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19.01.2002 Berlin: Ehrung für Albrecht Haushofer

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. Januar 2002


Berlin: Ehrung für Albrecht Haushofer
Die Mittellage durchdenken
»Geopolitik« ist in Deutschland wieder salonfähig geworden
von Martin Schmidt

Es hat schon seine besondere Bedeutung, wenn am 7. Januar vor dem Innenministerium in Berlin im Beisein Schilys ein Denkmal für Albrecht Haushofer eingeweiht wurde. Denn damit erhielt nicht nur ein NS-Gegner aus dem Umfeld des 20. Juli seine späte Ehrung, überdies kann man die Denkmalsenthüllung auch als Rehabilitierung der Geopolitik verstehen.

Albrecht Haushofer und noch mehr sein Vater, der General Karl Haushofer (1896-1946), gehören neben Friedrich Ratzel (1844-1904) zu den Protagonisten der Geopolitik in Deutschland, einer Wissenschaft, die mit Verweis auf „Lebensraum“-Theorien der NS-Zeit jahrzehntelang tabu war.

Dabei ist „Geopolitik“ oder „Geostrategie“, wie heute oft gesagt wird, als Lehre vom Einfluß des Raumes auf die Politik einer Nation eine von alters her geachtete Disziplin. Ganz selbstverständlich haben Staatstheoretiker wie Plato, Aristoteles, Machiavelli, Kant, Herder oder Hegel die Wichtigkeit geographischer Gegebenheiten für die Politik erkannt.

Im dem Buch „Geopolitik heute“ von Heinz Brill (1994) heißt es zum Wesen dieser Wissenschaft: „Charakteristisch für geopolitisch geprägte Weltbilder ist es, daß zwischen den wie auch immer definierten regionalen Einheiten eine zumindest latente Konkurrenz angenommen wird. Unter diesem Blickwinkel erscheinen globale Wandlungsprozesse nicht zuletzt als Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen regional verankerten Kräften: zwischen Land- und Seemächten, (...) zwischen religiösen und kulturellen Strömungen oder zwischen wirtschaftlichen Wachstumspolen.“

Die Raumwissenschaft - den Begriff „Geopolitik“ hatte während des Ersten Weltkrieges der Schwede Rudolf Kjellén eingeführt - erfuhr im Deutschland der Zwischenkriegszeit ihre Hochkonjunktur. Karl Haushofer stand an der Spitze der Entwicklung. Sein Sohn war jedoch kaum minder wichtig. Albrecht Haushofers Hauptaugenmerk galt dem Ziel, die oft schwammig definierte Lehre zu systematisieren und mit einem methodischen Korsett zu versehen. Hierfür schuf er in der NS-Zeit unter Einflußnahme des Vaters das Handbuch „Allgemeine Politische Geographie und Geopolitik“, das 1951 postum veröffentlich wurde.

Sich mit der Biographie von Karl und Albrecht Haushofer zu befassen, ist ein spannendes Unterfangen. Beide waren ohne Zweifel konservativen Geistes. Albrecht wurde 1903 in München geboren und promovierte dort beim berühmten ostpreußischen Polarforscher Erich von Drygalski zum Thema „Paß-Staaten in den Alpen“.

Nach längeren Reisen arbeitete er zwischen 1928 und 1938 als Generalsekretär der „Gesellschaft für Erdkunde“ in Berlin. Trotz einer jüdischen Mutter gelang es ihm dank der Vermittlung des mit seinem Vater befreundeten Rudolf Heß im Jahre 1933 als Dozent an der Berliner Hochschule für Politik unterzukommen und dort 1937 eine Professur für Politische Geographie und Geopolitik anzutreten.

