© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Dezember 2001


Gott nimmt uns Menschen ernst
von Dietrich Sandern, Pfarrer i. R.

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.“ So beginnt der Arzt Lukas das 2. Kapitel seines ersten Buches, in dem er - nach seinen eigenen Worten - alles aufgeschrieben hat, was Jesus getan und gelehrt hat.

Die Geschichte fängt also ganz profan an: der Staat - hier das mächtige Rom - braucht Geld, und deswegen wird eine genaue Personen-Auflistung gemacht, damit sich niemand vor der Zahlung von Steuern drücken kann. Gleichzeitig bekommt der Staat auch einen genaueren Überblick über seine Bevölkerung. Mit dieser Erhebung ist eine kleine „Völkerwanderung“ verbunden, denn die Registrierung muß am Geburtsort vorgenommen werden.

Unter diesen Menschen, die unterwegs sind, um das Gesetz zu erfüllen, ist auch ein junges Ehepaar, das ein Kind erwartet. Die Suche nach einer Unterkunft in Bethlehem gestaltet sich schwierig. Warum? Die Überlieferung sagt nur: „In der Herberge war kein Platz für sie.“ War die Herberge überfüllt? Oder sah der Wirt den Zustand der Frau und fürchtete Unannehmlichkeiten oder gar Ärger? Nur nicht aus dem gewohnten Rhythmus kommen. Damit will ich nichts zu tun haben. Das kostet möglicherweise Zeit und Geld, und das auch noch für andere, wovon ich nichts habe. Ich habe anderes zu tun. So ist es bis heute geblieben. Wo ich Komplikationen wittere, mache ich einen Bogen und verschwinde. Dafür gibt es letztlich eine Reihe von Institutionen, die sich um alle Nöte und Sorgen kümmern müssen.

Es bleibt nur ein Stall übrig, vielleicht eine größere Höhle, in dem sich sonst Schafe aufhalten. In dieser gerade nicht vornehmen Umgebung wird das Kind geboren. Ein ganz normales Kind, das sich nach außen in nichts von allen anderen Kindern unterscheidet.

Und doch ist vieles anders. Das, was die vielen Propheten der Vorzeit in das Volk Israel hineingepredigt haben, verdichtet sich nun und wird in diesem Kind Wirklichkeit: Gott wird Mensch. Aber eben nicht in spektakulärer Art, so daß man ihn sofort als solchen erkennt, sondern in der Normalität des Lebens. So normal, daß Menschen erst in besonderer Weise darauf aufmerksam gemacht werden müssen: Engel erscheinen und sagen den Hirten, daß sich in diesem Kind im Stall in Bethlehem die tiefsten Sehnsüchte des Menschen nach Heil und Leben erfüllt haben: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“ Damalige gläubige Menschen verstanden diese Worte. Sie wußten um diese eigentlich weltbewegende Botschaft, daß die Zeit erfüllt war, in der sich Himmel und Erde berührten.

„Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll.“ Diese Nachricht von der Menschwerdung Gottes und die damit verbundene Freude gilt nicht nur ein paar auserwählten Leuten wie den Hirten, sondern sie gilt allen Menschen, die guten Willens sind. Bezeichnenderweise teilen die Engel das Ereignis nicht den „Pharisäern und Schriftgelehrten“ mit, also den Profis, sondern Hirten, einfachen Menschen; denn dieses Ereignis kann von allen Menschen aufgenommen werden, die sich in der unheilvollen Welt nach Heil und Frieden und Erfüllung sehnen. „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ Deshalb ist Gott Mensch geworden mit allen Konsequenzen bis in den Tod, damit der Mensch leben kann, sein Leben - egal in welcher Form - auch sinnvoll ist und dieses Leben einmal Fülle hat.

„Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er umkehrt und lebt.“ Bei Terror, Mord und Krieg sich auf Gott zu berufen ist völlig absurd, ist schwachsinnig. Und Weihnachten ist nicht ein Fest für den größten Kitsch und für verharmlosende Gefühlsduselei, sondern die Mitteilung auch in unsere Welt des Jahres 2001: Gott nimmt uns Menschen ernst, so sehr, daß er sich selbst einsetzt, um diesen Menschen - uns - Frieden zu schaffen. Aber: Wollen wir diesen Frieden allen Ernstes?