© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Dezember 2001


Die Kaiserliche Reichskriegsflagge
Vor 80 Jahren nahmen die deutschen Seestreitkräfte Abschied von ihrer »alten ruhmreichen Flagge«

Am kommenden Neujahrstag ist es 80 Jahre her, daß die bekannteste und berühmteste deutsche Kriegsflagge zum letzten Mal gehißt wurde: die Kaiserliche Reichskriegsflagge. Sie wehte 54 Jahre auf deutschen Schiffen, von 1867 bis 1921.

Die Geburtsstunde des Urmusters der zugleich langlebigsten deutschen Kriegsflagge schlug im Zusammenhang mit der Gründung des nördlich der Mainlinie gelegenen Norddeutschen Bundes nach dem preußischen Sieg im deutschen Bruderkrieg von 1866.

Als „Vater“ der Flagge kann Prinz Adalbert von Preußen (1811-1873) gelten, unter tätiger Mithilfe seines Onkels, König Wilhelm I. von Preußen (1861-1888). Mit Wirkung vom 1. März 1849 erhielt Prinz Adalbert den Oberbefehl über alle preußischen Kriegsfahrzeuge, agierte seit 1854 als „Admiral der preußischen Küsten“, stieg später gar bis zum „Generalinspekteur der Kaiserlichen Marine“ auf, was allerdings mehr eine Ehrenstellung ohne konkrete Befehlsbefugnisse bedeutete. Prinz Adalbert gilt als Schöpfer der preußisch-deutschen Marine.

In einer kaum übersehbaren Zahl an Entwürfen für die Seestreitkräfte des Bundes hat der Prinzadmiral alle nur denkbaren Gestaltungsmöglichkeiten niedergelegt. Vorgegeben waren allerdings die weiße Grundfarbe des Tuches, segelte doch schon die kurfürstlich-brandenburgische Flotte unter einer solchen. Weiterhin mußte das schwarz-weiß-rote Nationalkolorit des Norddeutschen Bundes erscheinen. Die Entscheidung für diese Farben war bereits im Dezember 1866 durch den späteren Reichskanzler Otto von Bismarck gefallen; sie stellten die Kombination der Landesfarben Preußens (schwarz-weiß) mit denen Brandenburgs (rot-weiß) beziehungsweise dem Kolorit der Hansestädte (weiß-rot) dar. Desgleichen sollte die Flagge sowohl den preußischen Wappenadler als auch das Eiserne Kreuz enthalten. Da Preußen der führende Staat des Norddeutschen Bundes war, sich dessen Kriegsflotte ausschließlich aus ehemals preußischen Schiffen zusammensetzte und der König von Preußen zum Oberbefehlshaber der neuen Norddeutschen Bundesmarine bestimmt wurde, war dies eine durchaus logische Symbolwahl.

Mit „Allerhöchster Kabinettsorder“ vom 4. Juli 1867 legte Wilhelm I. die - bis auf geringfügige Einzelheiten - endgültige Form der neuen Kriegsflagge fest. Am 1. Ok- tober 1867 morgens wurde die Kriegsflagge der Marine des Norddeutschen Bundes feierlich gehißt.

Die neue Kriegsflagge bezog sich in ihrem Design allerdings nicht nur auf die damals seit 50 Jahren bestehende preußische Kriegflagge allein - in weißem Feld der preußische Wappenadler, in der Oberecke die 1813 gestiftete Kriegsauszeichnung des Eisernen Kreuzes -, sondern auch auf die seit 1864 bestehende Kriegsflagge Großbritanniens, das „White Ensign“ (in Weiß ein durchgehendes rotes Kreuz, in der Oberecke der „Union Jack“). England hat als damals führende maritime Macht entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung aller übrigen Seestreitkräfte genommen, nicht zuletzt der preußischen.

Die in einem zeitgenössischen Bericht als „Morgengabe Preußens“ an den Norddeutschen Bund bezeichnete neue Kriegsflagge wurde unverändert vier Jahre später vom deutschen Kaiserreich von 1871 übernommen.

Nunmehr wurde auch die Kriegsflagge „kaiserlich“. 1892 und 1903 erfolgten kleinere heraldische beziehungsweise graphische Abänderungen der Flagge, so eine Modifikation des Preußenadlers und eine Verbreiterung der Balken des schwarzen Mittelkreuzes.

Die Kaiserliche Reichskriegsflagge sollte sogar das Ende der Monarchie überleben. Zwar erließ das erste Staatsoberhaupt der nunmehrigen deutschen Republik, Reichspräsident Friedrich Ebert, am 27. Dezem- ber 1919 ein Dekret über neue Kommandozeichen der Marine, darunter auch eine neue Reichskriegsflagge, welche nunmehr die schwarz-rot-goldene Trikolore als Oberecke aufwies, doch stemmte sich die „kaisertreue“ Marine vehement gegen das neue Zeichen. So wehte weiterhin die alte Flagge von deutschen Kriegsschiffen.

Erst mit Wirkung des 1. Januar 1922 wurde die Verordnung vom 11. April 1921 über eine wiederum neue Marineflagge, welche die Bezeichnung „Reichskriegsflagge“ beibehielt, endgültig. Diese zeigte ein auf schwarz-weiß-rotem Grund aufgelegtes Eisernes Kreuz mit einer schwarz-rot-goldenen Oberecke.

Der an diesem Tag von Admiral Behncke, dem Chef der Marineleitung, herausgegebene Tagesbefehl ist ein zeitgenössisches Dokument, welches die Stimmungslage der Marine prägnant wiedergibt. Es heißt darin unter anderem: „Der Abschied vom Jahre 1921 gewinnt für uns besondere Bedeutung: wir nehmen Abschied von unserer alten ruhmreichen Flagge! Über unvergeßliche Taten in Krieg und Frieden auf allen Meeren und an allen Küsten hat sie geweht. Tausende von braven Seeleuten und Soldaten sind unter ihr den Heldentod gestorben. Keiner unter uns, der nicht voll Stolz zu ihr aufblickte als zu dem Wahrzeichen einstiger deutscher Macht und Seegeltung. Was wir empfinden, wenn diese Flagge sinkt, verschließen wir in unseren Herzen.“

Doch untergegangen war des Kaisers Flagge damit immer noch nicht. Bereits 1924 kam sie wieder zu offiziellen Ehren - für einen Tag im Jahr. Bis 1944 wehte sie jeweils am 31. Mai vom Großtopp der deutschen Kriegsschiffe, in Erinnerung an die Skagerrak-Schlacht gegen die Briten am 31. Mai 1916. Harry D. Schurdel

Die Kaiserliche Reichskriegsflagge: An Bord der „Vineta“ während einer Auslandsreise 1912/13