In den vorangegangen Jahren hatte der „Anti-Demokrat aus Prinzip“, wie sich Albrecht Haushofer in der Frühphase der Weimarer Republik bezeichnete, intensiv über einen korporativen Staatsaufbau als Alternative zum Parlamentarismus sowie über eine föderative Neubaugestaltung Europas nachgedacht. Gelegentlich verfaßte er Denkschriften für Rudolf Heß, arbeitete in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes unter Staatssekretär Ernst Freiherr von Weizsäcker mit und unternahm für die Dienststelle Ribbentrop geheime Missionen nach Großbritannien, Südosteuropa und Japan. Im September 1938 gehörte er zum Stabe Ribbentrops auf der Münchner Konferenz.

Die Distanzierung des jungen Haushofers zum NS-Regime kündigte sich schon in seinen in historische Dramen verpackten Deutungen des Zeitgeschehens an, etwa der Trilogie „Scipio“ (1934), „Sulla“ (1938) und „Augustus“ (1938).

In eine eindeutige Gegnerschaft mündete diese Skepsis aber erst nach Ausbruch des Weltkrieges. Der geheimnisvolle Heß-Flug im Mai 1941 (wegen Beteiligung an dessen Vorbereitung wurde er für einige Wochen inhaftiert und als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes entlassen) und die Einsicht, daß seine Versuche einer friedlichen Revision von Versailles durch einen Ausgleich mit Großbritannnien fehlgeschlagen waren, spielten dabei eine wesentliche Rolle.

Seither drängte Haushofer - vor allem im Umfeld des Kreisauer Kreises - auf die Beseitigung Hitlers. Am 7.12.44 kam er im Zuge der Ermittlungen nach dem 20. Juli ins Gefängnis Moabit, wo er ein eindrucksvolles Zeugnis des Widerstandes verfaßte : die „Moabiter Sonette“ (veröffentlicht 1946).

In der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945 wurde Albrecht Haushofer schließlich ohne Prozeß von einem SS-Kommando durch Genickschuß hingerichtet. An diesen Mord und den Widerstandswillen des konservativen Geographen und Schriftstellers erinnert das vom tschechischen Künstler Josef Nalépa gestaltete und von der Stiftung des Unternehmers Ernst Freiberger finanzierte Denkmal im Spreebogen-Areal mit einem Zitat aus Haushofers Sonett „Schuld“: „(...) ich kannte früh des Jammers ganze Bahn -/ich hab gewarnt - nicht hart genug und klar!“

Daß ablehnende Stimmen zur Würdigung eines konservativen Widerständlers und Exponenten der Geopolitik nicht ausblieben, ist alles andere als überraschend. An der Neubewertung geopolitischer Wissenschaft ändert es wenig. Begonnen hatte das Umdenken spätestens ab den 1980er Jahren, zunächst vor allem in den USA.

Im deutschsprachigen Raum widmete sich die Österreichische Militärische Zeitschrift der Geopolitik und hinterfragte die einseitige ideengeschichtliche Ausrichtung der Geisteswissenschaften auf Kosten geographischer sowie historisch-ethnischer Aspekte. Im Juni 2001 entstand in München eine „Akademie für Geostrategie“.

Nach dem Ende der Blockkonfrontation und des Ideologiezeitalters liegt die Notwendigkeit geopolitischen Denkens klar vor Augen. Eine multipolare Weltordnung kündigt sich an, ebenso der Aufstieg Chinas zur Weltmacht und die Schwerpunktverlagerung der US-Politik in den pazifischen Raum.

Das wiedervereinigte Deutschland muß sich trotz des noch immer verbreiteten „neudeutschen Ressentiments gegen Mitte“ (Immanuel Geiss) wieder mit den Folgerungen aus seiner Lage im Herzen Europas auseinandersetzen - mit der historischen Brückenfunktion nach Ostmitteleuropa und der Aufgabe, Rußland an den übrigen Kontinent anzubinden.

Immer mehr Verantwortungsträger scheinen zu begreifen, daß man sich im neuen Weltgefüge, das wesentlich aus geopolitischen und ethno-kulturellen Zusammenhängen geknüpft ist, alte ideologische Verbohrtheiten nicht leisten kann.