© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. Januar 2002


Gedanken zur Zeit:
Die preußischen Tugenden und der Widerstand
Erinnerung an Claus Schenk von Stauffenberg
von Stefan Winckler

„Ich könnte den Frauen

und Kindern der Gefallenen

nicht in die Augen sehen,

wenn ich nicht alles täte,

weitere sinnlose Menschen-

opfer zu verhindern.“

Stauffenberg 1943

Wer Claus Schenk von Stauffenberg war, kann jeder halbwegs gebildete Mensch beantworten. Und doch ist sein Name weniger in der Öffentlichkeit präsent, als er es eigentlich verdient. So ist seine Biographie weder in dem Band „Die großen Deutschen unserer Epoche“ (herausgegeben von I. Gall, 1985) vertreten, und auch in „Die Großen der Weltgeschichte“ (herausgegeben von K. Fassmann und anderen, 1971 bis 78) suchen wir ihn vergebens. Zwar sind Straßen nach ihm benannt, aber sie fallen kaum auf.

Daher finde ich es gut, daß Das Ostpreußenblatt die deutsche Geschichte und die Frage nach den preußischen Tugenden aufgreift und sich so den Untertitel „Preußische Allgemeine Zeitung“ redlich verdient. Auch wenn Stauffenberg kein Preuße im engeren Sinne war, so war er doch von beispielhaften - eben preußischen - Tugenden beseelt.

Stauffenberg, geboren am 15. November 1907 (bezeichnenderweise wies kaum jemand auf diesen Gedenktag hin) im schwäbischen Jettingen, war mütterlicherseits ein Urenkel General Gneisenaus, während sein Vater als Oberhofmarschall des württembergischen Königs diente. Von früh an musisch geprägt (er spielte Cello und kam in den Kreis des Dichters Stefan George), entschied er sich aber 1926 für eine Offizierslaufbahn, vielleicht das Goethe-Wort im Sinn, wonach es „nichts besseres gebe als einen gebildeten Offizier“. Die sehr harte Ausbildung, mit der die Reichswehr ihre Begrenzung auf 100.000 Mann auszugleichen versuchte, schien ihn nicht zu hindern. Mehrfach verwahrte er sich gegen die Schmähung der Farben Schwarz-Rot-Gold. Das Ideal des Katholiken Stauffenberg war aber nicht die Republik mit ihrer Parteien- und Verbandsvielfalt, sondern das Heilige Römische Reich, dessen Kaisermacht (Biographie des Staufers Friedrich I.) damals von Ernst Kantorowiez eindrucksvoll beschrieben wurde. Den Nationalsozialismus dürfte er mit Ambivalenz erlebt haben: Die Roheit und Gewalt der proletarischen SA einerseits, ebenso die Kampfansage an die christlichen Traditionen Deutschlands erkannte er, doch die Offiziere (1930 war er als Jahrgangsbester Leutnant) waren zur politischen Zurückhaltung verpflichtet. Ob er den Totalitarismus Hitlers schon Mitte der dreißiger Jahre als einen Bruch mit deutschen Traditionen gesehen hat (vorher gab es eben keine Parteiherrschaft und keine Erziehungsdiktatur), muß offen bleiben. Wie eine Reihe bedeutender, kenntnisreicher Persönlichkeiten (Beck, Hoepner) erkannte aber auch Stauffenberg 1938/39 ein Vabanquespiel Hitlers, das mit Krieg und Niederlage enden mußte. Nach dem 1. September 1939 staunte zunächst auch Stauffenberg über die deutschen Siege (an denen er als Rittmeister auch seinen Anteil hatte). Oft mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllend, rastlos alles selbst in Augenschein nehmend, erkannte Stauffenberg, daß Hitler ein Dilettant war, dessen militärisches Glück nicht von Dauer sein konnte: Die Niederlage des Rußlandkrieges schien mit dem Winter 1941/42 vorgezeichnet, ohne daß Hitler die Konsequenzen gezogen hätte. Des weiteren gab es keine klare Gliederung der Befehlswege, sondern sich widersprechende Kompetenzen - Stauffenberg sprach dies 1941 offen an einer Kriegsakademie aus. Russische Kriegsgefangene, die gegen Stalin kämpfen wollten, gingen elend zugrunde, eine brutale Besatzungspolitik im Osten sowie die Massenmorde an Juden konnte er mit Blick auf die Opfer und mit Blick auf die Ehre der Frontsoldaten nicht hinnehmen.

Tieffliegerbeschuß an der nordafrikanischen Front kostete ihn eine Hand und ein Auge. Trotzdem entwickelte er sich mehr und mehr zum Motor des konservativen (Goerdeler) und militärischen (Beck) Widerstands, insbesondere wegen des Plans, das Ersatzheer im Inneren unter der Parole „Walküre“ zu einem Staatsstreich zu nutzen, um noch etwas von Deutschlands Ehre und Substanz „von innen heraus“ zu retten. Als sein wichtiger Verbündeter ist Henning von Tresekow zu nennen. Nach einem gelungenen Attentat war zunächst an eine Beendigung des Nationalsozialismus, dann an eine Verfassungsordnung zu denken, über die die Frontsoldaten maßgeblich zu entscheiden hatten. Wie wir wissen, ließ General Fromm, auch um seine eigene Mitwisserschaft zu kaschieren, Stauffenberg am 20. Juli 1944 im Bendler-Block standrechtlich erschießen. „Es lebe das geheime Deutschland“ waren Oberst Stauffenbergs letzte Worte.

Was bleibt von Stauffenberg und seinem Kreis für uns heute? Die Tugenden Stauffenbergs verdienen zu allen Zeiten eine eingehende Betrachtung, gerade heute, wo geistige Oberflächlichkeit, mangelnde Verbundenheit mit der kulturellen Tradition Deutschlands und ein Selbstverwirklichungsdrang bei vielen Menschen stark ausgeprägt sind. Daher ist ein Nachdenken über Gewissen, Bildung und Kultur, Elite und ihre Verpflichtung zur Höchstleistung und zum Vorbild, Treue zum Vaterland und den abendländischen Werten stets zu begrüßen, und das keineswegs nur im engeren politischen Zusammenhang.