© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. März 2002


Vom Wesen der Dinge
Vor 100 Jahren wurde die Graphikerin Gertrud Lerbs-Bernecker in Rogehnen geboren
von Silke Osman

In dieser Kunst wird dem Wesen der Dinge, ihrem inneren Gesetz nachgespürt und so das zeitlos allgemein Gültige sichtbar gemacht“, schrieb Hans Harmsen in der Einführung zu einer 1948 erschienenen Mappe mit Lithographien von Gertrud Lerbs-Bernecker. Sie enthielt Blätter aus den Jahren 1919 bis 1948, eindrucksvolle Arbeiten, geprägt von visionärer Schau, darunter auch eine Lithographie aus dem Jahr 1937 mit dem Titel „Abschied vom ostpreußischen Bauernhof“. Zwei Frauen umarmen sich still, ein Kind, warm eingehüllt, denn die Landschaft zeigt sich tiefverschneit, geht zu einem wartenden Schlitten. Der Bauer ordnet ein letztes Mal den Inhalt des Schlittens. Noch einmal blickt das Kind sich um. Gibt es eine Wiederkehr? - „In dieser Zeit konnte man diese Darstellung noch nicht verstehen“, hat Gertrud Lerbs-Bernecker ihre Arbeit einmal erläutert. „Aber ich habe sie auch nicht wissentlich geschaffen. Ich litt damals schon unter einer großen Angst. Ich ahnte, daß etwas Böses vor der Tür stand. Und in den Nächten träumte ich immer wieder, daß wir aus der Heimat gehen müßten ...“

Flüchtlinge, Menschen in Not, alte Menschen, Kinder, Frauen ohne ein Zuhause, verhärmte Gesichter, Verzweiflung - das sind die Themen, die sich immer wieder im Werk der Graphikerin Gertrud Lerbs-Bernecker finden. Eindrucksvolle Blätter sind es, die als Sinnbild einer aus den Fugen geratenen Welt zu werten sind und heute mehr denn je ihre Wirkung haben. Zu sehen sind sie im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, aber auch im Berliner Kupferstichkabinett.

„Man glaubt beim Betrachten ihrer Bilder sich im geistigen Raum der Vision zu befinden“, schrieb Richard Krüger 1963 im Ostpreußenblatt. „Dinge und Menschen, die sonst im täglichen Dasein gebunden und verhüllt sind, werden offen. Aber diese Bilder sind nur scheinbar Vision; dieser Eindruck wird nur erweckt, weil in ihnen niemals der bestimmte, individuell erfaßte Mensch, sondern der Typus Mensch gleichsam als Repräsentant aller Menschen der modernen Zeit dargestellt wird.“

Oft wurden die Arbeiten der Gertrud Lerbs mit denen der Käthe Kollwitz verglichen. Wenn sich auch die Themen gleichen, so sind die Handschriften doch deutlich zu unterscheiden. „In der Themenwahl zeigt sie Verwandtschaft mit Käthe Kollwitz“, hieß es in der Laudatio zur Verleihung des Ostpreußischen Kulturpreises 1963 an Gertrud Lerbs-Bernecker. „Doch was aus Leid- erfahrung und aus tiefer mütterlicher Mitleidensfähigkeit sich bei Käthe Kollwitz zu sozialer Anklage steigert, das alles wird bei Gertrud Lerbs zum Sinnbild einer zügellos gewordenen, rissigen Welt. - Trotzdem schwebt über allem das Zartgefühl entsagender Mütterlichkeit. Die Trauer endet nicht in Betrübnis, sie gewinnt den Charakter antiker Größe.“ Und: „Gertrud Lerbs-Bernecker zeichnet nicht nur die Menschen und das Land unserer Heimat; es gelang ihr, die seelische Atmosphäre einzufangen und zu interpretieren.“

Und so sind denn in dem Werk der Gertrud Lerbs-Bernecker, die zu Lebzeiten zu den bekanntesten Künstlerinnen Deutschlands gehörte, nicht nur Motive zu finden, die vom Leid der Menschen erzählen, sondern auch Blätter voll zarter Poesie. „... das Weltbild dieser Frau“, erkannte Dichterfreund Fritz Kudnig, „ist nicht nur pessimistisch ... dies leidgeprüfte Leben kennt auch Licht und die Freuden des inneren Menschen.“ Phantasien aus der Märchenwelt, Motiven aus der ostpreußischen Heimat wie etwa die Zeichnung „Spiel in den Dünen“ hat sie Gestalt gegeben. In einer Kritik war zu lesen: „Man glaubt, einer wissenden alten Märchenerzählerin zuzuhören ... Hier setzt sich eine fast romantisch zu nennende Entwicklung vor allen Dingen in der Graphik durch. “

