© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 23. März 2002


Ein nachhaltiges Erlebnis
Freundeskreis heimatvertriebener Hanshagener zum sechsten Mal auf Heimatreise
von Dorothee Radke

Nunmehr zum sechsten Mal führte der Freundeskreis heimatvertriebener Hanshagener seine - wie immer erlebnisreiche - Heimatreise nach Ostpreußen durch. Sie war diesmal wieder gekennzeichnet durch ein Begegnungstreffen von deutschen und russischen Bewohnern von Hanshagen (Janikowo), einer Totenehrung am 1999 neu errichteten Gedenkstein und der Bekräftigung einer beiderseitigen Schicksalsgemeinschaft, die in die Zukunft weist.

Von Niedersachsen kommend erreichte die Reisegruppe über Berlin, Landsberg an der Warthe, Marienburg, Elbing, Frauenburg und den Grenzübergang bei Heiligenbeil gegen 19 Uhr Königsberg und - nach kurzer Stadtdurchfahrt - ihr erstes Übernach-

tungsziel Rauschen.

In den folgenden Tagen besuchte die Gruppe den Königsberger Dom, Germau mit seinem neu errichteten Friedhof, Palmnicken, Cranz mit seiner Betonpromenade, die keineswegs mehr an die einstige Bedeutung dieses vielgerühmten Badeortes Ostpreußens erinnert, die Vogelwarte Rossitten, in der täglich bis zu 9.000 Vögel gefangen werden, die Epha-Düne bei Pillkoppen, das in der OB-Folge 7 eingehend thematisierte Thomas-Mann-Haus sowie den nahezu "legendären" Niddener Friedhof mit seinen "eigenwilligen Grabkreuzen in Krötenform". Kurz vor Schwarzort erfolgte eine "friedliche Konfrontation" mit einer wohl hungrigen Wildschweinherde, die - fremdenverkehrsbewußt - nach Aufschnappen der ihr zugeworfenen Brotbrocken zum Fotografieren bereitwillig posierte.

Des weiteren wurde in Memel der Theaterplatz mit dem neu gestalteten "Ännchen von Tharau-Brunnen" aufgesucht und die als "schönste Post Ostpreußens" bekannte Alte Post besichtigt. Die Rück-fahrt erfolgte über Kaunas und die Rominter Heide. Weitere Ziele, die angelaufen wurden, waren Adolf Hitlers sogenannte Wolfsschanze bei Rastenburg, die besichtigt wurde, die Wallfahrts-

kirche Heiligelinde, in der ein Orgelkonzert gehört wurde, Kruttinen, Nikolaiken, Schmidtsdorf und Bartenstein.

Der Höhepunkt der Reise waren aber die Feierlichkeiten in Hanshagen. Zu Ehren der in diesem Ort in Kriegs- und späteren Tagen Verstorbenen fand ein Totengedenken mit Andachten des evangelischen Pastors Hause aus Rastenburg und seines katholischen Amtsbruders Huzca aus Petershagen statt. An dem am 10. Juli vorletzten Jahres "von den ehemaligen Einwohnern der Gemeinde Hanshagen" errichteten Gedenkstein, einem roten, durch ein offenes Lichtkreuz geteilten Granitblock mit der Inschrift "Ich bin die Auferstehung und das Leben", wurden von den Reiseteilnehmern aus der Bundesrepublik Teile der Asche des vor einigen Monaten verstorbenen Hanshageners Herbert Neumann am Gedenkstein eingegraben.

Nach der Begrüßungsrede, in der die Reiseorganisatorin Gerdi Westerkowsky die Bedeutung des Begriffes "Heimat" für alle hier an diesem Tage Versammelten betonte, sprach der Bürgermeister Hanshagens ein Grußwort, in dem er seiner Freude über den Besuch aus der Bundesrepublik Ausdruck gab. Dieser lege, so der Politiker, Zeugnis ab von der Verbundenheit mit alten Erinnerungen und mit neuen Zukunftsvorstellungen von einem friedlichen Europa. Es folgte die Aufforderung: "Fühlen Sie sich hier bei uns wie in Ihrer Heimat zu Hause!" Traditionsgemäß schloß sich an die Gedenkfeier ein gemeinsames Kaffeetrinken und ein von den bundesdeutschen Hanshagenern ausgerichtetes Grill- fest mit Bier vom Faß an.

Am folgenden Tag standen ein Spaziergang durch das nahegelegene Landsberg bis zum "Röhrenteich", der Besuch des Storchendorfes Scheweken mit den vielen - wenn auch von den heimatlichen Symbolvögeln nicht gerade üppig be- setzten - Storchennestern, eine Einladung zum Kaffee im Großelternhaus von Gerdi Westerkow-sky in Buchholz und - nach Weiterfahrt bis Bartenstein - ein gelungener Abschiedsabend im dortigen Hotel Bartis auf dem Programm.

Als abschließendes Schmankerl der Reise war eine Fahrt über die geneigten Ebenen vorgesehen. Der Wettergott hatte aber gerade bei diesem Ereignis kein Einsehen. Die viereinhalbstündige Schiffsreise zu Wasser und auf Schienen-Wagen von Buchwalde aus über die fünf Stationen der "Rollberge" und den als Vogelparadies apostrophierten Drausensee verlief bei Dauerregen und permanent grauverhangenem Himmel ziemlich eintönig. Von Elbing aus führte die Reiseroute weiter über Danzig und Karthaus in der Kaschubischen Schweiz, wo das sehr ansprechend gestaltete Kaschubische Heimatmuseum besichtigt wurde, nach Stettin, wo die letzte Nacht der Reise verbracht wurde.

Hier in Stettin wartete noch eine unplanmäßige Überraschung auf die Reisenden. Nach dem Essen wollten Mitglieder der Reisegruppe einen kurzen Abendspaziergang zum nahegelegenen Oderufer unternehmen. Beim Hinaus- gehen aus dem Hotel mußten sie einen Augenblick verharren, weil gerade in diesem Moment Bundeskanzler Gerhard Schröder mit Gefolge das Foyer betrat. Der Kanzler ging direkt auf die vor ihm Stehenden, die er wohl unschwer als deutsche Touristen erkannte, zu und begrüßte sie sofort nahezu freundschaftlich mit Handschlag. Die Reiseorganisatorin Gerdi Westerkowsky fragte er, woher sie jetzt käme, worauf sie antwortete: "Aus Ostpreußen." Er wollte dann noch wissen, welche Eindrücke die Reisenden mitgebracht und was sie vorgefunden hätten. Als er daraufhin mit der Gegenfrage konfrontiert wurde: "Wollen Sie die ganze Wahrheit wissen?", winkte er jedoch mit der Bemerkung ab: "Besser nicht, es sind zu viele Presse-Reporter da ...", wünschte noch einer ebenfalls anwesenden Gruppe von Bundesbürgern aus München eine gute Heimfahrt und ging anschließend weiter seines Weges.

Ungeachtet dieser kleinen, aber bemerkenswerten Episode war man sich in der Gesamtbeurteilung einig, daß auch diese Reise wieder für alle mitgereisten Hanshagener ein nachhaltiges Erlebnis war.

Totengedenken: Das Bild zeigt die Reiseorganisatorin Gerdi Westerkowsky sowie Pastor Hause aus Rastenburg und Pfarrer Huzca aus Petershagen im Kreise von Kindern an dem "von den ehemaligen Einwohnern der Gemeinde Hanshagen" vor zwei Jahren auf dem Kirchhof des Ortes errichteten Gedenkstein. Foto: Radke