigen Fortschreiten zum Besseren sei“ (1797) geriet der Königsberger Philosoph erneut mit der Zensurbehörde in Konflikt.

Angesichts der Restriktionen, denen Johann Erich Biester, der Leiter der Königlichen Bibliothek und Herausgeber der „Berlinischen Monatsschrift“, ausgesetzt war, überrascht sein schmeichelhafter Nachruf. Am 14. Dezember 1797 zitiert ihn eine Beilage der „Berlinischen Zeitung“: „Friedrich Wilhelm vollendete das große von Friedrich angefangene Werk der Gesetzgebung. Und wäre dies die einzige That, welche Sein Re-gentenleben verherrlichte: wie sicher müßte Er nicht schon durch sie allein zur Unsterblichkeit dringen! - Er wird als der glückliche Vergrößerer seines Landes ewig in den Annalen unserer Geschichte leben. Die Enkel unsrer neuen Brüder in Franken und an der Weichsel werden stets den Tag feiern, wo sie Preußen wurden; und die Menschheit selbst kann ihn feiern, weil diese Erwerbungen nicht die Folge schreck-licher Kriege waren [...]. - Seine Zeitgenossen nannten ihn: den Gütigen; und nach Jahrhunderten noch, wird man Seiner wohlthätigen Werke sich dankbar erfreuen. Er bauete, nützend und verschönernd, für die Nachwelt. Mehrere unsrer Provinzen haben durch Ihn geebnete und feste Straßen erhalten, deren unser Land bisher so entbehrte (Chausseen in Westphalen, in Schlesien, in Magdeburg, in Brandenburg). Anderwärts ist durch Ihn die Bequemlichkeit des Verkehrs und der Vortheil der Bewohner durch Kanäle erhoben (im Ruppinischen, nach der Wiedererbauung der abgebrannten Stadt). Mehrere Oerter und Gegenden, besonders die Hauptstadt des Reichs, sind von Ihm mit ansehnlichen Wohnhäusern und Pallästen, mit heilsamen Anstalten jeder Art (nur z. B. die Vergrößerung der Charité, die Vieharzeneischule, Erbauung des Marienkirchthurms, Erbauung mehrerer Thore und Stadtmauern, einer eisernen und anderer Brücken, Erbauung der neuen Stadtgefängnisse, u.s.w.), auch mit bewundernswürdigen Denkmahlen ausgestattet worden. So lange noch Sinn für die Natur, und Geschmack an der Kunst bei den Einwohnern Berlins Statt haben werden, das heißt so lange Berlin da seyn wird, kann der Name des Königs nicht untergehn, der am Ende der schönsten Straße und beim Eintritt in den schönsten Lustwald das erhabene Thor aufführen ließ, welches so kühn sich den Griechischen Werken der Architektur entgegenstellt.“

In der Tat kam es alles in allem in der nur elfjährigen Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. zu einem kulturellen Aufschwung in Preußen und zu einer Hinwendung zur deutschen Kunst in Theater, Kunst und Musik. Der König, selbst ein talentierter Cellist, vereinigte nach dem Regierungsantritt seine Privatkapelle mit der königlichen, die damals als eine der größten und besten Hofkapellen Europas galt. Wolfgang Amadeus Mozart bestaunte bei seinem Besuch im Jahre 1789 die mit fast 70 Mann besetzte Hofkapelle. An das ehemalige Französische Komödienhaus, das er zum „Königlichen Nationaltheater“ erhob, konnte er August Wilhelm Iffland berufen und durch den zum Direktor des neu geschaffenen Oberhofbauamtes ernannten Carl Gotthard Langhans ließ er das neue Königliche Schauspielhaus errichten, aus dem ein weltstädtisches Theater wurde. Der Goethefreund Carl Friedrich Zelter wurde Direktor der Singakademie und gab ihr nationale Reputation. Als Bauherr hat sich der König mit dem Marmorpalais im Neuen Garten, dem Schlößchen auf der Pfaueninsel, dem Belvedere im Park von Schloß Charlottenburg und dem Brandenburger Tor bleibende Denkmale gesetzt.

Ein umfassendes Bild der Kunst- und Kulturgeschichte seiner Zeit liefert der Katalog der Ausstellung anläßlich des 200. Todestages des Königs 1997, die nach dem Geleitwort von Hans-Joachim Giersberg auch „versucht, das immer noch von Klischees und Vorurteilen geprägte Bild des Königs zu objektivieren“. Burkhardt Göres verweist im Vorwort auf die Bewertung Friedrich Wilhelms II. durch Sebastian Haffner in „Preußen ohne Legende“ (1978), wo dieser sogar die These vertrete, daß er einer der erfolgreichsten Hohenzollernkönige gewesen sei: „Dies gilt inzwischen anerkanntermaßen für die außerordentliche Förderung der Künste in seiner kurzen Regierungszeit, nach Haffner aber auch für sein außenpolitisches Wirken, das Preußen zur wirklichen Großmacht in Europa erhob und den Staat auf das Doppelte seiner Flächenausdehnung brachte. Haffner betrachtet und beurteilt das Wirken der preußischen Herrscher im 17. und 18. Jahrhundert unter den jeweiligen Zeitumständen und im Zusammenhang mit der Politik der Nachbarstaaten, und er mißt es damit nicht mehr, wie bis dahin üblich, mit den Maßstäben des 19. Jahrhunderts.“

Ein besonderer Spendenaufruf gilt aber, wie dem goldgerahmten Bild mit dem farbigen Porträt der Königin zu entnehmen ist, nur der Restaurierung des Sarges der zweiten Gemahlin des Königs, Friederike Luise von Hessen-Darmstadt. Ihr Holzsarg ist allerdings intakt. Die „Patina“ verleiht dem Sarg auch ohne Erneuerung der Brokatbespannung eine würdige Ausstrahlung. Hier scheint ein Gegensatz zwischen dem König und der Königin zwei Jahrhunderte nach deren Tod inszeniert, der in einer Totengruft unangebracht ist. Friedrich Wilhelm II. wurde 1769 als Kronprinz von Friedrich dem Großen gegen seine Neigungen mit Friederike Luise verheiratet. Er hatte zwar mit ihr acht Kinder, darunter den Kronprinzen, den späteren König Friedrich Wilhelm III., doch legte er sich zwei Gemahlinnen „zur linken Hand“ und Mätressen zu. Bekannt ist vor allem Wilhelmine Encke, die Gräfin von Lichtenau, die einen großen Einfluß auf den König gewann.

Fortsetzung folgt


Letzte Ruhestätte: Des Königs Prunksarg in der Hohenzollerngruft des Berliner Doms, der um 1798 vom Hofzinngießmeister Ernst Christoph Siercks um das Jahr 1798 geschaffen wurde, ist nur noch rudimentär vorhanden. Foto: Lange

Friedrich Wilhelm II.: Die Büste stammt von dem Leiter der Hofbildhauerwerkstatt in Berlin, Direktor der Berliner Akademie der Künste und Hauptmeister des deutschen Klassizismus Gottfried Schadow, der zu den Nutznießern der Liebe des Königs zur Kunst gehörte.