Schon früh fühlte sich Gertrud zur Kunst hingezogen. Jeder Zettel, jede freie Stelle in einem Schulheft wurde mit Zeichnungen versehen. Selbsterdachte Geschichten oder Märchen schrieb sie nieder. „Es störte Gertrud nie, wenn wir alle um sie herumsaßen und zusahen, wie sie malte oder zeichnete“, erinnerte sich ihre alte Freundin Herta Drahl im Ostpreußenblatt. „Es war ihr möglich, einen Menschen in der verzwicktesten Haltung darzustellen und mit der Zeichnung an der Fußspitze zu beginnen. Es gelang immer, so genau stand das Bild vor ihrem geistigen Auge.“

Geboren wurde „das Trudchen“, wie sie sich selbst gern nannte, am 5. März vor 100 Jahren in Rogehnen, Kreis Preußisch Holland. Als der Vater, der Postbeamter war, versetzt wurde, kam die kleine Familie - Gertrud hatte noch einen Bruder Paul - nach Königsberg in die Altroßgärter Kirchenstraße. Gertrud besuchte die Roßgärter Mittelschule, wo ihre Zeichenlehrerin, Fräulein Kob, ihre Begabung bald erkannte. Schon mit 15 Jahren ließ sie sich an der Kunst- und Gewerkschule als Schülerin bei Professor Otto Ewel ausbilden. Ein Jahr später schon wechselte sie zur Kunstakademie über, wo Professor Heinrich Wolff ihr Lehrer wurde. Als einzige Frau erhielt Gertrud Lerbs als Meisterschülerin ein eigenes Atelier an der Akademie. 1943 wurde ihr sogar ein Lehrstuhl angeboten, den sie jedoch aus gesundheitlichen Gründen ablehnen mußte. Schon damals zeigten sich erste Symptome der Multiplen Sklerose, die ihr die letzten Jahre ihres Lebens so schwer machen sollte.

Früh wurde die Begabung dieser Künstlerin erkannt. So erhielt sie mit 16 Jahren bereits ihren ersten Auftrag: ein figürliches Glasfenster der Kirche zu Guttstadt. Mit 22 Jahren erhielt sie die Goldene Medaille der Künste, mit 26 die Medaille für hervorragende Leistungen preußischer Kunsthochschüler, gestiftet von der Berliner Akademie der Künste; unterschrieben war die Urkunde von Max Liebermann und Käthe Kollwitz. Ausstellungen in Berlin (bei Gurlitt), in Königsberg und Danzig sowie im Westen des Reiches kündeten von ihrer großen Begabung. 1935 wurden im Königsberger Schloß in sieben Sälen Steinzeichnungen, Kupferstiche, Originalzeichnungen und Aquarelle von Gertrud Lerbs gezeigt. Ankäufe durch den Staat und die Provinz Ostpreußen folgten.

An der Kunstakademie hatte sie auch Kurt Bernecker kennengelernt, einen hoffnungsvollen jungen Maler. Die beiden heirateten und schufen sich mit einer kleinen Malschule ein gewisses sicheres Fundament für die freie künstlerische Arbeit. Als der Maler und die Graphikerin im Krieg ihr kleines Atelierhaus in der Königsberger Krausallee verlassen mußten, ließen sie auch eine Vielzahl ihrer Werke zurück. Geborgen hatte Gertrud Lerbs-Bern-ecker nur eine Mappe mit Steinzeichnungen und Kurt Bernecker ein Ölbild, das seine Frau in jungen Jahren zeigt.

Über Schlesien gelangten sie schließlich nach Lüneburg. Dort wagten sie den Neubeginn. Doch folgte bald ein neuer Schicksalsschlag: Ein Feuer vernichtete 1952 sämtliche zu Ausstellungen nach England und Schottland geschickten Arbeiten. Wieder begannen die beiden Ostpreußen aufs neue, Gertrud Lerbs-Bernecker schon schwer gezeichnet von ihrer Krankheit.

In der Lüneburger Kefersteinstraße ist lebendiges Schaffen, als Ruth Geede das Künstlerpaar 1952 für Das Ostpreußenblatt besuchte. Schüler arbeiten vor ihren Staffeleien, und viele neue Bilder zieren die Wände. Optimismus spricht aus den Worten Gertrud Lerbs-Berneckers, als sie erklärt: „Vielleicht kann ich nun die Lösung finden, da alles Erahnte sich erfüllte.“ Und: „Ich will nicht nur zeichnen, ich werde auch schreiben.“

Die unheilbare Krankheit aber wird ihr diese Vorhaben zu einer schweren Last werden lassen. Dennoch künden Ausstellungen in Lüneburg und in Hamburg von der ungebrochenen Schaffenskraft der beiden Künstler. Am 6. Mai 1968 dann stirbt Gertrud Lerbs-Bernecker, ihr Mann folgt ihr 1974.

„Heimat ist ein Kraftquell“, hieß es 1963 in der Laudatio zum Kulturpreis. Aus dieser Quelle mag die Künstlerin geschöpft haben; eine Frau, die viel Leid erfahren mußte, die aber in ihren Werken keinen Haß predigte, sondern Liebe und Versöhnung und die menschliche Wärme ausstrahlte.

Bildunterschrift: Meine Frau - Porträt von Kurt Bernecker aus dem Jahr 1954